ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2016Bedrohung durch Patienten: Bereits in der Ausbildung thematisieren

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Bedrohung durch Patienten: Bereits in der Ausbildung thematisieren

PP 15, Ausgabe März 2016, Seite 136

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Drei von vier Psychologen und Psychotherapeuten werden im Lauf ihres Berufsleben von einem Patienten belästigt, bedroht oder verfolgt. Zu diesem Ergebnis kamen amerikanische Psychologen durch eine Umfrage unter 157 Kollegen. Die teilnehmenden Psychologen waren im Durchschnitt seit 22 Jahren als klinische Psychologen, Neuropsychologen oder Kriminalpsychologen tätig. Die Geschlechter verteilten sich gleichmäßig. Etwa die Hälfte der Befragten war jünger als 55 Jahre. 71 Prozent waren schon mindestens einmal von einem Patienten schikaniert worden, 14 Prozent waren Opfer eines Stalkers geworden, und 21 Prozent waren bedroht worden. Männliche Befragte waren häufiger bedroht und angegriffen worden als weibliche. Im Hinblick auf die therapeutische Schule hatten psychodynamisch, psychoanalytisch und familiensystemisch orientierte Therapeuten ein weitaus höheres Risiko, verfolgt (gestalkt) zu werden als Verhaltenstherapeuten. Teilnehmer, die im forensischen Bereich tätig waren, wurden doppelt so häufig gestalkt und öfter
bedroht oder belästigt als andere. Als Grund nannten die Befragten vor allem Groll und Ärger der Patienten und als Grund für Stalking hauptsächlich Verliebtheit in den Therapeuten.

60 Prozent der Befragten meinten, in ihrer Ausbildung nicht auf Übergriffe und Attacken vorbereitet worden zu sein. Um sich dagegen zu schützen, überwiesen einige Befragte die betreffenden Patienten an einen anderen Therapeuten, sie stellten den Patienten zur Rede oder sorgten dafür, dass der Patient eingewiesen wurde. Diese Maßnahmen verschlechterten die Situation für die Therapeuten aber noch weiter. „Besserung brachten nur einstweilige Verfügungen und andere juristische und polizeiliche Maßnahmen“, berichten die Autoren. Patienten, die ihre Therapeuten stalkten, waren überwiegend weiblich, in ambulanter Behandlung und psychisch krank. Sie litten unter anderem an dissoziativen, psychotischen und neurologischen Störungen, Depressionen und Ängsten. 61 Prozent davon wiesen Borderline-Störungen auf, aber auch paranoide und narzisstische Persönlichkeitsstörungen.

Angesichts der relativ hohen Wahrscheinlichkeit, im Lauf des Berufslebens schikaniert, verfolgt oder bedroht zu werden, raten die Autoren dazu, sich dieser Problematik in der Ausbildung anzunehmen und angehende Psychotherapeuten mental, physisch und juristisch auf Übergriffe von Patienten vorzubereiten. Insbesondere Praktiker, die im forensischen Bereich tätig oder psychodynamisch orientiert sind, sollten sich wappnen und schützen können, da bei ihnen das Risiko, angegriffen zu werden, erhöht ist. Sind bereits Übergriffe erfolgt, kann es helfen, sich beraten zu lassen oder weitere Personen in die Therapie mit einzubeziehen. Ist dem Angreifer mit diesen Maßnahmen nicht beizukommen, müssen Behandlungen abgebrochen und juristische Schritte eingeleitet werden. ms

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Kivisto A, Bergman A, Watson M, Gruber D, Paul H: North American psychologists‘ experiences of stalking, threatening, and harassing behavior. Professional Psychology 2015; 46(4): 277–86.

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