ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2016Behandlungsfehler: Ärzte sorgen für Aufklärung

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Behandlungsfehler: Ärzte sorgen für Aufklärung

Gerst, Thomas

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Bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler können sich Betroffene an die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern wenden.

Die Zahl festgestellter Behandlungsfehler liegt, gemessen an der Gesamtzahl der Fälle, im Promillebereich. Dieser Hinweis bei der Pressekonferenz der Bundesärztekammer (BÄK) zu „Fehlerhäufigkeiten und Fehlerursachen in der Medizin“ am 16. März in Berlin erscheint immer noch sinnvoll, gab es doch in der Vergangenheit nicht selten eine Skandalisierung in Medien, sobald Fehler von Ärzten öffentlich thematisiert wurden. Auf diesen Sachverhalt machte Dr. med. Andreas Crusius, Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, bei der Vorstellung der 2015 von den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern bewerteten Arzthaftungsfälle aufmerksam. Hier sei aber in den vergangenen Jahren ein Wandel zu beobachten. „Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass Fehler nicht mit Pfusch gleichzusetzen ist. Ich bin sehr froh, dass mittlerweile auch in den Medien Wert auf diese Unterscheidung gelegt wird.“

Ergebnisse der 7 215 Entscheidungen im Jahr 2015
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Schaut man auf die Sachentscheidungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen, so wurde 2015 bundesweit bei insgesamt 7 215 (Vorjahr 7 751) abgeschlossenen Fällen in 2 132 Fällen (Vorjahr: 2 252) auf einen Behandlungsfehler erkannt. Davon wurde in 1 774 Fällen ein Behandlungsfehler/Risikoaufklärungsmangel als Ursache für einen Gesundheitsschaden ermittelt, der einen Anspruch des Patienten auf Entschädigung begründete. Bei 164 Patienten führte der Fehler zu einem schweren Dauerschaden, in 96 Fällen wurde auf einen Fehler mit Todesfolge erkannt.

Die häufigsten Diagnosen, die zu Behandlungsfehlervorwürfen führten, waren Knie- und Hüftgelenkarthrosen sowie Unterschenkel- und Sprunggelenkfrakturen. In 358 Fällen lag ein Behandlungsfehler/Risikoaufklärungsmangel vor, der jedoch keinen kausalen Gesundheitsschaden zur Folge hatte.

Prof. Dr. med. Walter Schaffartzik, Vorsitzender der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern, betonte bei der Vorstellung der Fehlerstatistik den Nutzen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen für die Patienten. Formlos und ohne größeren bürokratischen Aufwand könne sich dorthin jeder wenden, der von einer Schädigung infolge eines Behandlungsfehlers ausgehe. „Dabei muss der Patient nicht die finanzielle und emotionale Hürde der Aufnahme eines Gerichtsverfahrens nehmen: Das Schlichtungsverfahren ist für den Patienten kosten- und barrierefrei bei vollständiger Transparenz.“ Schaffartzik erläuterte in diesem Zusammenhang, dass nur Fachärzte, die über eine nachgewiesene gutachterliche Expertise in ihrem Fachgebiet verfügten, für die Norddeutsche Schlichtungsstelle tätig werden könnten. Die juristische Expertise gründe sich auf die Besetzung mit sechs hauptamtlich tätigen Volljuristen mit der Befähigung zum Richteramt.

Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen, verwies in seinem Statement auf die vielfältigen Bemühungen der Ärzteschaft, Behandlungsfehler zu vermeiden. „Die Förderung von Patientensicherheit und Qualitätssicherung ist keine Erfindung des Gesetzgebers. Wir sind Taktgeber auf diesem Gebiet, weil wir die Sicherung und Weiterentwicklung der Behandlungsqualität als integralen Bestandteil ärztlichen Handelns verstehen.“ Kritisch beurteilte Crusius die von der Politik mit dem Versorgungsstärkungs- und dem Krankenhausstrukturgesetz eingeleiteten Maßnahmen. Statt mit Hilfe fragwürdiger Messinstrumente vermeintlich schlechte Qualität zu sanktionieren, sei eine ausreichende Finanzierung der Personalkosten in den Krankenhäusern notwendig. So würde Behandlungsdruck, der zu Fehlern führen könne, reduziert.

Thomas Gerst

@Detaillierte Fehlerstatistik im Internet:
www.aerzteblatt.de/16480

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