ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2016Großbaustelle Berliner Charité: Eine logistische Herausforderung

THEMEN DER ZEIT

Großbaustelle Berliner Charité: Eine logistische Herausforderung

Dtsch Arztebl 2016; 113(8): A-318 / B-269 / C-269

Schmitt-Sausen, Nora

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Berlin ist eine einzige Baustelle. Einer der höchsten Kräne steht am Bettenhochhaus der Charité in Mitte. Der Klinikbetrieb läuft trotz Großbaustelle weiter.

Kernsanierung bei weiterlaufendem Betrieb. Seit 2013 wird am Bettenhochhaus der Charité gearbeitet. Die Arbeit in der bisherigen Rettungsstelle, dem OP-Trakt und der Intensivmedizin geht weiter. Fotos: Georg J.Lopata
Kernsanierung bei weiterlaufendem Betrieb. Seit 2013 wird am Bettenhochhaus der Charité gearbeitet. Die Arbeit in der bisherigen Rettungsstelle, dem OP-Trakt und der Intensivmedizin geht weiter. Fotos: Georg J.Lopata

Ein klarer Wintertag. Aus dem noch immer teiloffenen Bettenhochhaus der Berliner Charité dringt Baulärm. Sägen kreischen, Hämmer dröhnen, am Kran surrt ein Lastenaufzug 21 Stockwerke nach oben. Auf der Luisenstraße, vor dem zentralen Eingang des alten Klinikgebäudes, direkt gegenüber der Baustelle, laufen fast so viele Männer mit Bauhelmen entlang wie Patienten. An der Rettungsstelle, die nur wenige Schritte von Baukränen, Durchgangssperren und hochgestapelten Baucontainern liegt, fährt ungeachtet der Baustellenkulisse ein Rettungswagen vor. Für jedermann hier ist sichtbar: Im Herzen von Berlins Mitte, unweit von Hauptbahnhof und Regierungsviertel, vermischt sich der Alltag einer Großbaustelle mit den eng getakteten Abläufen eines Krankenhauses.

Anzeige

Bereits seit Anfang 2013 wird das Bettenhochhaus, Jahrgang 1982, kernsaniert, die Fassade energieeffizient erneuert. Einst im alten Charité-Ton rot und mausgrau, erstrahlt die Außenwand künftig im neuen Grauton. Gleichzeitig entsteht unmittelbar neben dem Bettenhochhaus ein moderner Neubau. Darin werden künftig OP, Intensivmedizin und eine Rettungsstelle angesiedelt sein. Auch die Verbindungsbrücke zwischen Bettenhochhaus und Campusgelände wurde neu gestaltet.

Damit Bagger, Kräne und Menschen arbeiten können, wurden circa 490 Betten aus dem Bettenhochhaus ausgelagert. Die meisten davon, aber nicht alle, stehen in einem provisorischen Neubau, der sogenannten Charité Campus-Klinik. Diese wurde unweit der Großbaustelle rund um das Bettenhochhaus extra zu diesem Zweck errichtet. Der Betrieb in der bisherigen Rettungsstelle, dem OP-Trakt und der Intensivmedizin läuft weiter. Ende 2016 soll das Bauvorhaben abgeschlossen sein. Dann heißt es: Campus-Klinik wieder weg, Kräne weg, Bagger weg. Die Projektkosten belaufen sich auf insgesamt 202,5 Millionen Euro. Geschultert werden sie vom Land Berlin.

Das Credo des Großprojekts ist klar: geräuschvoll vor den Türen, möglichst geräuscharm nach innen. Neben Bauleitern und Architekten hatten deshalb die Klinikverantwortlichen bei allen Entscheidungen ein Wort mitzureden. Von Anfang an. „Es gab zunächst lange Debatten über die richtigen Lösungen. Wir haben diskutiert, ob der OP-Betrieb und die Intensivmedizin unmittelbar neben der Sanierung des Bettenhochhauses weiterlaufen können. Letztendlich haben wir uns dafür und die komplette Räumung des Bettenhochhauses entschieden“, erinnert sich Prof. Dr. med. Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité. „Im Rückblick waren beides kluge Entscheidungen.“

Skepsis vor Klinik aus Containern

Mit dem Votum für die Außerbetriebnahme des Bettenhochhauses war klar: Es muss ein Ersatzbau her. Zentrale Frage aber war: Wohin? „Denn bei einer Klinik kann man nicht einfach Container auf eine grüne Wiese stellen. Die Anbindung an die Infrastruktur muss funktionieren“, sagt Frei. Fündig wurden die Verantwortlichen westlich vom Bettenhochhaus – dem Standort der alten Kantine. Sie musste weichen, der vorhandene Keller wurde als Logistikzentrum und Fundament für das neue Objekt genutzt. Der Abriss der Kantine führte bei den Mitarbeitern zunächst „zu den üblichen Verwerfungen“, bemerkt Frei lächelnd. Letztendlich aber waren alle Sorgen unbegründet. Immerhin ist die Charité umgeben von Cafés, und inzwischen gibt es im Neubau eine Kantine.

