ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2016Sexueller KindesMissbrauch: Forschungsagenda und Monitoring

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Sexueller KindesMissbrauch: Forschungsagenda und Monitoring

Bühring, Petra

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Rund eine Million Kinder und Jugendliche in Deutschland sind von sexueller Gewalt betroffen. Der Missbrauchsbeauftragte stellte eine neue Expertise zur Prävalenz vor und forderte deutlich mehr Forschungsanstrengungen.

Auf die enorme Dimension von sexuellem Missbrauch an Kindern weltweit – vor allem an Mädchen – wies der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, hin. Er stellte die Expertise „Häufigkeitsangaben zum sexuellen Missbrauch“ vor, zusammen mit einem Forderungskatalog für die Forschung. Die WHO gehe für Europa von Durchschnittswerten um neun Prozent für sexuellen Missbrauch aus. Dies bedeute bei rund 13 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland mehr als eine Million Betroffene.

Dimension wie Volkskrankheit

​„Die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs hierzulande ist vergleichbar mit der Dimension bei Volkskrankheiten wie Typ-2-Diabetes“, sagte Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm und verantwortlich für die Expertise. Diese enorme Dimension müsse sich in den Forschungsanstrengungen einer Gesellschaft widerspiegeln. „In der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Ärzten und Psychotherapeuten muss sexueller Missbrauch eine weitaus größere Rolle bekommen – das Thema sollte in den Mainstream der Fächer aufgenommen werden“, forderte Fegert.

Die Expertise „Häufigkeitsangaben zum sexuellen Missbrauch – Internationale Einordnung, Bewertung der Kenntnislage in Deutschland, Beschreibung des Entwicklungsbedarfs“ von Andreas Jud et al., Hauptautor und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team von Fegert, förderte folgende Ergebnisse zutage: Sexueller Missbrauch ist kein isoliertes Phänomen, Betroffene erleben oft auch weitere Formen von Gewalt. Andere Formen von Kindeswohlgefährdung treten noch häufiger auf als sexueller Missbrauch. „Wir sehen keinen Rückgang bei Kindesvernachlässigung“, betonte Jud.

„Die Datenlage in Deutschland und international zu sexuellem Missbrauch ist nicht gut“, sagte Jud weiter. Ein Blick auf Hell- und Dunkelfeldstudien zeige zwar eine immens hohe Zahl an Betroffenen, doch ein Vergleich sei aufgrund unterschiedlicher Definitionen und Studiendesigns kaum möglich. Entwicklungen und Tendenzen, ob Missbrauch zu- oder abnimmt und welche Faktoren hier eine Rolle spielen, seien bislang kaum möglich. „Wir brauchen dringend einheitliche Definitionen und Standards in Forschung und Praxis“, forderte Jud.

Fegert ergänzte, dass eine nachhaltige Forschungsagenda und regelmäßiges Monitoring notwendig seien. Hierfür sei interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich. „Neben der Verlängerung von Förderschwerpunkten braucht es die Verstetigung neu geschaffener Schwerpunkte sowie breite Förderinitiativen aus verschiedenen Bereichen“, forderte der Klinikdirektor. Am Universitätsklinikum Ulm hat sich seit 2013 ein bundesweiter Forschungsschwerpunkt für den Kinderschutz entwickelt.

Forschung mit Betroffenen

Bei der Forschung zu sexuellem Missbrauch sollten die Betroffenen miteingebunden werden. „Es ist wichtig, dass mit uns und nicht an uns geforscht wird“, betonte Alex Stern, Mitglied im Betroffenenrat und Mitglied der Konzeptgruppe Forschung im Beirat des UBSKM. „Wir haben bereits die Erfahrung machen müssen, von anderen Menschen zum Objekt degradiert zu werden. Für die Forschung mit Betroffenen müssen jetzt neue Wege gefunden werden“, forderte Stern.

Petra Bühring

Schutzkonzepte in Moscheen

Wir haben heute eine erste Tür in einen muslimischen Dachverband aufgestoßen“, sagte Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, anlässlich der Kooperation mit Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland e.V. (ZMD), die Anfang Februar in Berlin vorgestellt wurde. Rörig hofft, dass andere Verbände wie der Islamrat oder die alevitische Gemeinde folgen werden. „Wir brauchen die islamischen Verbände als Partner für einen verbesserten Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt genauso wie die Verantwortlichen in den christlichen Kirchen, dem Sport oder den Wohlfahrtsverbänden.“ Mazyek betonte: „Wir wollen sexuelle Gewalt an unseren Kindern nicht tabuisieren, sondern gemeinsam an einer Kultur des Hinschauens und Ansprechens arbeiten. Auch in unserem religiösen Verständnis ist der Schutz der Kinder wichtig.“

Auftakt der Kooperation mit dem Zentralrat der Muslime ist der gemeinsame Informationsflyer „Wer hilft mir helfen?“, der in deutscher, hocharabischer und türkischer Sprache zur Verfügung steht. Der Flyer soll Muslime für das Thema sensibilisieren. Muslimische Gemeinden in Deutschland sollen dafür gewonnen werden, passgenaue Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen gegen sexuelle Gewalt zu entwickeln und einzuführen. Die Flyer in den jeweiligen Sprachen können unter www.kein-raum-fuer-missbrauch.de kostenfrei angefordert werden.

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