ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2016NS-Zwangssterilisationen: Handeln auf Befehl des Führers

THEMEN DER ZEIT

NS-Zwangssterilisationen: Handeln auf Befehl des Führers

Dtsch Arztebl 2016; 113(10): A-420 / B-353 / C-353

Tascher, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die illegale und streng geheime Zwangssterilisation der „Rheinlandbastarde“ von 1937 und die Strafverfolgung der ärztlichen Täter nach 1945.

Von der „schwarzen Schmach“ konnte man am 8. Juli 1934 im Westdeutschen Beobachter lesen. Foto: Archiv
Von der „schwarzen Schmach“ konnte man am 8. Juli 1934 im Westdeutschen Beobachter lesen. Foto: Archiv

Vor dem Landgericht Saarbrücken begann im August 1947 ein Strafprozess gegen drei Ärzte wegen „eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit gemäß dem alliierten Kontrollratsgesetz Nr. 10 (KRG 10) von 1945“. Der Tatbestand der vorsätzlichen Körperverletzung mit anschließendem Verlust der Zeugungsfähigkeit, der den Ärzten in der Anklage zur Last gelegt wurde, lag schon ein Jahrzehnt zurück. Zur Tatzeit 1937 war die Zwangssterilisation von Kindern deutscher Frauen und afrikanischer Besatzungssoldaten aus der Zeit der Rheinlandbesetzung nach dem Ersten Weltkrieg (1918–1926), den sogenannten „Rheinlandbastarden“, nach dem Gesetz nicht zulässig und rein „rassenhygienisch“ und „erbbiologisch“ begründet.

Anzeige

Angeklagt waren auf der Befehlsebene zwei ehemalige hohe Medizinalbeamte und Multifunktionäre des NS-Staates, Obermedizinalrat (OMR) Dr. med. Horst Friedel und OMR Dr. med. Max Obé, und auf der Ebene der Ausführenden der NS-konforme Chefarzt der Frauenklinik am Bürgerhospital Saarbrücken, Dr. med. Karl H. Kiefer. Friedel und Obé bezichtigten sich im Verlauf des Prozesses gegenseitig, federführend die Zwangssterilisationen der „Besatzungsmischlinge“ im Saarland vorbereitet, organisiert und überwacht zu haben. Hierzu ein Zitat von Friedel aus den Prozessakten: „1937 erhielt ich von einem Dienstvorgesetzten Dr. Obé den Auftrag, sogenannte Rheinlandbastarde ärztlich zu untersuchen. Es handelte sich hierbei um Personen, die aus einem Geschlechtsverkehr zwischen deutschen Mädchen und Mitgliedern ausländischer Besatzungstruppen artfremden Blutes stammten und die deutsche Staatsangehörige waren. Diese Bastarde sollten aufgrund eines Führerbefehls sterilisiert werden; die Durchführung lag dem Innenministerium ob. Für diese Sterilisation war erforderlich, den Gesundheitszustand der betreffenden Personen zuvor festzustellen, um jederzeit nachweisen zu können, ob durch die Operation eine Gesundheitsbeschädigung stattgefunden hatte oder nicht. . . . An wie vielen Sitzungen der Kommission ich teilgenommen habe, kann ich nicht sagen.“ Obé habe in seiner Aussage während des Prozesses bestritten, Friedel einen derartigen Auftrag erteilt zu haben, wird in den Prozessakten ausgeführt. „Dr. Obé bestreitet jedoch, einen derartigen Auftrag erteilt zu haben. Er räumt jedoch ein, dass es nicht völlig ausgeschlossen sei, dass er damals durch seinen Vorgesetzten aufgefordert wurde, den Angeschuldigten Dr. Friedel zwecks Teilnahme an einer Kommission zur Untersuchung von sogenannten ,Rheinlandkindern‘zu benennen.“

Verfahren werden eingestellt

Auch die von Kiefer benannten ärztlichen Zeugen sowie alle Angeklagten beteuerten, im Rahmen der Zwangssterilisationen „auf Befehl des Führers“ gehandelt zu haben (1). Alle drei angeklagten Ärzte sowie die meisten Zeugen waren Mitglied der NSDAP und des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes (NSDÄB), der ärztlichen Kampforganisation innerhalb der NSDAP (2). Von den angeklagten Ärzten wurde keiner für sein rechtswidriges und „unärztliches“ Handeln zur Rechenschaft gezogen. Keiner der angeklagten Ärzte und auch keiner der an den Zwangssterilisationen beteiligten Zeugen zeigte während des Prozesses ein Unrechtsbewusstsein dafür, dass gesunde Patienten vorsätzlich operiert und damit gesundheitlich geschädigt wurden. Dabei war allen Beteiligten bewusst, dass die Zwangssterilisation der „Besatzungsmischlinge“ streng geheim und nicht gesetzlich gedeckt war.

