ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2016Von schräg unten: Unglaublich

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Unglaublich

Dtsch Arztebl 2016; 113(8): [72]

Böhmeke, Thomas

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Ganz gleich, ob es meinen Wissenslücken, meiner Unsicherheit oder einfach nur meiner Faulheit geschuldet ist: Ich frage versierte Kollegen äußerst gerne um Rat, wenn die Befunde mehrdeutig, die Entscheidungen schwierig oder Therapieoptionen vielgestaltig sind. Bevorzugt belästige ich mit derartigen Problemen meiner Schutzbefohlenen äußerst erfahrene Oberärzte in großen Krankenhäusern. Diesen möchte ich an dieser Stelle meinen ausdrücklichen Dank dafür aussprechen, dass sie nicht schon beim Anblick meiner Rufnummer auf dem Display ihres Diensttelefons selbiges aus dem Fenster werfen. Denn ich bin mir bewusst darüber, dass kundige Kolleginnen und Kollegen genug zu tun haben und beileibe nicht einfach nur dasitzen und darauf warten, dass ich Patienten konsiliarisch vorstelle.

Wie beispielsweise meine Patientin, deren hämodynamische Relevanz ihrer Nierenarterienstenose so schwierig einzuschätzen ist, dass ich sie deshalb zur Ultraschallkontrolle in einem kardiologischen Zentrum vorgestellt hatte. „Also, Herr Doktor Böhmeke, so geht das aber GANZ und GAR nicht!“ Bitte? Ich hatte ihr doch einen schnellen Termin nach Wunsch besorgt, mit der zuständigen Oberärztin das Problem im Vorfeld ausgiebig besprochen, auch mit dem Hausarzt das weitere Prozedere intensiv erörtert. Nach erfolgter Untersuchung hatte mich die Oberärztin angerufen, und wir haben ausführlich beratschlagt, wie wir ihr Problem mit ihrer Nierenarterienstenose bestmöglich für sie lösen könnten. „Das meine ich nicht! Die Oberärztin, die die Untersuchung machen sollte, die hatte sich gar nicht richtig Zeit genommen! Dabei war meine Zeit auch knapp bemessen!“ Das ist ja schier unglaublich! „Doch, das war so! Dauernd ging ihr Telefon, dann entschwand sie aus dem Untersuchungsraum, ließ mich einfach da liegen, und ich hatte schon gemeint, sie hätte mich vergessen!“ Einfach unerhört! „Das sehen sie völlig richtig! Wenn ich schon die Belastung und das Opfer bringe und mich in der Klinik vorstellen muss, dann gehört sich das nicht!“ Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!

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„Genauso sprachlos wie Sie jetzt war auch mein Lebensgefährte, der mich begleitet hat! Der hatte nachher gesagt, wenn er das jemand anderem erzählen würde, so würde man ihm das überhaupt nicht glauben, man fühlte sich so richtig dazwischengequetscht! Und wissen Sie was? Er wollte auch mir ihr sprechen und hatte keine Gelegenheit dazu!“ So etwas darf einfach nicht sein! „Da bin ich ganz bei Ihnen, sie sprechen mir aus dem Herzen, aber jetzt sind Sie dran, Herr Doktor Böhmeke!“

Selbstredend und selbstverständlich bin ich jetzt dran, das geht nämlich GANZ und GAR nicht, und deshalb rufe ich jetzt die Oberärztin an. Liebe Frau Kollegin! Es ist schier unglaublich, dass Sie trotz Ihrer knappen Zeit diese noch für mich und meine Patientin opfern und trotz Ihrer Belastung sich meiner Patientin gewidmet haben! Ich habe schon ein rasend schlechtes Gewissen, dass ich mich ständig mit den Problemen meiner Patienten in Ihren Tagesablauf quetsche. Ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll, ich möchte einfach mal die Gelegenheit nutzen, mich aus ganzem Herzen auch im Namen meiner Patientin für Ihren Einsatz zu bedanken!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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