ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2016Entwicklungshilfe: Humanitärer Einsatz im Kalten Krieg

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Entwicklungshilfe: Humanitärer Einsatz im Kalten Krieg

Dtsch Arztebl 2016; 113(9): A-370 / B-315 / C-315

Jachertz, Norbert

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Südkorea erinnert an das Rotkreuzhospital in Busan. Zwischen 1954 und 1959 wurden dort mit Hilfe deutscher Ärzte und Krankenschwestern gut 250 000 Patienten versorgt.

Beachtliche Bilanz: Im DRK-Hospital in Busan wurden zwischen 1954 und 1959 rund 250 000 Patienten behandelt, meist arme und schwer kranke. Fotos: medienarchiv.com
Beachtliche Bilanz: Im DRK-Hospital in Busan wurden zwischen 1954 und 1959 rund 250 000 Patienten behandelt, meist arme und schwer kranke. Fotos: medienarchiv.com

Fünf Jahre lang, zwischen 1954 und 1959, betrieb das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Busan (auch: Pusan) ein Krankenhaus. Die Republik Korea („Südkorea“) erinnert dieser Tage „an die beinahe vergessene Geschichte“ aus einer für das Land schweren Zeit. „Diese warmherzige Hilfe gab uns Hoffnung“, so Südkoreas Botschafter in Berlin, Kyung Soo Lee, „und bot uns einen wichtigen Baustein für die Entwicklung der modernen Medizintechnologie in Korea“. Viele Koreaner erinnerten sich zudem an „Deutschland als das Land, das Korea auf dem Weg zum Industrieland unterstützt hat.“

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Die Hafenstadt Busan liegt im äußersten Südosten der koreanischen Halbinsel. Wahrend des Koreakrieges (1950/53) wurde die Stadt, die nicht von nordkoreanischen Truppen besetzt war, Ziel für Millionen Flüchtlinge. „Der Überbevölkerungsdruck ist so eminent, dass er das Menschengewusel in alle Winkel und leeren Räume presst“, beobachtete Stefan W. Escher, ein Chirurg am Hospital in Busan. Er beschrieb die Stadt als chaotisch, überfüllt nicht nur mit den Flüchtlingen, sondern auch mit einer Fülle von Militär- und Hilfsorganisationen.

Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte bei seinem USA-Besuch 1953 („Ein Mann wirbt für sein Volk“) dem amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower angeboten, die USA im Koreakrieg durch ein Feldlazarett zu unterstützen. Eine symbolische Geste. Militärisch konnte West-Deutschland nicht zuarbeiten, die Bundeswehr war erst im Aufbau, die Wiederbewaffnung ohnehin höchst umstritten.

Noch während die Hospitalausrüstung verschifft wurde, endete der Koreakrieg durch Waffenstillstand. Statt des Feldlazaretts entstand in einem ehemaligen Lyzeum ein fast normales 250 Betten-Haus mit chirurgischer, internistischer und gynäkologischer Abteilung. Es sei mit Geräten auf das Großzügigste und Modernste ausgestattet gewesen, erinnert sich der nachmalige Sanitätsinspekteur der Bundeswehr, Dr. med. Eberhard Daerr, der von 1954 bis 1956 in Busan als Leiter der Chirurgie eingesetzt war. Ungewöhnlich – auch nach den deutschen Maßstäben der 50er Jahre – war die dichte Belegung in sehr großen Krankensälen und die prekäre lokale Infrastruktur der armen Stadt. So musste das Hospital zum Beispiel seine Wasser- und Elektrizitätsversorgung selbst organisieren. Erschwerend für das Hospital kamen die komplizierten, die Verantwortung verwischenden Zuständigkeiten hinzu: In Südkorea die US-Army (formal unter dem Dach der Vereinten Nationen) und die noch neue Republik Korea, in Deutschland das Auswärtige Amt und das sich einmischende Kanzleramt sowie schließlich das DRK, das von der Bundesregierung mit dem Betrieb des Hospitals beauftragt war. Dieses Durcheinander spielte auch bei der Schließung des Krankenhauses eine Rolle.

Umso beachtlicher ist die medizinische Leistungsbilanz, die der Leiter des DRK-Hospitals, Prof. Dr. med. Günther Huwer, nach den fünf Jahren ziehen konnte: 22 000 stationär aufgenommene und 230 000 ambulant behandelte Patienten, 16 350 Operationen, 6 000 Geburten. Aufgenommen wurden nur arme Patienten, meist schwer- und schwerstkrank.

