ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 1/2016Ärztliche Kooperationsformen: Vielfältige Möglichkeiten

Supplement: PRAXiS

Ärztliche Kooperationsformen: Vielfältige Möglichkeiten

Dtsch Arztebl 2016; 113(9): [28]

Schimrick, jur. Martin

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Praxisnetze, Organisations- und Berufsausübungsgemeinschaften sowie Medizinische Versorgungszentren sind unterschiedliche Modelle der Niederlassung mit vielfältigen Ausprägungen.

Foto: iStockphoto
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Eine Spezialisierung und damit auch die notwendige Zusammenarbeit mit ärztlichen Kollegen wird immer wichtiger. Sinnvolle, in manchen Fällen sogar erforderliche Spielarten sind vielseitig, wie der folgende Überblick verdeutlicht.

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Praxisnetze ermöglichen die Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen und in verschiedener Tiefe von losen Treffen bis hin zu zum Beispiel Gesundheitsunternehmen zur Optimierung der Versorgungs- und Vergütungsstrukturen.

Für von einer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) anerkannte Praxisnetze müssen die KVen gesonderte Vergütungsregelungen vorsehen. Ergänzend zur Gesamtvergütung ist es zudem möglich, Praxisnetze mit Mitteln des Strukturfonds einer KV durch eigenes Honorarbudget zu fördern (§ 87 b Sozialgesetzbuch V).

Organisationsgemeinschaften, dazu zählen die Praxisgemeinschaft, die Apparategemeinschaft und das Ärztehaus, sehen die gemeinsame Nutzung von Räumlichkeiten, medizinischen Geräten oder nichtärztlichem Personal vor.

Berufsausübungsgemeinschaften (BAG) sind Unternehmen mit gemeinsamer Haftung auf der Grundlage eines Gesellschaftsvertrages. Sie zeichnen sich durch eine gemeinsame Patientenkartei aus, rechnen über eine gemeinsame Abrechnungsnummer ab und erhalten ein gemeinsames Honorar. Die Zulassung verbleibt beim Vertragsarzt.

Zu unterscheiden sind hierbei:

  • örtliche oder überörtliche (innerhalb der KV und KV-bereichsübergreifend) Berufsausübungsgemeinschaft und
  • Teilgemeinschaft (Zusammenarbeit nur in bestimmten Bereichen).

Mit Inkrafttreten des Versorgungsstärkungsgesetzes (VSG) am 23. Juli 2015 sind Nachbesetzungsverfahren in überversorgten Gebieten verschärft worden. Die dortige Weiterführung wurde durch den Gesetzgeber grundsätzlich auf einen privilegierten Personenkreis (Ehegatte, Lebenspartner, Kind) oder einen Nachfolger nach mindstens drei Jahren Jobsharing beschränkt.

Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen sich noch bei der Bereitschaft zur Verlegung in ein unterversorgtes Gebiet oder nach vorheriger dortiger Tätigkeit von mindestens fünf Jahren, zudem gegebenenfalls über Medizinische Versorgungszentren (MVZ, siehe unten). Anderenfalls besteht nunmehr zur Steuerung der Nachbesetzung ab einem Versorgungsgrad von 140 Prozent grundsätzlich die Pflicht der KV zum Aufkauf von Praxissitzen. Dieser liegt zum Beispiel für Radiologen nach Aussage der KV Berlin (2014) bei 248,9 Prozent.

Jobsharing: Der Jobsharing-BAG-Partner erhält eine eingeschränkte Zulassung, die an die Zulassung des Vertragsarztes gebunden ist oder bei der Anstellung erhält der Vertragsarzt die Genehmigung, den Jobsharer bei sich ohne einen zusätzlichen Angestelltensitz zu beschäftigen.

Jobsharing ermöglicht eine Umsatzsteigerung (§ 101 Abs. 1 Nr. 4 und 5 SGB V, Nr. 23 c der Bedarfsplanungs-Richtlinie Ärzte) auf bis zu 103 Prozent des Durchschnitts der Facharztgruppe.

Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ): Zugelassene Ärzte, zugelassene Krankenhäuser, Erbringer nichtärztlicher Dialyseleistungen, bestimmte gemeinnützige Träger oder Kommunen können als ärztlich geleitete MVZ eine Personengesellschaft, eine eingetragene Genossenschaft, eine GmbH, eine Stiftung oder Anstalt öffentlichen Rechts gründen, in denen angestellte Ärzte oder Vertragsärzte tätig sind. Zulassung, Abrechnung und Budget laufen gemeinsam über das MVZ.

Durch das Versorgungsstärkungsgesetz sind MVZ darüber hinaus noch weiter privilegiert worden. Es sollte daher zur besseren Praxisverwaltung, aber auch zur sicheren Übertragung einer vertragsärztlichen Zulassung in Gebieten mit medizinischer Überversorgung, eine Umwandlung in MVZ geprüft werden.

Die Vorteile von MVZ sind vielfältig. Gelingt es einem MVZ, glaubhaft ein „besonderes Versorgungsangebot“ darzulegen, ist dadurch eine Nachbesetzung ausgeschriebener Praxissitze möglich, und zwar auch in einem Überversorgungsgebiet anstelle der sonst nunmehr nahezu zwingenden Verpflichtung zum Praxisaufkauf durch die KV. Genehmigte Angestellte auf eigener Zulassung des MVZ können jetzt nach Kündigung vertreten werden.

Neu ist die Gründungsmöglichkeit für Kommunen zur Anstellung von Ärzten. Das Erfordernis fachübergreifender Tätigkeit wurde aufgegeben, es sind damit in Zukunft auch arztgruppengleiche MVZ möglich.

Anzuraten ist eine Sensibilisierung für Gestaltungsformen und die strategische Ausrichtung auf einen künftigen Praxisverkauf. Eine gute Beratung ist hilfreich, fällt aber eher dadurch auf, dass ihre Qualität gar nicht bemerkt wird, weil alles glattläuft. Stolpersteine können nur mit fundierten Kenntnissen des reformierten Zulassungsrechts und des Gesellschaftsrechts umschifft werden.

Dr. jur. Martin Schimrick, Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht und Rechtsanwalt bei Damerau Rechtsanwälte, Berlin, www.damerau-rechtsanwaelte.de

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