ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1999Neue Methoden in der kardialen Funktionsdiagnostik

MEDIZIN: Editorial

Neue Methoden in der kardialen Funktionsdiagnostik

Dtsch Arztebl 1999; 96(22): A-1486 / B-1268 / C-1191

Löllgen, Herbert; Lüderitz, Berndt

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LNSLNS Die Weiterentwicklung in der Kardiologie in den letzten Jahren und Jahrzehnten war in vielen Teilbereichen eindrucksvoll und stürmisch zugleich. Besonders beeindruckend sind die Methoden der Molekularbiologie und der interventionellen Verfahren. Die Ballondilatation beim akuten Myokardinfarkt und Gefäßstützenimplantation mit verbesserter medikamentöser Begleittherapie haben die Ergebnisse der Infarktbehandlung erheblich verbessert. Die Elektrophysiologie hat in Diagnostik und nicht medikamentöser Therapie enorme Fortschritte gemacht.
Aber auch die klassischen Untersuchungsverfahren wie EKG und Orthostasestest sind weiterentwickelt worden, jedoch ohne größere Schlagzeilen wie die anderen, oben aufgeführten Methoden. Häufiger wird mancher im Entlassungsbericht aus der Klinik Begriffe lesen, die nicht so geläufig sind und deren klinischer Stellenwert noch nicht sicher abzuschätzen ist. Solche neuen Verfahren werden in der nachfolgenden Artikelserie dargestellt. Rechnergestützte Analyse verbessert Diagnostik
Bemerkenswert bei diesen Verfahren wie Kipptisch-Untersuchung, Prüfung von Barorezeptorfunktion oder Herzfrequenzvariabilität ist die Tatsache, daß es sich teilweise um alte Methoden handelt (2, 3, 4). Diese konnten erst durch eine verbesserte, meist rechnergestützte Analysetechnik in der Praxis angewendet und zur "Routine" werden. Dies trifft in gleicher Weise für die Analyse der Spätpotentiale zu, wie der QT-Dauer oder des TWellen-Alternans; Verfahren also, die grundsätzlich schon seit Jahren oder Jahrzehnten bekannt sind (4, 6). Verschiedene fachkundige Autoren stellen die neuen Methoden vor und erläutern den derzeitigen Stellenwert in der klinischen Diagnostik. Ein Ziel dieser Meßgrößen ist die Beurteilung der autonomen Herzfunktion, diese wiederum gilt als wichtiger prognostischer Parameter nach kardialen Ereignissen, speziell nach einem Herzinfarkt. Somit dienen die neuen Funktionsgrößen in erster Linie der Risikoabschätzung bei der koronaren Herzkrankheit, speziell nach einem Herzinfarkt (5). Möglicherweise lassen sich aber auch bei Kardiomyopathien oder nach Herzinsuffizienz unterschiedlicher Ätiologie aus diesen Parametern prognostische Aussagen treffen. Im Hinblick auf die derzeit möglichen unterschiedlichen Behandlungsformen mit Medikamenten, Katheterinterventionen, Operationen oder Schrittmachersystemen kommt einer zuverlässigen Risikoabschätzung (Risikostratifizierung) eine große klinische Bedeutung zu.
Die in dieser Serie vorgestellten Verfahren ergänzen die hinreichend bekannten und bewährten Methoden wie die Bestimmung der Auswurffraktion, die ventrikuläre Elektrostimulation, das Langzeit-EKG und den Belastungstest, bei dem rechtsventrikuläre Ableitungen eine verbesserte Aussage ermöglichen (7).
Untersuchung mit Linksherzkatheter bleibt Grundlage
Die Linksherzkatheteruntersuchung mit Koronarangiographie und Ventrikulographie bleibt Grundlage einer rationalen Differentialtherapie. Die neuen funktionsdiagnostischen Parameter sind unabhängige und ergänzende Verfahren zur Beurteilung des kurz- und langfristigen Risikos bei koronarer Herzkrankheit, Kardiomyopathien und Bluthochdruck und unterschiedlichen Vitien. Sie müssen naturgemäß bei der Risikoabschätzung in das klinische Bild und den Krankheitsverlauf einbezogen werden. Dabei sind Grundkrankheit und Krankheitsstadium zu beachten sowie Randbedingungen wie Alter, Begleiterkrankungen und prädisponierende Faktoren zu berücksichtigen. Für die Synkopenabklärung muß heute die Kipptisch-Untersuchung als unverzichtbar angesehen werden.
Die dargestellten neuen und alten Methoden sind wichtige Hilfsmittel in der Hand des erfahrenen Arztes, besonders des kardiologisch ausgerichteten Internisten. Darüber sollte aber nicht vergessen werden, daß einer sorgfältigen Anamnese und klinischen Untersuchung unverändert eine zentrale Bedeutung zukommt. Das Stethoskop bleibt dabei nach wie vor das entscheidende "Instrument" des Arztes.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1999; 96: A-1486-1487
[Heft 22]


Literatur
1. Andresen D, Steinbeck G, Brüggemann T, Müller D, Haberl R, Behrens S, Hoffmann E, Wegscheider K, Dissmann R, Ehlers C: Risk stratification following myocardial infarction in the thrombolytic era. J Am Coll Cardiol 1998; 32: 33-38.
2. Bannister R (ed.): Autonomic Failure. Oxford: Oxford University Press, 1983.
3. Bilman GE, Stone HL: Baroreceptor control of heart rate: a predictor of sudden cardiac death. Circulation 1982; 66: 874-880.
4. Eckberg DL, Drabinsky M, Braunwald E: Defective cardiac parasympathetic control in patients with heart disease. N Engl J Med 1971; 285: 877-883.
5. LaRovere MT, Bigger JT, Marcus FI, Mortara A, Schwartz PJ: Baroreflex sensitivity and heart rate variability in prediction of total cardiac mortality after myocardial infarction. Lancet 1998; 351: 478-484.
6. Lüderitz B: History of the disorders of cardiac rhythm. 2nd Ed. Armonk, New York: Futura Publishing Company, 1998.
7. Michaelides AP, Psomadaki ZD, Dilaveris PE, Richter DJ, Andrikopoulos GK, Aggeli KD, Stefanidis CI, Toutouzas PK: Improved detection of coronary artery disease by exercise electrocardiography with the use of right precordial leads. N Engl J Med 1999; 340: 340-345.


Anschrift der Verfasser
Prof. Dr. med. Herbert Löllgen
Medizinische Klinik I
Klinikum Remscheid GmbH
Burgerstraße 211
42859 Remscheid


Prof. Dr. med. Berndt Lüderitz
Medizinische Universitätsklinik
und Poliklinik II
Sigmund-Freud-Straße 25
53105 Bonn

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