ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2016Flüchtlinge: Daten aus Frankfurt am Main
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In den oben genannten Beiträgen wurde über die medizinische Versorgung von Flüchtlingen und die mangelnde Datenlage zu den Gesundheitsbefunden der Flüchtlinge berichtet. In beiden Berichten wird auch auf die Frage der Besiedlung mit multiresistenten Erregern (MRE) eingegangen, da viele der Asylsuchenden aus Hochprävalenzländern kommen oder diese auf ihren Fluchtwegen passiert haben. Bereits im Oktober 2015 hatte das Robert Koch-Institut (RKI) Empfehlungen für das Screening von Asylsuchenden bei Aufnahme in Kliniken veröffentlicht.

Vor diesem Hintergrund möchten wir über die Daten unserer Screening-Untersuchungen bei Flüchtlingen in Frankfurt am Main berichten. Nach unserer Kenntnis sind die Untersuchungen unbegleiteter minderjähriger Ausländer und die Untersuchung bei Aufnahme erkrankter Flüchtlinge in ein Krankenhaus der Maximalversorgung die ersten systematisch erhobenen Daten aus Deutschland zur Frage der Prävalenz von MRE bei Flüchtlingen.

In der Universitätsklinik Frankfurt am Main wurden von Juni bis Dezember 2015 Proben von insgesamt 143 Flüchtlingen bei Aufnahme auf methicillinresistente Staphylococcus aureus (MRSA) (Nasenabstriche) und auf multiresistente Gramnegative Erreger (MRGN) (Rektalabstriche) untersucht. Die Ergebnisse wurden mit Screeningdaten anderer Patienten (Nicht-Flüchtlinge) verglichen, die zur gleichen Zeit aufgenommen wurden (1 170 Nasenabstriche; 1 489 Rektalabstriche). Acht der 143 (5,6 Prozent) Flüchtlinge waren MRSA-positiv im Vergleich mit 14/1 170 (1,2 Prozent) der Nicht-Flüchtlinge, zudem lagen bei Flüchtlingen andere spa-Typen als bei den Kontrollpatienten vor. 60,8 Prozent der Flüchtlinge wiesen MRGN (darunter 28 Prozent ausschließlich ESBL-Phänotyp) im Vergleich mit 16,7 Prozent der Nicht-Flüchtlinge (darunter 5,7 Prozent ausschließlich ESBL-Phänotyp) auf. Damit liegt das Risiko der Flüchtlinge, eine Besiedlung mit MRE aufzuweisen, circa vierfach über dem der Nicht-Flüchtlinge, wobei betont werden muss, dass in der Gruppe der Nicht-Flüchtlinge Schwerkranke, multimorbide Patienten mit teilweise langen früheren Kranken­haus­auf­enthalten enthalten waren.

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In einer zweiten Untersuchung wurden Stuhlproben von 119 unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden im Rahmen der Erstuntersuchung auch auf das Vorkommen von MRGN untersucht. Resistente Gramnegative Erreger wurden bei 42 der 119 (35,3 Prozent) Untersuchten gefunden (darunter 27,7 Prozent ausschließlich ESBL-Phänotyp). Erreger mit Carbapenemresistenz wurden nicht gefunden. Bei den Untersuchten handelte es sich um gesunde Kinder und Jugendliche (< 18 Jahren). Vorhergehende Kranken­haus­auf­enthalte oder Medizinkontakte waren nur bei zwei Personen (1,5 Prozent) bekannt. Die MRGN-Prävalenz in beiden Untersuchungen lag somit deutlich über der in der Bevölkerung in Deutschland.

Das RKI hatte festgestellt, dass ein generelles Screening bei Aufnahme in eine Gemeinschaftsunterkunft nicht angezeigt sei, bei Aufnahme in eine Klinik Flüchtlinge auf der Basis der in den KRINKO-Empfehlungen formulierten Risiken auf MRSA und Carbapenem-resistente MRGN untersucht werden sollten (Patienten aus Hochendemiegebieten, Kontakt zum Gesundheitssystem in ihrem Heimatland oder im Verlauf ihrer Flucht). Unsere Daten unterstützen die vom RKI angestrebte Schaffung einer soliden Datenbasis. Nach unserer Ansicht sollte das Screening bei Klinikaufnahme alle Asylsuchenden aus Hochendemiegebieten umfassen, da zusätzliche Risikofaktoren wie Kranken­haus­auf­enthalte oder vorausgehende medizinische Behandlungen angesichts von Sprachschwierigkeiten anamnestisch nicht immer sicher auszuschließen sind.

Literatur bei den Verfassern

Prof. Dr. med. Ursel Heudorf, Gesundheitsamt Frankfurt, 60313 Frankfurt am Main

Prof. Dr. med. Volkhard A. J. Kempf, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene,
Universitätsklinikum Frankfurt,
60596 Frankfurt am Main

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