Die DRK-Statistik listet für Busan 117 deutsche Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Krankenschwestern und Verwaltungskräfte auf, darunter 33 Ärzte, die zumeist ein bis zwei Jahre in Busan verbrachten, Huwer sogar die ganzen fünf Jahre. Hinzu kamen 150 koreanische Angestellte, darunter 41 koreanische Ärzte und 60 diplomierte koreanische Schwestern, auch wurden jährlich 20 Schwesternschülerinnen ausgebildet. Der Andrang der Patienten zum Krankenhaus war bis zum Schluss groß. Es gab sogar, bis man dahinter kam, einen schwunghaften Handel mit Aufnahmeberechtigungsscheinen.

Hospitalleiter Huwer hatte fast sein gesamtes Berufsleben, zumeist als gynäkologischer Chefarzt, in Fernost verbracht. Er erwies sich als „Chef alter Schule“. Das wurde von manchen seiner Kollegen als autoritär empfunden und führte zu Reibereien. Nach Beschwerden von Ärzten des Hospitals, die an verschiedene Stellen in Deutschland gingen – siehe die zersplitterten Zuständigkeiten – und auch an die Presse lanciert wurden, schloss das DRK im März 1959 sein Hospital.

Über die Hintergründe wird bis heute spekuliert. Chirurg Daerr, der nach seiner Karriere im Sanitätsdienst der Bundeswehr zum Bundesarzt des DRK bestellt wurde, erklärte, dass die Zeit des Hospitals von vornherein begrenzt gewesen sei. Die jüngste Analyse aus dem Jahr 2015 stammt von der koreanischen, in den USA lehrenden Historikerin Young Sun Hong. Sie betrachtet die Entwicklungshilfe als Teil des Kalten Krieges, in dem die Entwicklungsländer Spielbälle der konkurrierenden Großmächte waren. Die tatsächlichen humanitären Hilfeleistungen kommen bei einer solchen Betrachtung freilich zu kurz. Unter diesem einschränkenden Aspekt diskutiert Hong auch ausführlich den DRK-Einsatz in Busan. Sie nennt zwei Hintergründe für dessen Ende: Zum einen hätten die USA 1959 ihr militärisches Interesse auf Vietnam konzentriert und an Korea und damit auch an „Adenauer’s gift to the United States“ in Busan nur noch wenig Interesse gehabt. Folglich habe sich auch die deutsche Hilfe nach Vietnam verlagert. Zum anderen hätte die Adenauer-Regierung den Kirchen entgegenkommen wollen, die die humanitäre Entwicklungshilfe als ihre Domäne angesehen hätten und just 1959 mit ihren Hilfswerken Misereor und Brot für die Welt starteten. Die bei der abrupten Schließung des DRK-Hospitals in Busan stellungslos gewordenen rund 70 Schwestern und Schwesternschülerinnen übernahm laut Hong das von deutschen Benediktinerinnen geführte Presbyterian Hospital in der Nachbarstadt Taegu. Viele der koreanischen Schwestern zogen wenige Jahre später weiter nach Deutschland, um hier den Schwesternmangel zu beheben (Ein Bericht darüber folgt in einer der nächsten Ausgaben des DÄ).

Jenseits von Intrigen und politischen Spielchen – für die Kranken war das deutsche Krankenhaus der Ort, in dem ihnen wirkungsvoll geholfen wurde. Daerr erinnert in einer Nachbetrachtung 1984 denn auch an den Dank der Patienten. „Nur ihr Urteil über Wert und Erfolg der fünfjährigen Arbeit des DRK-Hospitals in Pusan sollte gehört werden und gelten.“

Norbert Jachertz

1.
Günther Huwer und Eberhard Daerr: Das DRK-Hospital in Pusan – Der Korea-Einsatz des Deutschen Roten Kreuzes von 1954 bis 1959, in: Komitee 100 Jahre deutsch-koreanische Beziehungen (Hg): Bilanz einer Freundschaft, Bonn 1984
2.
Stefan W. Escher: Das Jahr in Pusan, München (Piper) 1959
3.
Young-sun Hong: Cold war Germany, the Third World, and the Gobal Humanitarian Regime, New York (Cambridge University Press) 2015
1.Günther Huwer und Eberhard Daerr: Das DRK-Hospital in Pusan – Der Korea-Einsatz des Deutschen Roten Kreuzes von 1954 bis 1959, in: Komitee 100 Jahre deutsch-koreanische Beziehungen (Hg): Bilanz einer Freundschaft, Bonn 1984
2.Stefan W. Escher: Das Jahr in Pusan, München (Piper) 1959
3.Young-sun Hong: Cold war Germany, the Third World, and the Gobal Humanitarian Regime, New York (Cambridge University Press) 2015

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