ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1999250 Jahre - und immer noch befragt

VARIA: Feuilleton

250 Jahre - und immer noch befragt

Dtsch Arztebl 1999; 96(22): A-1505 / B-1281 / C-1201

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LNSLNS Ein Interview über Evidence Based Medicine, In-vitro-Fertilisation und die ärztliche Berufspolitik

Johann Wolfgang von Goethe


Frage: Herr Minister von Goethe, Sie waren selbst als Forscher und Therapeut tätig. Man hat Sie mit Anerkennung überhäuft - was sagen Sie nach vielen Jahren selbst dazu?
Antwort: Der Menge Beifall tönt mir nun wie Hohn./ O, könntest du in meinem Innern lesen,/ Wie wenig Vater und Sohn/ Solch eines Ruhmes wert gewesen!
Frage: Wie sah Ihre Heilkunde ohne klinische Pilot- und Phase-III-Studien aus?
Antwort: Hier war die Arzenei, die Patienten starben,/ Und niemand fragte: wer genas?
Frage: Offenbar hatten Sie bei der Galenik auch die Wünsche Ihrer Patienten zu berücksichtigen. Was pflegten die Kranken zu äußern?
Antwort: Euch ist bekannt, was wir bedürfen,/ Wir wollen stark Getränke schlürfen;/ Nun braut mir unverzüglich dran!
Frage: Ihre Medikation scheint nicht besonders zuträglich gewesen zu sein?
Antwort: So haben wir mit höllischen Latwergen/ In diesen Tälern, diesen Bergen/ Weit schlimmer als die Pest getobt.
Frage: Sie haben sich um die Evidence Based Medicine bemüht. Können Sie das Ergebnis beschreiben?
Antwort: O glücklich, wer noch hoffen kann/ Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!/ Was man nicht weiß, das eben brauchte man,/ Und was man weiß, kann man nicht brauchen.
Frage: Viele klinische Studien haben Konfidenzprobleme. Gibt es da Unterschiede zwischen deutschem und anglo-amerikanischem Schrifttum? Was halten Sie von Publish- oder Perish-Autoren?
Antwort: Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,/ Und lispeln englisch, wenn sie lügen.
Frage: Kein Wunder, daß viele sich von der Allo- und Chemotherapie abwenden möchten. Was halten Sie von der Bachblüten-Heilkunde?
Antwort: Ich wünschte nicht, Euch irre zu führen./ Was diese Wissenschaft betrifft,/ Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden,/ Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,/ Und von der Arzenei ists kaum zu unterscheiden.
Frage: Also erneut ein schwankendes Terrain. Als Studiosus kommt man da ins Stocken. Was sagen Sie den unsicheren Kantonisten?
Antwort: Das wird nächstens schon besser gehen,/ Wenn Ihr lernt alles reduzieren/ Und gehörig klassifizieren.
Frage: Das kann lange dauern. Gibt es keinen schnellen Weg zur Therapiesicherheit?
Antwort: Am besten ists auch hier, wenn Ihr nur Einen hört,/ Und auf des Meisters Worte schwört.
Frage: Speziell in der Homöopathie kann sich nicht jeder unter C 30 das zugehörige Molekül im Glas vorstellen. Hilft Leuten, die es nicht begreifen, das Wort von der Potenzierung weiter?
Antwort: Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen;/ Denn eben wo Begriffe fehlen,/ Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein./ Mit Worten läßt sich trefflich streiten,/ Mit Worten ein System bereiten,/ An Worte läßt sich trefflich glauben.
Frage: Aus heutiger Sicht ist die Medizin keine Glaubenslehre. Wie kann man den Anspruch des Faches auf den Punkt bringen?
Antwort: Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;/ Ihr durchstudiert die groß’ und kleine Welt,/ Um es am Ende gehn zu lassen,/ Wie’s Gott gefällt.
Frage: Das wird man dem Ordinarius an der Front schlecht verkaufen können. Der will das Fach intellektuell durchdringen. Was kann man ihm mitteilen?
