ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2016Das Interview mit Prof. Dr. med. Stephan Schmitz, Vorstandsvorsitzender des BNHO, und Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): „Das ist eine wissentliche Benachteiligung“

POLITIK: Das Interview

Das Interview mit Prof. Dr. med. Stephan Schmitz, Vorstandsvorsitzender des BNHO, und Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): „Das ist eine wissentliche Benachteiligung“

Dtsch Arztebl 2016; 113(8): A-311 / B-265 / C-265

Beerheide, Rebecca; Richter-Kuhlmann, Eva

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Stephan Schmitz vom Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO) und Andreas Gassen, KBV-Vorstandsvorsitzender, analysieren Kooperation und Wettbewerb in der ambulanten onkologischen Versorgung.

Es herrschen ungleiche Spielregeln im ambulanten Markt - darin sind sich Andreas Gassen (links) und Stephan Schmitz einig. Foto: Georg J. Lopata
Es herrschen ungleiche Spielregeln im ambulanten Markt - darin sind sich Andreas Gassen (links) und Stephan Schmitz einig. Foto: Georg J. Lopata

Herr Prof. Schmitz, ihr Berufsverband hat ein Gutachten zum Wettbewerb in der ambulanten onkologischen Versorgung auf den Weg gebracht. Warum?

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Schmitz: Wir beobachten in den letzten Jahren, dass Krankenhausbetreiber massiv in den ambulanten Markt drängen. Wären die Spielregeln denen der Vertragsärzte halbwegs ähnlich, wäre das nicht zu kritisieren. Aber die Behandlungskette, die ein Krankenhaus mit allen integrierten Leistungen erbringen kann, ist eine vollständig andere als die eines niedergelassenen Spezialisten. Die Onkologie ist die Speerspitze dieser Entwicklung, denn das Fach ist für viele Krankenhausbetreiber attraktiv.

Herr Dr. Gassen, wieso hat die KBV das Gutachten mit vorgestellt? Wer ist da auf wen zugekommen?

Gassen: Die Initiative ist vom Berufsverband ausgegangen. Aber das Thema ist ja für uns als KBV auch hochinteressant. Das Monopol der ambulanten Versorgung haben wir als Sicherstellungsauftrag einmal bekommen. Jetzt stellen wir fest, dass uns der Sicherstellungsauftrag zwar bleibt, aber durch die Politik erschwert und kaum mehr umsetzbar wird. Ein Beispiel sind die Terminservicestellen. Gleichzeitig schwindet das Monopol der ambulanten Versorgung. Die Öffnung der Krankenhäuser hält an. Von Vorteil für die Patienten ist das nicht immer. Das Ganze hat einen riesigen Pferdefuß: Wenn man tatsächlich die Sektorengrenzen durchlässiger gestalten würde – wofür ich große Sympathien hätte – dann müsste man der Fairness halber auch das gesamte Vergütungskonzept so gestalten. Doch derzeit bekommen die Krankenhäuser die Möglichkeit, sich relativ ungeniert am Honorartopf der Niedergelassenen zu bedienen. Und hier reden wir von einem Honorarvolumen von vier bis acht Milliarden Euro, das in den Krankenhäusern verbleibt. Das ist eine wissentliche Benachteiligung der Vertragsärzte.

Herr Schmitz, in welchen Bereichen muss sich die Zusammenarbeit zwischen onkologisch tätigen Klinikärzten und niedergelassenen Onkologen verbessern?

Schmitz: Es ist wichtig, zwischen den Krankenhausärzten und den Krankenhausbetreibern zu differenzieren. Nicht jedes Krankenhaus verhält sich so, wie im Gutachten beschrieben. Aber die privaten Konzerne, die Krankenhäuser betreiben, sind aggressiv im unternehmerischen Bereich tätig. Die Krankenhausärzte leiden teilweise mehr unter dem Primat der Wirtschaftlichkeit und Profitorientierung als die niedergelassenen Onkologen. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen in vielen Krankenhäusern ist hervorragend. Es gibt mehr als 600 Kooperationsvereinbarungen zwischen niedergelassenen Hämatologen und Onkologen und Krankenhausärzten, beispielsweise in Brustzentren, in Darmkrebszentren und Prostatazentren. Das soll auch so bleiben. Wir sehen aber, dass Krankenhausbetreiber und -geschäftsführer dies zum Teil konterkarieren.

Gerade die onkologische Versorgung wird angesichts der Fortschritte in der Molekulargenetik und der individuellen Medizin nicht funktionieren ohne Kooperation. Wie muss diese organisiert sein?

Stephan Schmitz, BNHO-Vorsitzender, ist seit 1997 mit einer Schwerpunktpraxis für Onkologie und Hämatologie in Köln niedergelassen.
Stephan Schmitz, BNHO-Vorsitzender, ist seit 1997 mit einer Schwerpunktpraxis für Onkologie und Hämatologie in Köln niedergelassen.

Schmitz: Wir brauchen ein onkologisches Netzwerk, wie im Nationalen Krebsplan beschrieben. Dieser definiert die Zentren der onkologischen Versorgung als „ein Netz von qualifizierten und gemeinsam zertifizierten, interdisziplinären und transsektoralen Einrichtungen“, welche die gesamte Versorgungskette für Betroffene abbilden. Dazu gehören also stationäre und ambulante Einrichtungen.

Der Krebsplan wurde gemeinsam mit der Politik erstellt. Trägt diese ihn in der Praxis denn mit?

