ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2016Medizinische Flüchtlingshilfe: Ein enormer Kraftakt

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Medizinische Flüchtlingshilfe: Ein enormer Kraftakt

Beerheide, Rebecca; Osterloh, Falk

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Im vergangenen Sommer mussten binnen Stunden Hunderttausende Flüchtlinge medizinisch versorgt werden. In der Rückschau zeigt sich: Weil sich zahlreiche Ärzte in ihrer Freizeit engagierten, konnte schnell geholfen werden. Inzwischen läuft die Versorgung deutlich strukturierter.

Ein Bahnhof, zwei Perspektiven: Während am 1. September viele Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof Hilfe suchten, war es 15 Tage später dort wieder menschenleer. Foto: dpa
Ein Bahnhof, zwei Perspektiven: Während am 1. September viele Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof Hilfe suchten, war es 15 Tage später dort wieder menschenleer. Foto: dpa

München, Spätsommer 2015. Ungarn öffnet seine Grenzen und stellt Züge zur Verfügung, mit denen Flüchtlinge weiter Richtung Deutschland reisen können. Österreich lässt sie passieren. So gelangen Zehntausende Menschen an den Münchner Hauptbahnhof, wo sie zum ersten Mal deutschen Boden betreten. Die Münchner empfangen die Flüchtlinge mit offenen Armen, sie bringen Hilfsgüter, viele engagieren sich ehrenamtlich. Der Begriff „Willkommenskultur“ geht hinaus in die Welt.

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Zur Willkommenskultur gehörte es auch, zu allererst den Menschen zu helfen, die auf ihrer Flucht erkrankt waren oder sich verletzt hatten. Die Stadt München ließ Zelte am Nordeingang des Bahnhofs errichten, in die Polizisten die Menschen zu einer ersten medizinischen Untersuchung führten. „Wir konnten am Hauptbahnhof nur eine Triage machen und schauen, wer sofortige Hilfe benötigt“, berichtet Prof. Dr. med. Thomas Nicolai dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) heute, etwa ein halbes Jahr später. Nicolai ist Leiter der Pädiatrischen Intensivstation der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital des Klinikums der Universität München, aus dem Ärzte in ihrer Freizeit am Bahnhof halfen. „Darunter war zum Beispiel ein 14-jähriger Junge aus Syrien, der vom Islamischen Staat mit brennenden Zigaretten gefoltert worden war, weil er weiter zur Schule gehen wollte“, sagt Nicolai. Viele Patienten waren erschöpft oder dehydriert, sie hatten wundgelaufene Füße. Andere hatten Sorge, durch einen Kranken­haus­auf­enthalt als Familie auseinandergerissen zu werden. Insgesamt sei die Stimmung auf dem Bahnhof jedoch gut gewesen. Und auch die Zusammenarbeit mit der Stadt habe sehr gut funktioniert.

Nach der Untersuchung am Bahnhof wurden die Menschen in die Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht, in der der eigentliche, verpflichtende Gesundheits-Check folgte. In diesen Einrichtungen stützte sich die medizinische Versorgung vor allem auf die Strukturen von ehrenamtlichen Helfern, die in jeder Region in Deutschland bis heute sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Und vieles hängt davon ab, wie die zuständigen Landkreise und Landratsämter organisatorisch und personell aufgestellt sind. In den Ämtern müssen geflüchtete Menschen, die noch keine Aufenthaltsgenehmigung haben, Leistungen beantragen. Sachbearbeiter, oftmals ohne medizinische Kenntnisse, bestimmen, ob der Fall medizinisch notwendig ist oder nicht. Dort bekommen die Flüchtlinge einen Schein, mit dem der Arzt seine Leistung abrechnen kann. Inzwischen übernehmen oftmals die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) die Verwaltung im Hintergrund.

„Wir konnten am Hauptbahnhof nur eine Triage machen.“ Thomas Nicolai, leitender Oberarzt Dr. von Haunersches Kinderspital, LMU München
„Wir konnten am Hauptbahnhof nur eine Triage machen.“ Thomas Nicolai, leitender Oberarzt Dr. von Haunersches Kinderspital, LMU München

Bei der KV Bayerns kann man inzwischen über Praxen berichten, die bis zu 2 000 Papierscheine der Landratsämter zur Abrechnung einreichen. „Das ist ein riesiger bürokratischer Aufwand: Erst müssen wir die Scheine hier sortieren, sichten und einlesen. Danach gehen sie an das zuständige Landratsamt“, erklärt Severin Baum, der Asylkoordinator der KV, dem DÄ. Und auch in den Landratsämtern müssen die Scheine erneut sortiert und bearbeitet werden. Für die Zukunft wünscht er sich ein einheitliches Abrechnungswesen, da jeder Landkreis weiterhin eigene Behandlungsscheine an die Asylsuchenden aushändigt. Hier müsse es einheitliche Regelungen geben. Auch benötige es eine elektronische Lösung – allerdings setzt sich die KV Bayerns nicht für eine elektronische Gesundheitskarte für Asylbewerber ein.