Ein größerer Knackpunkt war die Entscheidung, die neue Campus-Klinik aus Containern zu errichten. Die Bedenken gegenüber dieser Art Provisorium waren in Berlin groß – bei Patienten genauso wie bei der Belegschaft. „Die Leute waren skeptisch. Eine Klinik aus Containern, geht das? Ich teilte diese Skepsis nicht, denn ich kannte solche Konstruktionen“, sagt Frei. Dennoch trieben auch ihn anfangs viele Fragen um. Vor allem: Wird
es in den Containern vielleicht zu eng? Schließlich würde die neue Campus-Klinik deutlich kleiner als das alte Bettenhochhaus. Doch die Weichen waren nun gestellt.

21. Februar 2013. Es geht los. In der Nacht rollen mehrere Schwerlasttransporter vor. Ihr Transportgut: die vorproduzierten Gebäudeteile für den Systembau der neuen Campus-Klinik. Nach und nach setzen Mensch und Maschine 150 vorproduzierte Gebäudeteile zusammen. Aus dem Nichts entsteht ein viergeschossiges Klinikum. Darin sind elf Fachbereiche mit insgesamt 339 Patientenbetten untergebracht. In nur wenigen Tagen ist die meiste Arbeit getan. Die Patientenzimmer-Module kommen von einer Spezialfirma und sind bereits bezugsfertig. Bis auf das Handtuch und die Zahnbürste sind alle Zimmer voll ausgestattet. Was einzig noch folgt, ist die Errichtung der Infrastruktur samt Anbindung an den alten Gebäudeteil der Charité: Wasser, Gase, IT, Notstromversorgung. Doch auch das geht schnell: In weniger als drei Monaten ist alles fertig.

Welche Abteilung kommt mit in die Campus-Klinik? Wer zieht an einen der anderen beiden klinischen Standorte? Welche Fachdisziplinen müssen enger zusammenarbeiten? „Wir mussten über diese Fragen im Haus lange und teils kontrovers diskutieren“, sagt Dr. David Naegler von der Stabsstelle Masterplan/Betriebsorganisation. Neben persönlichen Befindlichkeiten musste man die logistischen Erfordernisse beachten. Wie sind die Transportwege zwischen der neuen Campus-Klinik, dem daneben liegenden Altbau und dem OP-Trakt auf der anderen Seite der Straße? Welche Fachdisziplinen haben den höchsten Transportbedarf? Welche Abteilung kommt nach unten, welche weiter nach oben? Reichen zwei Aufzüge im Neubau, oder müssen es drei sein? Um möglichst im Vorfeld solide Antworten auf diese Fragen zu bekommen, haben die Berliner viele Situationen vorab simuliert.

Der große Tag, die Verlegung der Patienten vom Bettenhochhaus in die Campus-Klinik, wurde akribisch vorbereitet. „Wir haben auf ärztlicher und pflegerischer Seite mehrere Teams gegründet, die den Umzug mitsamt seiner Logistik geplant haben“, erläutert Frei. Da der Platz in der Campus-Klinik beschränkt war, galt vor allem eine Devise: aussortieren. „Wir mussten den Teams deutlich machen, dass sie nicht alles, was noch brauchbar ist, aufheben konnten. Man musste sich von einigen Sachen trennen, es konnte nur mit, was unverzichtbar war. Das war ein schmerzhafter Prozess“, sagt Naegler. Doch einer, der überwunden werden konnte.

15. August 2013. Umzugstag – die ersten Patienten werden aus dem Bettenhochhaus verlegt. Von unten nach oben werden die Etagen geräumt. Station für Station. Pfleger schieben Patientenbetten aus den Zimmern. Über die Verbindungsbrücke in der Luisenstraße geht es durch den alten Gebäudekomplex hindurch einen langen, neuen Verbindungsgang entlang. Auf Ebene drei führt dieser hinüber in die neue Campus-Klinik. Pro Station ist eine Umzugswoche vorgesehen. Die Patientenverlegung geschieht jeweils an ein bis zwei Tagen, der Rest ist Vor- und Nachbereitung. Die Bettenbelegung wurde für den Umzug heruntergefahren, die Personaldecke aufgestockt. Externe Dienstleister sind im Einsatz. Sie kümmern sich um das Kistenschleppen, transportieren Möbel, schrauben ab und wieder zusammen. Insgesamt dauert die Prozedur fast sechs Wochen. Erst dann sind alle Patienten umgesiedelt, ist das ganze Equipment geräumt. Das alte Bettenhochhaus ist nun gespenstig leer – und bereit für die Hämmer.