Schmitz: Die Politik hat eine Weichenstellung vorgenommen, aber in der Umsetzung gibt es Probleme. Ich habe den Eindruck, dass die Entwicklung weiterhin auf eine Zentralisierung hinausläuft. Wir brauchen aber eine flächendeckende Versorgung durch Netzwerke. Den Plan dafür gibt es, gelebt wird er aber nicht. Bei der Frage, wie die Onkologie zu organisieren ist, geht es ja nicht um die niedergelassenen Onkologen, sondern um die Versorgung der Patienten. Und diese ist durch uns niedergelassene Onkologen sehr gut, denn wir sind frei in unseren ärztlichen Entscheidungen und unterliegen nicht so dem wirtschaftlichen Primat wie DAX-orientierte Klinikunternehmen.

Wie sieht es bezüglich der klinischen Forschung aus? Wie stark kooperieren Schwerpunktpraxen mit Maximalversorgern bei der Erstellung von Studien?

Schmitz: Die niedergelassenen Hämatologen und Onkologen gehören mit Sicherheit zu den innovativsten Studienbetreibern. Es gibt ja auch Netzwerke, wie das Kompetenznetz, die gar nicht ohne die Niedergelassenen auskommen würden. Gerade bei den ganz kleinen molekulargenetisch definierten Patientenpopulationen, die mittlerweile für eine Studie herausgefiltert werden müssen, sind die Comprehensive Cancer Center der Maximalversorger, kurz CCC, auf diese Kooperation angewiesen. Die Zukunft liegt nicht alleine bei den CCCs und der Zentralisierung, sondern in den Innovationsnetzwerken. Für die Versorgung der Patienten ist es vielmehr wichtig, die Kompetenz in die Fläche zu bringen. Und dafür sind wir als Vertragsärzte prädestiniert.

Wenn die CCC auf die Kooperation angewiesen sind, warum kommt es zu diesen Diskrepanzen?

Schmitz: Es gibt da zwei Welten: die medizinische und die ökonomische Welt, die mittlerweile leider oft die medizinische dominiert. Und die Welten laufen immer weiter auseinander.

Es gibt ja auch noch eine dritte Welt, nämlich die der Politik. Herr Dr. Gassen, warum bleibt die Politik nicht auf dem Pfad, der auch im Nationalen Krebsplan angelegt ist?

Andreas Gassen, seit März 2014 KBV-Vorstandsvorsitzender, ist seit 1996 niedergelassener Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie in Düsseldorf.
Andreas Gassen, seit März 2014 KBV-Vorstandsvorsitzender, ist seit 1996 niedergelassener Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie in Düsseldorf.

Gassen: Es gibt ja zwei Gründe für solch ein Verhalten: Man weiß es nicht besser oder man hat eine andere Idee. Die Politik will weiter eine ambulante Versorgung – aber nicht mehr unbedingt von den Vertragsärzten. Und das ist ein Paradigmenwechsel. Es ist unstrittig, dass wir mit den Kollegen in der Klinik auf der fachlichen Schiene zusammenarbeiten wollen und müssen. Aber gerade in der Onkologie ist es so, dass Patienten zum Teil über Jahre betreut werden müssen. Die Überlebenschancen krebskranker Patienten haben sich deutlich verbessert. Das ist ein Segen. Die Patienten brauchen aber deshalb auch eine jahrelange persönliche Betreuung durch einen Spezialisten. Das ist eine Leistung, die nur die Vertragsärzte an der Stelle erbringen können.

Ist das Ihr Appell an die Politik?

Gassen: Ich glaube, dass die Politik einen schweren Fehler begeht, wenn sie versucht, die Vertragsärzteschaft auszutrocknen und die spezialisierten Fachärzte ans Krankenhaus zu binden und damit den wirtschaftlichen Zwängen des Krankenhauses zu unterwerfen. Dies ist auch wesentlich teurer. Versorgungstechnisch erbringen die Vertragsärzte weltweit die niedrigschwelligste und einzigartigste Versorgung, die nun offenbar zur Disposition steht. Das können wir nicht tatenlos akzeptieren. Und da bin ich wieder beim Sicherstellungsauftrag: Man muss sich überlegen, ob man den Sicherstellungsauftrag nur mit der Verpflichtung bei den Vertragsärzten lassen und alles andere ausklammern kann.

Schmitz: Es wäre doch irrsinnig, ein funktionierendes System zu beschädigen, nur um es dann neu aufzubauen. Wir niedergelassenen Onkologen wollen ja nicht allein die Versorgung der Patienten übernehmen. Wir wollen in Netzwerken arbeiten. Onkologie wird immer komplexer, immer kleinteiliger, es gibt immer mehr Menschen, die einen Patienten versorgen. Deshalb ist es vor diesem Hintergrund immer bedeutsamer, dass der betreuende Facharzt, der den Patienten seit Jahren kennt, die gesamte Koordination übernimmt. Dies entspricht auch dem Wunsch der Patienten. Daher sollte man das gute System, das wir haben, erhalten, stärken und weiterentwickeln.

Im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss streiten Sie Herr Dr. Gassen als Vertreter der KBV regelmäßig mit dem Hauptgeschäftsführer der DKG, Georg Baum, um die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV).

Gassen: Das ist eine Diskussion, die ich als Arzt mit einem Vertreter der Interessen von Krankenhausbetreibern, in diesem Fall Herrn Baum, führe. Die Diskussion ist aber weit davon entfernt, eine medizinische Diskussion zu sein. In Diskussionen mit Ärztlichen Leitern sind wir als KBV mit den Ärzten in Kliniken sehr nah beieinander. Bei der ASV gilt für uns: Sie muss im Facharztstatus erfolgen, und das haben wir in Kliniken eher selten. Die DKG sieht eventuell die ASV eher als Futtertrog, den man sich einverleiben möchte. Mir geht es bei der Diskussion aber um die optimale Versorgung der Patienten.

Das Interview führten Rebecca Beerheide und Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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