ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1999Europawahlen: Ärztlicher Sachverstand vertreten

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Europawahlen: Ärztlicher Sachverstand vertreten

Dtsch Arztebl 1999; 96(22): A-1480 / B-1159 / C-1054

Durand de Bousingen, Denis

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LNSLNS Am 13. Juni finden die Wahlen zum Europa-Parlament statt. Zur Wiederwahl stellen sich auch einige Ärzte, die sich vor allem in der Gesundheitspolitik engagieren.


Am 13. Juni wählen die Bürger der 15 EU-Mitgliedstaaten die 626 Mitglieder des Europäischen Parlaments, die sie in Brüssel und Straßburg vertreten sollen. In der vergangenen Legislaturperiode waren 40 Angehörige der Heilberufe im EU-Parlament vertreten, darunter 25 Ärzte. Viele dieser Ärzte beschäftigen sich als Abgeordnete besonders mit gesundheitspolitischen Fragen oder Themen der medizinischen Forschung. Da die Rolle der Union in der Gesundheitspolitik in den letzten Jahren deutlich erweitert wurde, ist es wichtig, daß die Parlamentarier, die die oft komplizierten Berichte und Richtlinien abstimmen sollen, sich auch in diesen Bereichen gut auskennen. Viele ärztliche Abgeordnete sind deshalb Berichterstatter für medizinische und gesundheitspolitische Vorhaben. Sie spielen so eine wichtige Rolle beim Aufbau einer europäischen Gesundheitspolitik.
Mit sieben Ärzten von 87 Abgeordneten ist die italienische Delegation die "arztreichste" nationale Vertretung im Parlament. Den höchsten Arztanteil verzeichnet jedoch Griechenland. Vier der 25 Abgeordneten, fast 20 Prozent, sind Ärzte. Aus Spanien und Frankreich kommen jeweils fünf Ärzte, gefolgt von zwei portugiesischen Ärzten und einem finnischen Arzt. Obwohl Deutschland mit 99 Abgeordneten über die größte Delegation verfügt, sitzt nur ein Arzt im Parlament. Der Kinderarzt Dr. med. Peter Liese, der den Wahlkreis Sauer/Siegerland vertritt, gehört der Fraktion der Europäischen Volkspartei an, die die Christdemokratischen Parteien Europas im Parlament vereinigt. Außerdem gehören dem Parlament drei Tierärzte aus Deutschland, drei Apotheker, darunter die CDU-Abgeordnete Dr. Renate Heinisch aus Tauberbischofsheim, sowie einige Psychologen, Krankenschwestern und Logopäden an, die hauptsächlich aus Großbritannien und Nordeuropa kommen.
Alle Abgeordneten verbringen durchschnittlich zwei Sitzungswochen pro Monat in Brüssel und eine in Straßburg. Zusätzlich führen einige ärztliche Abgeordnete ihre berufliche Tätigkeit fort. Der französische Abgeordnete Prof. Dr. med. Jean-Pierre Bébéar leitet nach wie vor die HNO-Abteilung des Universitätskrankenhauses in Bordeaux. Im Parlament beschäftigt er sich jedoch kaum mit der Medizin. Statt dessen widmet er sich der Agrar- und Weinpolitik: "Da ich aus Bordeaux komme, betreffen mich Weinhandel und Weinqualität ganz besonders", erklärt er. Im Gegensatz dazu ist Prof. Dr. med. Christian Cabrol, ein Pionier der Herzchirurgie in Europa, der aktivste Abgeordnete in der Gesundheitspolitik; er hat während der vergangenen Legislaturperiode nicht weniger als zwölf Berichte zu diesen Themen vorgestellt. Unermüdlich plädiert er für die Entwicklung einer europäischen Gesundheitspolitik. Auch der deutsche Arzt Peter Liese teilt seine Zeit zwischen der parlamentarischen Arbeit, der politischen Tätigkeit in seinem Wahlkreis und seiner Gemeinschaftspraxis in Meschede auf; im Parlament ist Liese Sprecher seiner Fraktion für Biotechnologie und Bioethik. Zu seinen weiteren Schwerpunkten gehörten unter anderem Babynahrung, die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln sowie das Bier-Reinheitsgebot und andere Lebensmittel- und landwirtschaftliche Fragen.
"Dem Europa-Parlament anzugehören ist ein echter Fachberuf", faßt Cabrol zusammen. "Unsere Fachkenntnisse helfen uns, mit komplizierten Richtlinien umzugehen, die für die ,Laienabgeordneten' manchmal kaum verständlich sind." "Im Gegenzug", so Cabrol weiter, "vertraue ich auf die Vorschläge meiner Fraktion, wenn es um eine Richtlinie zu Mopedmotoren oder Fernsehgeräten geht."
Die Erfahrung der früheren Wahlen hat gezeigt, daß etwa die Hälfte der Abgeordneten wiedergewählt wird. "Wir würden gern weiter dem Parlament angehören", erklären auch viele Ärzte, "weil wir in den letzten Jahren Erfahrungen gesammelt haben, die für die kommenden Herausforderungen nützlich sind." Die Parlamentarier gehen davon aus, daß das Thema Gesundheit in der europapolitischen Arbeit künftig noch an Bedeutung gewinnen wird. Ihrer Ansicht nach können sich nur erfahrene Fachleute erfolgreich mit diesen Themen beschäftigen.
Einige Ärzte haben fast eine ganze Laufbahn im Parlament verbracht, wie der griechische Chirurg Prof. Paraskevas oder der Italiener Prof. Eolo Parodi, Ehrenpräsident der italienischen Ärztekammer und seit 15 Jahren Mitglied des Parlaments. Denis Durand de Bousingen

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