ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2016Posttraumatische Belastungsstörung: Inneres Wachstum als Selbsttäuschung

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Posttraumatische Belastungsstörung: Inneres Wachstum als Selbsttäuschung

PP 15, Ausgabe März 2016, Seite 136

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Im Rahmen der Forschung zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wurde schon öfter festgestellt, dass Überlebende von Katastrophen und schweren Krisen von positiven Veränderungen im Sinne von innerer Reifung, Wachstum und Weiterentwicklung berichten. Diese Veränderungen galten bisher als Schutz vor posttraumatischen Symptomen.

Klinische Psychologen um Iris Engelhard von der Utrecht University (Niederlande) berichten jetzt jedoch auch von negativen Effekten im Zusammenhang mit dem selbst wahrgenommenen posttraumatischen Wachstum. Sie untersuchten 479 Soldaten hinsichtlich ihrer Anfälligkeit für PTBS vor, fünf Monate nach sowie 15 Monate nach einem Einsatz im Irak und fanden heraus, dass viele Soldaten sich nach dem Einsatz zunächst als erwachsener geworden und gereifter empfanden. Sie meinten, dass sie sich enger mit anderen Menschen verbunden fühlten und das Leben mehr schätzten. Alles deutete auf eine gelungene psychologische Anpassung hin. Bei Soldaten, die fünf Monate nach ihrem Einsatz von besonders ausgeprägtem selbst wahrgenommenen Wachstum berichteten, wurden jedoch 15 Monate nach dem Einsatz auffallend hohe PTBS-Werte festgestellt. Die Autoren interpretierten diesen Befund so, dass die Soldaten sich die positive Veränderung nur eingeredet hatten, in Wirklichkeit aber Vermeidung und defensives Coping betrieben. „Die Soldaten leugneten ihre psychischen Verletzungen und ihre traumatischen Erlebnisse“, sagen die Autoren. Dies verhinderte eine aktive Auseinandersetzung mit dem Erlebten und eine echte psychische Erholung und wirkte sich negativ auf die psychische Gesundheit der Soldaten aus. Die Autoren schließen daraus, dass das empfundene innere Wachstum nach traumatischen Ereignissen nicht immer als solches anerkannt werden darf, sondern dass es sich auch um eine Selbsttäuschung handeln kann. ms

Engelhard I, Lommen M, Sijbrandij M: Changing for better or worse? Posttraumatic growth reported by soldiers deployed to Iraq. Clinical Psychological Science 2015; 3(5): 789–96.

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