„Wir haben über 10 000 Flüchtlinge untersucht, 50 bis 400 am Tag.“ Jan-Thorsten Gräsner, Direktor Institut für Rettungsund Notfallmedizin, Uniklinikum Schleswig-Holstein
„Wir haben über 10 000 Flüchtlinge untersucht, 50 bis 400 am Tag.“ Jan-Thorsten Gräsner, Direktor Institut für Rettungsund Notfallmedizin, Uniklinikum Schleswig-Holstein

Die elektronische Gesundheitskarte wurde im vergangenen Jahr in fast allen Bundesländern diskutiert. Bayern und Sachsen lehnen sie strikt ab, in Bremen und Hamburg hat man gute Erfahrungen mit ihr gemacht. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein wird sie demnächst eingeführt. In allen anderen Bundesländern ist die Einführung weiter strittig, hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung nun belegt. Die Zurückhaltung vieler Kommunen bei der Karte erklärt Stefan Etgeton von der Bertelsmann Stiftung so: „Viele Kommunen haben Angst, dass bei einem niedrigschwelligen Zugang zum Arzt die Kosten deutlich steigen. Daher wollen sich viele Kommunen die Kontrolle über die ärztlichen Leistungen nicht entziehen lassen“, sagte er dem DÄ.

„Wir haben Flüchtlinge genauso behandelt wie Notfallpatienten.“ Ivo Heer, Ärztlicher Direktor des Friedrich-Ebert- Krankenhauses Neumünster
„Wir haben Flüchtlinge genauso behandelt wie Notfallpatienten.“ Ivo Heer, Ärztlicher Direktor des Friedrich-Ebert- Krankenhauses Neumünster

Die Flüchtlinge wurden nach dem Königsteiner Schlüssel auf die anderen Bundesländer verteilt – unter anderem nach Schleswig-Holstein. Mit der Organisation der Erstaufnahme war dort unter anderem Dr. med. Jan-Thorsten Gräsner, Direktor am Institut für Rettungs- und Notfallmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), betraut. Die größte Erstaufnahmeeinrichtung des Landes liegt in Neumünster. „Unsere Aufgabe war es, eine allgemeine orientierende körperliche Untersuchung durchzuführen, wie es im Landesasylverfahrensgesetz heißt“, erklärt Gräsner. „Dazu gehören unter anderem eine Untersuchung auf Kratzmilben und Läuse, zudem eine Röntgenuntersuchung auf Tuberkulose bei Jugendlichen ab dem 16. Lebensjahr, außer bei Schwangeren.“

In Neumünster arbeiten bis zu acht Ärzte und 20 Assistenzkräfte, wie Pflegekräfte, medizinisch-technische Assistenten und Übersetzer, berichtet Gräsner. Auch viele Studenten seien in ihren Semesterferien vor Ort gewesen. „Mit diesem Team haben wir seit Ende August über 10 000 Flüchtlinge untersucht, 50 bis 400 am Tag“, sagt der Notfallmediziner. Dabei seien 95 Prozent der Flüchtlinge ohne pathologischen Befund gewesen.

„Die größte Herausforderung war die eindeutige Zuordnung der Patienten“, erzählt Gräsner. „Denn die unterschiedlichen Akteure hatten alle Dokumentationssysteme, die nicht miteinander kompatibel sind. So mussten in jedes System die Daten der Menschen neu per Hand eingegeben werden. Das war ein großer Aufwand, aber es hat funktioniert.“ Auch Gräsner betont, dass die Kollegen die Arbeit komplett in ihrer Freizeit gemacht hätten.