Vom Landgericht Saarbrücken wurden Horst Friedel und Max Obé am 14. April 1949 freigesprochen. Den Einspruch des Staatsanwalts wies das Oberlandesgericht (OLG) am 1. Juni 1949 ab: „1. Der Angeschuldigte Dr. Max Obé wird aus tatsächlichen Gründen außer Verfolgung gesetzt. 2. Gegen den Angeschuldigten Dr. Horst Friedel wird das Verfahren vorläufig eingestellt.“ Friedel praktizierte zu dieser Zeit in Salzgitter als Arzt, war aber durch die Bescheinigung eines Kollegen nicht reisefähig. Am 26. Juli 1958 wurde das Verfahren gegen ihn auf der Grundlage des Gesetzes Nr. 556 (über die Gewährung von Straffreiheit vom 22. Dezember 1956) endgültig eingestellt (3). Obé wurde trotz seiner bekannten NS-Vergangenheit am 26. Januar 1950 zum ersten Vorsitzenden der Ärztekammer Saar gewählt (7).

Streng geheimer Führerbefehl

Im Frühjahr 1937 ordnete der Reichsminister des Innern auf der Grundlage eines streng geheimen „Führerbefehls“ von Adolf Hitler (vom 18. April 1937, nochmals bestätigt am 7. Mai 1937 nach einem Einspruch des Auswärtigen Amtes) die Sterilisation der sogenannten „Rheinlandbastarde“ im Rahmen einer geheimen Sonderaktion der Gestapo an (4). Daraufhin wurde für diesen Auftrag bei der Gestapo in Berlin die „Sonderkommission 3“ gebildet, der vom Reichsministerium des Innern alle vorliegenden Unterlagen zu den betroffenen Kindern zur Verfügung gestellt wurden. Mit der „erbbiologischen Bestandsaufnahme“ der gesamten reichsdeutschen Bevölkerung war bereits 1933 begonnen worden. Fehlende Unterlagen, wie etwa Vormundschaftsakten, waren bei den zuständigen Amtsgerichten angefordert worden. Nach dem Abschluss der streng geheimen Aktion sollten alle Akten im Reichsministerium des Innern zusammenlaufen und keine auf der unteren Ebene zurückbleiben.

Im Reichsgebiet bildete man drei Kommissionen, die von Beamten der Gestapo geleitet wurden und die über die durchzuführende Sterilisation im Einzelfall entscheiden sollten. Neben zwei ärztlichen Mitgliedern, einem Protokollführer und einem Fotografen gehörten den Kommissionen „anthropologische Gutachter“ an, die Gutachten über die „rassische“ Zugehörigkeit der Kinder anfertigen sollten. Zu diesen Gutachtern gehörten Wissenschaftler wie Prof. Dr. med. Eugen Fischer, Prof. Dr. Wolfgang Abel, Prof. Dr. Herbert Göllner und Dr. Engelhard Bühler vom „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ (KWI) in Berlin-Dahlem, die auch Blut- und Haarproben von den Sterilisierten in Berlin untersuchten. Die Kommission I hatte ihren Sitz in Wiesbaden, die Kommission II in Ludwigshafen und die Kommission III in Koblenz (5).

Mit der Vorbereitung und Organisation der Sterilisation der saarländischen „farbigen Bastarde“ wurde der Leiter der „erbbiologischen Landeszentrale“ des Saarlandes mit Sitz in Saarbrücken, MR Dr. med. Horst Friedel, betraut. Unterstellt war er Regierungsdirektor OMR Dr. med. Max Obé, dem höchsten Medizinalbeamten des Saarlandes. Horst Friedel sollte im Auftrag der NSDAP eine „einheitliche und weltanschauungsmäßig richtig liegende Bearbeitung dieser Aufgaben“ im Saarland gewährleisten. Im Rahmen dieser Tätigkeit leitete er auch den „Sonderauftrag des Reichsministers des Innern für die Sterilisierung der Besatzungsmischlinge des Saarlandes“ unter Einbeziehung sämtlicher Amtsärzte, Gesundheitsämter, Wohlfahrtsämter, Landräte, Bürgermeister, Polizeidienststellen und Standesämter des Saarlandes. Bereits im November 1936 wurden von der „erbbiologischen Landeszentrale“ alle Landräte des Saarlandes „zur Erfassung der ‚farbigen Bastarde‘, die aus der Zeit der fremdländischen Besatzung des Saarlandes stammen“, angeschrieben. Auf diese Tätigkeit war Horst Friedel in der 1935 gegründeten „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ in Alt-Rehse und in der 1933 gegründeten und für alle Amtsärzte des NS-Staates verpflichtenden „Staatsmedizinischen Akademie“ in Berlin-Charlottenburg vorbereitet worden (6).

