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Herr PD Dr. Haas fordert in seinem Leserbrief die Einführung einer finanziellen Grenze bei der Bewertung von Interessenkonflikten. Dabei verweist er auf die Kollegen in den USA und zitiert aus einer Leitlinie der American Heart Association (1). In dieser Leitlinie werden alle Beträge über 10 000 US-Dollar als „significant“ (erheblich) zusammengefasst. Es müssen aber auch alle kleineren Beträge angegeben werden – sie werden als „modest“ (mäßig) bezeichnet.

Für die Beeinflussungswirkung von Geschenken gibt es keine untere Grenze – das belegen wissenschaftliche Untersuchungen zur Reziprozität (2). Deswegen meinen wir, dass Zuwendungen unabhängig vom Umfang erfragt werden sollten. Das Reziprozitätsprinzip besagt, dass wir uns verpflichtet fühlen, uns für Gefälligkeiten, Geschenke, Einladungen und dergleichen revanchieren zu müssen. Es wird von pharmazeutischen Unternehmen genutzt, um das Verschreibungsverhalten von Ärzten zu beeinflussen. Die Reziprozitätsregel funktioniert weitgehend unabhängig von der Größe der Gabe. Es gibt keinen Schwellenwert, unter dem eine Beeinflussung weniger wahrscheinlich oder auszuschließen ist. Personen, die sich als nicht beeinflussbar wahrnehmen, sind sogar besonders anfällig für Beeinflussung: Die Illusion der Unverwundbarkeit führt zu einem unzureichenden Widerstand gegen Beeinflussungsversuche.

Für den Umgang mit Interessenkonflikten ist ihre Erfassung essenziell, dann müssen sie durch Dritte bewertet werden, und schließlich müssen vor allem Konsequenzen gezogen werden. In den USA gelten besonders strikte Regeln zur Transparenz von finanziellen Beziehungen zwischen pharmazeutischen Unternehmen und Ärzten. So werden beispielsweise auf der Basis des „Physician Payment Sunshine Act“ seit September 2014 alle Zuwendungen ab 10 US-Dollar von pharmazeutischen Unternehmen beziehungsweise Herstellern von Medizinprodukten an Ärzte und Lehrkrankenhäuser veröffentlicht (www.cms.gov/openpayments/), also beispielsweise Berater- und Vortragshonorare, Gelder für Forschung und Lehre, Reise- und Bewirtungskosten, Aktien und Dividenden. In Deutschland ist der Transparenzkodex des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie e. V.“ (FSA) in Kraft (www.fsa-pharma.de/), nach dem Mitgliedsunternehmen ab 2016 geldwerte Zuwendungen an Ärzte und weitere Angehörige der medizinischen Heilberufe veröffentlichen werden, voraussichtlich allerdings auf ihren Homepages, also nicht auf einer zentralen Website wie in den USA. Im Unterschied zu den USA müssen Ärzte der Veröffentlichung zustimmen.

Prof. Dr. Lempert danken wir für seine wertvolle Ergänzung, in der er die wichtigen Entwicklungen zum Umgang mit Interessenkonflikten bei der Leitlinienentwicklung in den USA beschreibt. Regeln zum Umgang mit Interessenkonflikten sind in den USA auch für andere Bereiche der Medizin vorgeschlagen worden, zum Beispiel für die Forschung sowie die Aus-, Fort- und Weiterbildung (3). Sie haben die Diskussion in Deutschland inspiriert (4, 5) und dazu geführt, dass beispielweise die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft ebenfalls Regeln zum Umgang mit Interessenkonflikten eingesetzt hat (www.akdae.de/Kommission/Organisation/Statuten/Interessenkonflikte/Regeln.pdf).

Nun geht es darum, die Regeln zu befolgen und aus angegebenen Interessenkonflikten Konsequenzen zu ziehen – um eine optimale Versorgung von Patienten zu gewährleisten.

DOI: 10.3238/arztebl.2016.0175c

Für die Autoren:

Dr. med. Gisela Schott, MPH

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft

Berlin

gisela.schott@akdae.de

Interessenkonflikt

Die Autoren aller Beiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Giglia TM, Massicotte MP, Tweddell JS, et al.: Prevention and treatment of thrombosis in pediatric and congenital heart disease: a scientific statement from the American Heart Association. Circulation 2013; 128: 2622–2703 CrossRef MEDLINE
2.
Klemperer D: Interessenkonflikte: Gefahr für das ärztliche Urteilsvermögen. Dtsch Arztebl 2008; 105: A 2098–100 VOLLTEXT
3.
Committee on Conflict of Interest in Medical Research, Education, and Practice, Institute of Medicine: Lo B, Field MJ, (eds.): Conflict of interest in medical research, education, and practice. 1st edition, Washington D.C.: National Academies Press 2009.
4.
Lieb K, Klemperer D, Ludwig WD (eds.): Interessenkonflikte in der Medizin: Hintergründe und Lösungsmöglichkeiten. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag 2011 CrossRef
5.
Schott G, Lieb K, König J, et al.: Declaration and handling of conflicts of interest in guidelines—a study of S1 guidelines from German specialist societies from 2010–2013. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 445–51 VOLLTEXT
1.Giglia TM, Massicotte MP, Tweddell JS, et al.: Prevention and treatment of thrombosis in pediatric and congenital heart disease: a scientific statement from the American Heart Association. Circulation 2013; 128: 2622–2703 CrossRef MEDLINE
2.Klemperer D: Interessenkonflikte: Gefahr für das ärztliche Urteilsvermögen. Dtsch Arztebl 2008; 105: A 2098–100 VOLLTEXT
3.Committee on Conflict of Interest in Medical Research, Education, and Practice, Institute of Medicine: Lo B, Field MJ, (eds.): Conflict of interest in medical research, education, and practice. 1st edition, Washington D.C.: National Academies Press 2009.
4.Lieb K, Klemperer D, Ludwig WD (eds.): Interessenkonflikte in der Medizin: Hintergründe und Lösungsmöglichkeiten. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag 2011 CrossRef
5.Schott G, Lieb K, König J, et al.: Declaration and handling of conflicts of interest in guidelines—a study of S1 guidelines from German specialist societies from 2010–2013. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 445–51 VOLLTEXT

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