Unweit der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster liegt das Friedrich-Ebert-Krankenhaus. Weil so viele Flüchtlinge in die 80 000-Einwohner-Stadt kamen, bekam die Notaufnahme große Probleme. „Es war selbstverständlich, dass wir die Flüchtlinge genauso behandeln wie alle anderen Notfallpatienten“, sagt Dr. med. Ivo Heer, Ärztlicher Direktor des Friedrich-Ebert-Krankenhauses. „Wenn wir bei deutschen Patienten 20 Minuten für eine Behandlung brauchen, brauchten wir bei den Flüchtlingen aber nicht selten eine Stunde, weil wir ihnen mehr erklären mussten, und auch die Sprachbarriere zu Problemen geführt hat. Das hat im vergangenen August zum Zusammenbruch des Systems geführt.“

Das Friedrich-Ebert-Krankenhaus hat aus der Not eine Tugend gemacht und syrische Ärzte und Pflegekräfte gebeten, für sie zu arbeiten, „Einheit Integrierende Versorgung“ haben sie ihr Konzept genannt. Dazu gehörte auch, ambulante Fälle schnell zu erkennen und mit klaren Behandlungszielen zurück zum ärztlichen Dienst der Erstaufnahmeeinrichtung zu schicken. Eine stationäre Aufnahme sollte zudem zügig vorbereitet werden. Und besondere Erkrankungen wie Gelbfieber oder Fleckfieber sollten schnell erkannt werden. „Dies hat sich dann in der Realität aber als eher unnötig herausgestellt“, so Heer.

Heer lobt die Zusammenarbeit mit den Behörden. Das Innenministerium habe dem Krankenhaus sofort zwei Millionen Euro Fördermittel zugesagt, so dass sie unverzüglich mit der Umsetzung ihres Konzeptes beginnen konnten. Es wurde ein Gebäude auf dem Krankenhausgelände umgebaut und als neuer Teil der zentralen Notaufnahme genutzt, in der Flüchtlinge behandelt werden. „Den syrischen Ärzten und Pflegekräften haben wir deutsche Arbeitsverträge gegeben“, sagt Heer. „Zurzeit arbeiten sie bei uns noch mit dem Status von Assistenzärzten unter ärztlicher Supervision. Das ist aber ohnehin sinnvoll als Teil der Integration. In Kürze werden sie ihre Gleichwertigkeitsprüfung absolvieren, und dann können sie als Fachärzte arbeiten.“

Seit dem Sommer des vergangenen Jahres hat sich die Lage zwar etwas beruhigt, doch für viele Landkreise bleibt die Organisation der Versorgung eine Herausforderung – das ist die Erfahrung von Severin Baum von der KV Bayerns. In seiner Funktion als Asylkoordinator ist er allmählich zum ersten Ansprechpartner vieler Landkreise geworden, die sich ratsuchend an ihn gewendet haben. Vor allem im vergangenen Jahr im November habe es viele Nachfragen gegeben, da zahlreiche Sachbearbeiter ohne medizinische Kenntnisse Formulare und Anträge ausfüllen mussten. Aber auch viele Ärzte wenden sich an die KV: Welche Untersuchungen müssen gemacht werden, wer darf wen impfen und wie funktioniert das mit der Abrechnung?

Aus der Sicht von Baum dürfen in den kommenden Monaten die Gemeinden nicht im Stich gelassen werden. Notwendig seien einheitliche Regelungen für Behandlungsscheine und die Organisationsformen der Versorgung. „Wir dürfen aber auch regionale Besonderheiten und Strukturen sowie das große Engagement vieler Ärzte in einigen Regionen nicht zerstören“, sagt er. Auch setzt sich die KV Bayerns dafür ein, dass die ehrenamtlich tätigen Ärzte Honorarverträge mit den Landratsämtern für ihre Tätigkeit abschließen. Einen Mustervertrag hat die KV gemeinsam mit dem Bayerischen Arbeitsministerium entwickelt.

Menschen, die in den kommenden Monaten in Deutschland ankommen, sollen durch ein beschleunigtes Asylverfahren laufen, das derzeit vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entwickelt wird. Flüchtlinge sollen dann bundesweit in drei zentralen Einrichtungen einem Gesundheits-Check unterzogen werden. Organisiert wird der Check von den Bundesländern – wie, ist noch unklar.

Das Zeltlager am Nordeingang des Münchner Hauptbahnhofes steht heute nicht mehr. Die Flüchtlinge werden an der Grenze, zum Beispiel in Passau, registriert und untersucht. Und auch nach Neumünster kommen deutlich weniger Flüchtlinge als im vergangenen Jahr an. Sollten es jedoch wieder mehr Flüchtlinge werden, ist man gut präpariert, sagt Jan-Thorsten Gräsner vom UKSH: „Wir sind gut vorbereitet auf alles, was jetzt noch kommen mag, und wir hoffen, dass uns nichts mehr überraschen wird.“

Rebecca Beerheide, Falk Osterloh

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