Bei der Beurteilung des geistigen und seelischen Zustandes der erfassten „Besatzungsmischlinge“ durch die Amtsärzte sollten „alle etwaigen Anzeichen der Minderwertigkeit“ beim Gesundheitsamt dokumentiert werden. Von jedem „Besatzungsmischling“ wurden drei Lichtbilder der Größe 6 x 9 oder 9 x 12 cm angefertigt, die den unbekleideten Oberkörper von vorne und seitlich erkennen ließen, um die „eventuellen fremdrassigen Merkmale“ besser sehen und dokumentieren zu können (7).

Durchführung unter Zwang

Die Gesamtzahl der im Saarland erfassten, begutachteten und dann zwangssterilisierten Personen ist nicht bekannt. Es gibt aber aus dem Jahr 1936 verschiedene Meldelisten der Landräte des Saarlandes (Kreis Saarbrücken-Land und Kreis St. Ingbert) an die „Erbbiologische Landeszentrale“ des Saarlands, in denen Name, Geburtsdatum und teilweise Eltern der dort registrierten „Besatzungsmischlinge“ vermerkt sind (8). Diese Listen werden ergänzt durch die Angaben zur Identität der Zwangssterilisierten aus den Strafprozessakten vom Landgericht Saarbrücken aus dem Jahr 1947.

In diesen Prozessakten ist auch eine auszugsweise Abschrift des Operationsbuches der geburtshilflich-gynäkologischen Abteilung des Bürgerhospitals Saarbrücken von 1937 enthalten, in denen fünf Sterilisationen von weiblichen „Besatzungsmischlingen“ zwischen Juni und September 1937 dokumentiert sind. Dokumentiert sind darin auch die Dauer der Operation, der Operateur, die Operationstechnik und die Methode der Narkose. Insgesamt konnten die Namen von 18 im Saarland erfassten „Besatzungsmischlingen“ (fünf davon männlich) recherchiert werden.

Die „Besatzungsmischlinge“ wurden 1937 gemeinsam mit ihren Müttern in das speziell für diesen Tag wegen Geheimhaltung geräumte Gesundheitsamt Saarbrücken einbestellt und von den dazu bestimmten Mitgliedern der Kommission II ärztlich untersucht und begutachtet, anthropologisch vermessen und fotografiert. Schon kurz nach der Untersuchung wurden die Betroffenen gegen ihren Willen in einem Fahrzeug der Gestapo Saarbrücken, das vor dem Gesundheitsamt bereitstand, zum Bürgerhospital in Saarbrücken gebracht, wo für sie in Absprache mit dem ärztlichen Direktor und unter Umgehung der Krankenhausverwaltung im Keller ein vergittertes Krankenzimmer eingerichtet war. Vor diesem Zimmer hielt ein Kriminalbeamter Wache. Die Zwangssterilisationen wurden meist am nächsten Tag von den Ärzten des Bürgerhospitals durchgeführt; diese führten bereits seit 1935 die Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ („Erbgesundheitsgesetz“) vom 14. Juli 1933 aus (9).

Vorgehen gegen „Erbkranke“

Das „Erbgesundheitsgesetz“, das am 1. Januar 1934 in Kraft getreten war, „legalisierte“ die zwangsweise „Unfruchtbarmachung von Erbkranken“, „wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft“ mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten war, dass die Nachkommen dieser „Erbkranken“ an schweren körperlichen und geistigen Erbschäden leiden würden. Als „Erbkranker“ galt, wer an folgenden Krankheiten litt: angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, zirkuläres manisch-depressives Irresein, erbliche Fallsucht, erblicher Veitstanz (Chorea Huntington), erbliche Blindheit, Taubheit, schwere erbliche körperliche Missbildung sowie schwerer Alkoholismus.