Arbeiten im Provisorium: Gewöhnungssache

Schon kurz

nach dem Umzug können die Verantwortlichen durchatmen. „Unsere größte Sorge war, dass das Gebäude nicht angenommen wird, auch nicht von den uns Patienten zuweisenden Kollegen“, sagt Frei. „Zum Glück hat sich diese Sorge als unbegründet erwiesen.“ Die Campus-Klinik sei vom ersten Tag an voll ausgelastet. Wohl auch deshalb: Die Zimmer in dem Containerbau sind moderner als die im alten Bettenhochhaus. Vor allem die Nasszellen „um Klassen besser“, sind sich Ärzte, Pflegepersonal und Patienten einig. Und: Weder von innen, noch von außen sind die Container als solche zu erkennen. Der Neubau wurden optisch gar dem Stil des denkmalgeschützten Charité-Geländes angepasst: viel rot, etwas beige, grau und weiß.

Was von Anfang an befürchtet wurde, hat sich in der Praxis allerdings bestätigt: Es ist eng. Wer über die Flure der Campus-Klinik läuft, nimmt sofort wahr, wie eng. Es ist schmal, niedrig, wirkt etwas gedrungen. Vor allem in den Aufenthaltszimmern der Ärzte und Pflegekräfte ist Zusammenrücken angesagt. Kisten mit Material stapeln sich bis unter die Decke, Arbeitstische stehen dicht an dicht. Die Zahl der Nebenräume ist zu knapp. „Anfangs führte das zu Schwierigkeiten“, sagt Frei. „Nicht alles war optimal, einiges konnte aber nachgebessert werden.“ Inzwischen haben sich alle mehr oder weniger mit der Situation arrangiert. „Natürlich muss man Abstriche machen, vor allem was das Platzangebot betrifft. Aber wir haben uns eingerichtet“, sagt Caroline Oppermann, die die Pflege in der Stabsstelle Masterplan/Betriebsorganisation vertritt. „Es ist ja nur eine Zwischenlösung und der Neubau wurde von allen lange herbeigesehnt.“

Nicht an allen Stellen erwies sich die Planung im Vorfeld als richtig. Im laufenden Betrieb musste nachgebessert werden. Vor allem hier: Wenige Wochen nach dem Umzug wurde in der Nähe der OP-Säle ein OP-Vorbereitungszentrum eingerichtet. Warum? Es stellte sich heraus, dass die Wege zwischen den OP-Sälen im alten Gebäudeteil und der neuen Campus-Klinik länger waren als geplant – und die Wartezeiten an den Aufzügen einfach zu lang. Es dauerte bis zu 40 Minuten, um von A nach B zu kommen.

„Wir haben uns an dieser Stelle etwas verschätzt“, räumt Frei offen ein. „Vor allem wenn die neuen, OP-bereiten Patienten schon da waren, aber die früher Operierten noch nicht

Im Modell ist alles schon fertiggestellt: das kernsanierte Bettenhochhaus und daneben der Neubau mit OP, Intensivstation und Rettungsstelle.
Im Modell ist alles schon fertiggestellt: das kernsanierte Bettenhochhaus und daneben der Neubau mit OP, Intensivstation und Rettungsstelle.
auf der Station waren, wurde es chaotisch. Das hat viel Personal gebunden, da prämedizierte Patienten immer von einer Pflegefachkraft begleitet werden müssen.“ Also Planänderung.

Das Prinzip des OP-Vorbereitungszentrums ist schnell erklärt: Patienten, die noch nicht auf Station sind, werden am Tag des Eingriffs in Räumen in unmittelbarer Nähe zum OP-Trakt auf ihren Eingriff vorbereitet. Erst danach kommen sie samt ihrer persönlichen Gegenstände auf die Station. „So kreuzen sich weniger Betten und die Situation wird entzerrt“, sagt Frei. Die Erfahrungen mit dem aus der Not geborenen System sind so gut, dass das Prinzip „Empfang am OP“ auf Dauer beibehalten werden soll – auch mit Blick auf den immer größer werdenden Druck bei den Liegezeiten. Ein Lerneffekt mit Gewinn für die Zukunft.