Antwort: Vergebens, daß Ihr ringsum wissenschaftlich schweift,/ Ein jeder lernt nur, was er lernen kann;/ Doch, der den Augenblick ergreift,/ Das ist der rechte Mann.
Frage: Diese Chuzpe kollidiert voll mit der ärztlichen Ethik. Wie kann sich der Diagnostiker qualifiziert ausweisen, speziell gegenüber einer Gleichstellungsbeauftragten?
Antwort: Ein Titel muß sie erst vertraulich machen,/ Daß Eure Kunst viel Künste übersteigt;/ Zum Willkomm tappt Ihr dann nach allen Siebensachen,/ Um die ein andrer viele Jahre streicht,/ Versteht das Pülslein wohl zu drücken/ Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken,/ Wohl um die schlanke Hüfte frei,/ Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei.
Frage: Das Studium scheint aus Ihrer Sicht nicht gerade anspruchsvoll. Was sucht der Durchschnittsstudent von heute?
Antwort: Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib/ An schönen Sommerfeiertagen.
Frage: Die Universitäten sind überfüllt. Die Numeri clausi waren ineffektiv. Wie wirken volle Hörsäle auf Sie?
Antwort: O sprich mir nicht von dieser bunten Menge,/ Bei deren Anblick uns der Geist entflieht.
Frage: Der medizinische Nachwuchs muß nach modernen Qualitätssicherungsverfahren geprüft werden. Könnten Sie ein Beispiel für die Anamnese und eine zutreffende Antwort nach dem Multiple-choice-Verfahren nennen?
Antwort: Mir liegts im Fuß wie Bleigewicht - / Mir krampfts im Arme - Das ist Gicht Frage: Was würden Sie einem habituell Adipösen raten zum Abbau von Pfunden und Frust?
Antwort: Staub soll er fressen, und mit Lust!
Frage: Mit der von Ihnen umrissenen Medizin dürfte die Bevölkerung nicht gerade alt werden. Stichwort Lebensabend. Fällt Ihnen dazu etwas ein?
Antwort: Gewiß! Das Alter ist ein kaltes Fieber/ Im Frost von grillenhafter Not./ Hat einer dreißig Jahr’ vorüber,/ So ist er schon so gut wie tot.
Frage: Wenn Sie das dem nächsten Uralt-Doktoranden mitteilen, könnte er Ihnen die Brocken vor die Füße werfen. Was würden Sie ihm sagen? Antwort: Original, fahr hin in deiner Pracht! - (. . .)/ Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet,/ In wenig Jahren wird es anders sein:/ Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet,/ Es gibt zuletzt doch noch e’Wein.
Frage: Nun, Herr Minister von Goethe, machen wir einen Sprung um gut zwei Jahrhunderte und lassen Ihre etwas archaische Sichtweise einmal hinter uns.
Antwort: Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob Du bist.
Frage: Hätte ich es umschreiben sollen?
Antwort: Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.
Frage: Welche Folgen hat der Siegeszug von Molekularbiologie, elektronischer Datenverarbeitung und revolutionärer Bildgebung für die Patienten auf der Intensivstation?
Antwort: Der alte Tod verlor die rasche Kraft,/ Das Ob? sogar ist lange zweifelhaft.
Frage: Die Gen-Technologie greift in die Medizin ein - zum Guten?
Antwort: Sonst hättest Du dergleichen weggeflucht,/ Doch jetzt scheint es Dir zu frommen.
Frage: Die In-vitro-Fertilisation greift immer weiter um sich. Ist die natürliche Anziehung der Liebenden abhanden gekommen und . . .
Antwort: Halt ein! Ich wollte lieber fragen:/ Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen.
Frage: Meinen Sie das Problem der Beziehungskisten und 4-Ringe-Leute?
Antwort: Da seid Ihr auf der rechten Spur;/ Doch müßt Ihr Euch nicht zerstreuen lassen.
Frage: Was halten Sie von der assistierten Befruchtung?
Antwort: Ich bin dabei mit Seel und Leib.
Frage: Mal klar gefragt: Ist das Für und Wider einer In-vitro-Fertilisation auch eine ästhetische Frage? Muß die physisch-erotische Kinetik auf ewig fortgesetzt werden?
