ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2016Traumatisierung und Folter: Viel mehr als ein Jubiläumsband

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Traumatisierung und Folter: Viel mehr als ein Jubiläumsband

PP 15, Ausgabe März 2016, Seite 137

Breitenbach, Gaby

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Die Autoren haben die Schlusszeilen des Gedichts von Vesely an den Anfang gestellt: „Niemals zuvor hab’ ich so kompromisslos lieben müssen, um dem Hinterhalt des Hasses zu entgehen.“

Das Buch beginnt mit der Entstehungsgeschichte des Behandlungszentrums für Folteropfer in Ulm (BFU) und anderer Behandlungszentren. Erfolge und Niederlagen werden beleuchtet, politische Zusammenhänge aufgezeigt, zum Beispiel was Folter begünstigt, wie Schweigen den Schergen hilft, aber auch mögliche Auswege werden skizziert. Nach einem Interviewteil folgen Beiträge zur konkreten Arbeit mit extrem traumatisierten Flüchtlingen. Wie es gelingen kann, Menschen in unsicherer Bleibesituation und Hoffnungslosigkeit zu stabilisieren und zu ermutigen, ist mit „Tausendundeine Nacht“ trefflich überschrieben. Dem Einfluss von Kontextbedingungen auf Behandlungserfolge widmet sich der Beitrag von Gurris, gefolgt von einer Arbeit dreier Autoren zu Schmerz und Schmerztherapie nach schwerer Traumatisierung.

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Die Versorgungssituation der Folteropfer und die Bezüge zur Gegenwart, auch im Hinblick auf die deutsche NS-Geschichte, bereichern den inhaltlichen Teil mit nachdenklichen Beiträgen. „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ beleuchtet mutig die Rolle von Ärzten, Psychologen und Heilkundlern als Handlanger von Folter. Das Buch schließt mit zwei anrührenden Fallgeschichten, die den Leser zwischen Empörung und Hilflosigkeit gegenüber Verwaltungsakten, dem Mitgefühl für den Patienten und die Bewunderung für die tägliche Arbeit des BFU hin- und herschwanken lassen.

Zum 20-jährigen Jubiläum ist dem Behandlungszentrum für Folteropfer in Ulm ein Buch gelungen, dessen Beiträge durch tiefe Menschenliebe und große Fachkompetenz geprägt sind. Es ist selten, dass ein Buch so zu fesseln vermag, dass man es trotz seines schweren Themas nicht aus der Hand legen möchte. Den Autoren gelingt es, hinter ihr Thema zurückzutreten und den Menschen, um dessen Anliegen sie sich kümmern, in den Mittelpunkt zu stellen. Kein Wunder, dass ein Patient das BFU so sehr idealisierte, dass er sich nur zu einer kleinen Einschränkung seiner Begeisterung bereitfand: „Okay, okay, god is the number one, but the BFU is the number two.“ Gaby Breitenbach

Urs M. Fiechtner, Stefan Drößler, Pascal Bercher, Johannes Schlichenmaier (Hrsg.): Verteidigung der Menschenwürde. Edition Kettenbruch, Berlin 2015, 264 Seiten, kartoniert, 18,50 Euro

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