ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2016Deutscher Krebskongress: Von Visionen und Hindernissen

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Deutscher Krebskongress: Von Visionen und Hindernissen

Dtsch Arztebl 2016; 113(9): A-349 / B-297 / C-297

Zylka-Menhorn, Vera

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Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medzinreport
Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medzinreport

Microsoft-Mitbegründer Bill Gates ist ein Visionär der IT-Branche. Vor 40 Jahren hatte er das ehrgeizige Ziel, die Arbeitswelt mittels PC und Software zu erleichtern. Das ist wahrlich gelungen; diese Techniken haben unser Leben revolutioniert. Vor wenigen Tagen äußerte Gates nun eine weitere Vision: Krebs werde wegen enormer Fortschritte in der medizinischen Forschung bald kein Problem mehr sein. Gates erachtet die Entwicklung zielgerichteter Medikamente als ein „Wunder“, so dass Tumorerkrankungen in den nächsten 30 Jahren weitgehend heilbar sein werden.

Nun, von Wundern und absehbarer Heilung wollte beim 32. Deutschen Krebskongress in Berlin niemand reden, aber eine gewisse Euphorie war durchaus zu spüren. Denn die Onkologie erlebt einen unglaublichen Innovationsschub – und damit Durchbrüche für die Therapie bislang kaum behandelbarer Tumorerkrankungen (wie CML, GIST, multiples Myelom). Insbesondere Therapieverfahren, die unter den Begriffen stratifizierte, individualisierte oder personalisierte Krebsmedizin zusammengefasst werden, wecken Hoffnungen auf eine Verbesserung der Prognose für die Patienten. Allerdings: Aufgrund der molekulargenetischen Komplexität der einzelnen Tumoren profitieren zurzeit nur kleine Patientengruppen von den innovativen Arzneimitteln – man schätzt den Anteil auf fünf Prozent. Zudem wirken manche Präparate nur wenige Monate, dann kommt es zu neuen Genmutationen, die der Progression einer Tumorerkrankung Vorschub leisten.

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Das ist für Ärzte wie für Patienten ernüchternd. In Berlin war jedoch zu hören, dass man bei der personalisierten Medizin erst am Anfang einer Lernkurve – und vor zahlreichen Hindernissen – stehe. „Die wissenschaftlich kontrollierte Umsetzung dieser neuen Konzepte in Diagnostik und Therapie findet in Deutschland allenfalls punktuell statt, so dass bereits verfügbares Wissen – wenn überhaupt – nur begrenzt zum Wohl der Patienten eingesetzt wird“, sagte der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), Prof. Dr. med. Wolff Schmiegel. Auf dem Kongress wurden Wege skizziert, wie die modernen Therapieverfahren zügig und flächendeckend in die Regelversorgung überführt werden könnten. Als vorrangige Aufgaben erachtet man den Aufbau von Zentren mit hoher Expertise der molekularen Multiplex-Diagnostik, den Ausbau von Netzwerkstrukturen für alle Patienten einer Tumorentität, die Übernahme der Kosten für die molekulare Diagnostik durch die Krankenkassen und die kontinuierliche Evaluation personalisierter Therapien in großen Registerdatenbanken. 

Einige Punkte betreffen damit auch die politische Entscheidungsebene. Schmiegel begrüßte zwar, dass mit dem Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG) die ersten Punkte des 2008 gestarteten Nationalen Krebsplans in Angriff genommen worden sind („Wir erkennen an, dass die Gesundheitspolitik im vergangenen Jahr wichtige Aspekte der Hospiz- und Palliativversorgung angegangen ist.“), forderte von der Politik aber konkrete Verbesserungen der Rahmenbedingungen für die personalisierte Krebsmedizin. „Wir bedauern, dass der Diskussions- und Umsetzungsprozess ins Stocken geraten ist“, betonte Schmiegel. „Dieses ist aus Sicht unserer Fachgesellschaft beunruhigend, zumal Krebs weiterhin eines der führenden Gesundheitsprobleme der täglichen Krankenversorgung darstellt.“ Dafür sind nun politische Visionen gefragt.

Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medzinreport

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