Antwort: Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war,/ Erklären wir für eitel Possen./ Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang,/ Die holde Kraft, die aus dem Innern drang/ Und nahm und gab, bestimmt sich selbst zu zeichnen,/ Erst Nächstes, dann sich Fremdes anzueignen,/ Die ist von ihrer Würde nun entsetzt.
Frage: Ist der Sex ein Auslaufmodell?
Antwort: Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt,/ So muß der Mensch mit seinen großen Gaben/ Doch künftig reinem, höhern Ursprung haben.
Frage: Die Kryokonservierung nach dem Samentransfer - ist das für Sie neu?
Antwort: Wer lange lebt, hat viel erfahren,/ Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn./ Ich habe schon in meinen Wanderjahren/ Kristallisiertes Menschenvolk gesehn.
Frage: Vor kurzem berichtete ein junger Nachwuchsforscher aus dem Labor, man habe das menschliche Genom komplett entschlüsselt und für die Reparaturwerkstatt freigegeben. Was würden Sie ihm sagen?
Antwort: Was Du nicht alles zu erzählen hast!/ So klein Du bist, so groß bist Du Phantast.
Frage: Herr Minister, können Sie nur in den oberen Etagen der Welt agieren, oder haben Sie auch ein Programm für den banalen Fragesteller?
Antwort: Den schlepp ich durch das wilde Leben,/ Durch flache Unbedeutenheit.
Frage: Da wären wir ja mitten in der ärztlichen Berufspolitik. Sie wissen um die Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Auch da ist Ihr Ministerium - in Grenzen - zuständig. Wie sieht’s in Ihrer Kasse aus?
Antwort: Welch Unheil muß auch ich erfahren!/ Wir wollen alle Tage sparen/ Und brauchen alle Tage mehr.
Frage: Was sagen Sie den Ärzten zur Honorarklemme?
Antwort: Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser Welt?/ Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld./ Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;/ Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen./ (. . .) Und fragt Ihr mich, wer es zu Tage schafft:/ Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.
Frage: Die Ärzte haben einen Vorsitzer. Der hat sich die Frau Ge­sund­heits­mi­nis­terin einmal länger angehört. Was könnte der Herr sich dabei gedacht haben?
Antwort: Das Trallern ist bei mir verloren,/ Es krabbelt wohl mir um die Ohren,/ Allein zum Herzen dringt es nicht.
Frage: Haben Sie auch zu den Sorgen unserer Praktiker etwas zu sagen?
Antwort: So sind am härtsten wir gequält,/ Im Reichtum fühlend, was uns fehlt.
Letzte Frage: Herr Minister: In den 250 Jahren Geschichte, die Sie überblicken, hat sich Gewaltiges verändert. Der Mensch beherrscht Dinge, die Sie ihm so leicht nicht zugetraut hätten, zum Beispiel die Bewegung im Raum. Ihr Fazit?
Antwort: Der kleine Gott der Welt bleibt stets vom gleichen Schlag,/ Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.


Herr Minister vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Dr. med. Ludger Beyerle aus Mülheim/Ruhr.

"Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;/Ihr durchstudiert die groß’ und kleine Welt;/Um es am Ende gehn zu lassen;/Wie’s Gott gefällt."

Frage: Die In-vitro-Fertilisation greift immer weiter um sich.
Ist die natürliche Anziehung der Liebenden abhanden gekommen und . . .
Antwort: Halt ein! Ich wollte
lieber fragen:/ Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen.

Frage: Die Ärzte haben einen Vorsitzer. Der hat sich die
Frau Ge­sund­heits­mi­nis­terin einmal länger angehört. Was könnte der Herr sich dabei gedacht haben?
Antwort: Das Trallern ist bei mir
verloren,/ Es krabbelt wohl mir um die Ohren,/ Allein zum Herzen
dringt es nicht.

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