ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2016Wo bleiben die Vorzüge?
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Die Vorzüge der Sectio kommen im Beitrag trotz Ankündigung im Titel leider zu kurz (1). Die Autoren zitieren lediglich eine zehn Jahre alte Arbeit zum Schutz vor Harninkontinenz durch Kaiserschnitt, wo es viele überzeugende und vor allem neuere Studien gibt, die für einen protektiven Effekt sprechen (2). Das gleiche gilt für die Prolaps-Problematik (3). Verwunderlich auch die ungleiche Gewichtung: Die Autoren nennen allein zwölf Arbeiten zu Stillen und Kaiserschnitt, aber nur einen Bruchteil dessen zu Beckenbodenschäden. Dabei sind gerade Beckenbodenschäden inzwischen einer der Hauptgründe für Prozesse nach Geburten und immer mehr Geburtshelfer fordern, Qualität von Geburtshilfe künftig am Ausmaß von Beckenbodenschäden zu messen.

Unverständlich auch, warum zum Kriterium „mütterliche Morbidität“ nur eine einzige und zu Recht umstrittene Studie zitiert wird, der Term Breech Trial zu Beckenendlagengeburten. Gleichzeitig bleibt die neueste und methodisch bessere Studie zu diesem Thema, die die Vorteile einer elektiven Sectio bei Beckenendlage belegt, gänzlich unerwähnt (4). Es ist auch völlig arbiträr, die mütterliche Morbidität von Sectio und vaginaler Geburt nur in einem solchen Kollektiv vergleichen zu wollen.

Inzwischen entkräften zudem zahlreiche Geschwisterstudien die oft gegenüber der Sectio erhobenen Vorwürfe, dadurch würde das Risiko für spätere chronische Krankheiten der Kinder erhöht, etwa für Typ-1-Diabetes, Asthma bronchiale oder Autismus. Die Autoren räumen lediglich ein, die Datenlage zu diesem Thema sei unklar, erwähnen aber nicht die Gegenevidenz, die den Kaiserschnitt entlastet. Diese Beispiele zeigen, dass die nichtsystematische Übersichtsarbeit Argumente pro Kaiserschnitt übergeht und die Vorteile ungleich geringer erscheinen lässt, als die Studienlage hergibt. Das erzeugt einen Bias zuungunsten des Kaiserschnitts.

DOI: 10.3238/arztebl.2016.0191a

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Medscape Deutschland

mls.mail@t-online.de

Interessenkonflikt

Dr. Lenzen-Schulte erhält Tantiemen für ihr Buch „Könisgweg Kaiserschnitt“ und betreibt einen Internet-Blog „Mein-Wunsch-Kaiserschnitt“.

1.
Mylonas I, Friese K: The indications for and risks of elective cesarean section. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 489–95 VOLLTEXT
2.
Gyhagen M, Bullarbo M, Nielsen TF, Milsom I: The prevalence of urinary incontinence 20 years after childbirth: a national cohort study in singleton primiparae after vaginal or caesarean delivery. BJOG 2013; 120: 144–51 CrossRef MEDLINE
3.
Volløyhaug I, Mørkved S, Salvesen Ø, Salvesen KÅ: Pelvic organ prolapse and incontinence 15–23 years after first delivery: a cross-sectional study BJOG; 2015; 122: 964–71 CrossRef CrossRef MEDLINE
4.
Vlemmix F, Bergenhenegouwen L, Schaaf JM, et al.: Term breech deliveries in the Netherlands: did the increased cesarean rate affect neonatal outcome? A population-based cohort study. Acta Obstet Gynecol Scand 2014; 93: 888–96 CrossRef MEDLINE
1.Mylonas I, Friese K: The indications for and risks of elective cesarean section. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 489–95 VOLLTEXT
2.Gyhagen M, Bullarbo M, Nielsen TF, Milsom I: The prevalence of urinary incontinence 20 years after childbirth: a national cohort study in singleton primiparae after vaginal or caesarean delivery. BJOG 2013; 120: 144–51 CrossRef MEDLINE
3.Volløyhaug I, Mørkved S, Salvesen Ø, Salvesen KÅ: Pelvic organ prolapse and incontinence 15–23 years after first delivery: a cross-sectional study BJOG; 2015; 122: 964–71 CrossRef CrossRef MEDLINE
4.Vlemmix F, Bergenhenegouwen L, Schaaf JM, et al.: Term breech deliveries in the Netherlands: did the increased cesarean rate affect neonatal outcome? A population-based cohort study. Acta Obstet Gynecol Scand 2014; 93: 888–96 CrossRef MEDLINE

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