Schon in den 1920er Jahren wurden die Beziehungen deutscher Frauen zu französischen Besatzungssoldaten aus den afrikanischen Kolonien skandalisiert. Foto: Archiv
Schon in den 1920er Jahren wurden die Beziehungen deutscher Frauen zu französischen Besatzungssoldaten aus den afrikanischen Kolonien skandalisiert. Foto: Archiv

Antragsberechtigt für die „Vornahme des unfruchtbar machenden Eingriffs“ war nur der „Erbkranke“, der beamtete Arzt oder der Leiter einer Kranken-, Heil- oder Pflegeanstalt. Der politische Hintergrund dieses Gesetzes waren die „bevölkerungs- und rassenpolitischen“ Grundsätze der NSDAP und des NS-Staates. Im Mittelpunkt dieser Grundsätze standen die „Ausschaltung Erbuntüchtiger von der Fortpflanzung“, die Bekämpfung der „Rassenmischung“ und die „bewusste Förderung wertvoller gesundheitlich und rassisch erbtüchtiger kinderreicher Familien“. Der „rassische Verfall“ und die Kinderlosigkeit des deutschen Volkes wurden als eine „Bedrohung der zukünftigen Weltgeltung des deutschen Volkes“ gesehen, der man so entschieden entgegentreten wollte. Genannt wurden aber auch wirtschaftliche Argumente, wobei vor allem die steigenden Ausgaben des deutschen Reiches für „erblich Belastete, Trinker, Psychopathen, erblich belastete Verbrecher und Asoziale“ und der „steigende Ausfall an Verbrauchern“ durch eine zu geringe Geburtenrate thematisiert wurden. Die größte wirtschaftliche Belastung für das deutsche Volk stellten aber innerhalb dieser Argumentation die „anstaltsmäßig untergebrachten Geisteskranken“ dar. Zu den „erblich Belasteten“ rechnete die NSDAP vor allem „Erbkrüppel“, Blinde, Taubstumme, geistig Gebrechliche, Schwachsinnige und Hilfsschüler. Die Einordnung der „Schwachsinnigen leichterer Form“ in diesen Personenkreis öffnete der Willkür Tür und Tor, da eine Nichteinordnung in traditionelle Lebensformen des NS-Staates auch schon als „leichter Schwachsinn“ ausgelegt werden konnte (10).

Diese Erfahrung machte auch die Mutter eines im Bürgerhospital in Saarbrücken zwangssterilisierten Mädchens, was aus den Strafprozessakten von 1947 hervorgeht. Sophie S. wurde im Juni 1937 zusammen mit ihrer Tochter Gerda, die damals 17 Jahre alt war, in das Gesundheitsamt Saarbrücken vorgeladen und der Kommission II vorgeführt. Gerda S. wurde ärztlich untersucht, gemessen und fotografiert. Ihr wurden auch einige Haare abgeschnitten. Den Frauen wurden zahlreiche Fragen gestellt. Besonders der Mutter wurden von dem Arzt sofort schwerste Vorhaltungen gemacht, weil sie als deutsche Frau ein Verhältnis mit einem Anamiten eingegangen war. Ihr wurde nach der Untersuchung mitgeteilt, dass ihre Tochter sterilisiert werden müsste, womit sie aber nicht einverstanden war. Außerdem wurde ihr mitgeteilt, dass sie selbst wegen ihrer angeblichen „Geistesschwäche“ auch sterilisiert werden müsste. Ihre Tochter wurde gleich nach der Untersuchung von der Gestapo in das Bürgerhospital gebracht und am nächsten Tag zwangssterilisiert. Die Mutter Sophie S. wurde dann später zunächst in das Gesundheitsamt Saarbrücken und danach in das Vormundschaftsgericht Saarbrücken vorgeladen und von einer Kommission untersucht. Sie wurde dort wiederholt Intelligenztests unterzogen. Schließlich wurde sie nicht sterilisiert mit der Begründung, dass sie ja schon sechs Kinder großgezogen habe (11).

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2016; 113(10): A 420–2

Anschrift der Verfasserin
Dr. med. dent. Gisela Tascher
Holzerplatz 4
66265 Heusweiler
www.dres-tascher.de

@Ausführliche Informationen
zum Führerbefehl, Kurzbiografien
der Täter, Literatur und
Quellenverzeichnis im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1016
oder über QR-Code

Literatur am Ende der PDF-Datei

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige