ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2016Frage der Woche an . . . Professor Dr. med. Gabriele Schackert

ÄRZTESTELLEN: Frage der Woche

Frage der Woche an . . . Professor Dr. med. Gabriele Schackert

Ihren Erfahrungen zufolge machen es die Vorgaben des DRG-Systems schwer, der Interaktion mit dem Patienten den notwendigen Raum zu geben. Was konkret meinen Sie damit und wie wollen Sie dies ändern?

Dtsch Arztebl 2016; 113(8): [4]

Glöser, Sabine

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Ihren Erfahrungen zufolge machen es die Vorgaben des DRG-Systems schwer, der Interaktion mit dem Patienten den notwendigen Raum zu geben. Was konkret meinen Sie damit und wie wollen Sie dies ändern?

Foto: DGCH
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Schackert: Seit Einführung des DRG-Systems rechnen Krankenhäuser pauschal in Patientenfällen ab. Wie viel Zeit der Arzt mit dem Patienten verbringt, ist dabei unerheblich. Was heute zählt, ist der schwierige Fall mit hohem Relativgewicht und mittlerer Verweildauer. Unterschreitet die Klinik die untere Grenzverweildauer, gibt es von der Kasse Abzüge, überschreitet sie die obere, decken die Zuschläge oft nicht die Kosten. Kliniken arbeiten deshalb am „passgenauen“ Patienten: optimale Liegedauer, optimaler Durchsatz bei maximalem Erlös. Bereits zu Beginn des Jahres wird die Zahl der Patienten pro Fachgebiet nach Fallschwere und -erlös mit dem Kostenträger verhandelt und vorgegeben.

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Wozu hat dieses System geführt? Die Termini „Kunde“ und „Unternehmen“ haben die Begriffe „Patient“ und „Klinik“ abgelöst, Ärzte behandeln Fälle – je mehr, je schwieriger und je kürzer, desto besser. Der Weg dorthin: prästationäre Abklärung, Aufklärung und Vorbereitung des Patienten im Eilgang. Oft geht es direkt in den Operationssaal, die Aufnahme auf Station erfolgt danach. In der Folge steigt die Zahl der Eingriffe in einigen Fachgebieten dramatisch, Krankenhäuser kämpfen um ihr Überleben, organisieren sich in Klinikverbünden mit zuweisenden Arztpraxen und sparen Personal. Zeitmangel ist zum zentralen Problem in der heutigen Medizin geworden. Prozeduren werden bezahlt, Vertrauen spielt kaum eine Rolle, Ärzte wechseln häufig, Patienten sind verunsichert, Informationen gehen verloren. All das läuft der aktuellen Forderung nach Qualität zuwider.

Die heutige Öko­nomi­sierung der Medizin erscheint mehr als fragwürdig. Eine adäquate Anamnese, Untersuchung und Indikationsstellung brauchen Zeit – Zeit, um Patienten Vertrauen zu geben und ihren Willen zu erfahren. Nicht wenige Operationen würden dann entfallen. Diese Zeit ist genauso wichtig wie das gute Behandlungsergebnis und muss in der fallbezogenen Vergütung abgebildet sein. Sonst werden wir zunehmend in die falsche Richtung gedrängt. Es sollte jeden stutzig machen, dass mehr und mehr Patientenverfügungen die Therapie limitieren.

Medizin am Fließband, die jährlich eine Leistungssteigerung verlangt, kann nicht das Ziel sein und verliert den Patienten aus dem Blick. Wir müssen uns auf das eigentliche Arzt-Patienten-Verhältnis rückbesinnen, auf die Empathie und Verantwortung, die wir als Ärzte für und gegenüber unseren Patienten haben. sg

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