Einschränkungen für alle: Mitarbeiter abholen

Baustellenlärm, Baustellendreck, lange Transportwege, provisorische Einrichtungen, Arbeitsplatzverlegungen, Enge: So gut der Umbau auch geplant ist, eine Beeinträchtigung ist er unzweifelhaft. Vor allem die Berliner Intensivmedizin hat unter der Baustelle unmittelbar vor ihren Fenstern gelitten, insbesondere als die alte Verbindungsbrücke umgestaltet wurde. Es war eine „konstante Belastung“, wie Frei sagt. Eine extra gegründete Task Force Bau war immer im Einsatz, wenn etwas schieflief. Etwa wenn in der Nähe des sensiblen OP-Bereichs fingerdick Baustellenstaub lag. Sofort startete die Ursachenforschung, um das Problem zu beheben. In der Hochphase der Lärmbeeinträchtigung wurden Gehörschützer verteilt – an Mitarbeiter wie Patienten. Frei weiß: Um ein Vorhaben dieser Größenordnung zu stemmen, ist es wichtig, „die Nöte der Belegschaft ernst zu nehmen“.
Diese Devise galt auch beim Auszug aus dem Bettenhochhaus. Denn: „Ein Teil der Belegschaft hat 25 Jahre in dem Bettenhochhaus gearbeitet. Da war schon Wehmut dabei, als es auf den Auszug zuging. Das Kernproblem war weniger, das Gebäude zu verlassen, sondern dass im Zuge der Neustrukturierung in der Campus-Klinik langjährige Teams auseinandergerissen wurden. Das hat einigen Bauchschmerzen bereitet“, sagt Frei. Um die Mitarbeiter am Umzugstag zu unterstützen, setzte die Charité auf Gesten: So sponserte sie am Umzugstag ein Catering.

Die Belegschaft „bei Laune zu halten“ war für das Team um Frei mindestens genauso wichtig wie die Versorgung der Patienten und die Information der Öffentlichkeit. Die Mitarbeiter werden in allen Bau- und Planungsphasen kommunikativ so gut wie möglich abgeholt. Auf regelmäßigen Mitarbeiterversammlungen informieren die Verantwortlichen über den Stand der Baumaßnahmen. Zentrale Ereignisse, wie der Aufbau der Campus-Klinik, übertrugen Webcams an die anderen Standorte. Nur wenige Schritte vom Haupteingang entfernt hat die Klinik ein Besucherzentrum eingerichtet. An fünf Tagen der Woche steht es Interessierten offen, die sich über das Bauvorhaben informieren wollen. Lange bevor der erste Bagger anrollte, stand vor dem alten Bettenhochhaus ein Besichtigungsmodul der Container-Zimmer der zukünftigen Campus-Klinik. Nicht nur bei Patienten, sondern auch bei den Mitarbeitern stieß es auf großes Interesse. „Wir wollten, dass sich die Belegschaft eingebunden fühlt“, erklärt Frei alle diese Maßnahmen.

Die Charité-Mitarbeiter machen aus der Dauerbaustelle vor ihrer Nase das Beste. Das Pflegeteam aus dem Intensivbereich schmiss auf der Baustelle sogar eine „Lärmparty“ – und dazu Steaks auf einen Grill. „Letztendlich haben wir alle Probleme überwinden können. Die Konflikte mit den Mitarbeitern waren minimal“, sagt Frei. Alle hätten schließlich gewusst, dass Sanierungsbedarf besteht.

Die Planungen zur Wiederbelegung des Bettenhochhauses laufen bereits. Wenn alles nach Plan läuft, soll es Ende 2016 soweit sein. Dann hat der Baustellenspuk am Charité Standort Berlin-Mitte ein Ende. Ein herausgeputztes Bettenhochhaus, eine moderne Rettungsstelle und 15 brandneue OP-Säle sollen dann einzugsbereit sein.

Die Berliner fiebern diesem Datum entgegen – natürlich. Vor allem das Pflegepersonal und die behandelnden Ärzte sind voller Vorfreude auf die neuen Arbeitsstätten. Der Ärztliche Direktor kennt allerdings die Realitäten eines solch riesigen Klinikkomplexes wie es die Charité ist. Modernisierungsbedarf besteht nach wie vor. Und so macht Frei sich wenig vor: „Nach der Baustelle ist vor der Baustelle.“

Nora Schmitt-Sausen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema