ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2016Frage der Woche an . . . Prof. Dr. Rudolf Blankart, Mitglied des Hamburg Center for Health Economics

ÄRZTESTELLEN: Frage der Woche

Frage der Woche an . . . Prof. Dr. Rudolf Blankart, Mitglied des Hamburg Center for Health Economics

Eine internationale Studie unter Beteiligung des Hamburg Center for Health Economics hat in sieben Ländern die Inanspruchnahme und Kosten von Gesundheitsleistungen in den letzten Lebensmonaten eines Menschen untersucht. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Dtsch Arztebl 2016; 113(11): [4]

Glöser, Sabine

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Eine internationale Studie unter Beteiligung des Hamburg Center for Health Economics hat in sieben Ländern die Inanspruchnahme und Kosten von Gesundheitsleistungen in den letzten Lebensmonaten eines Menschen untersucht. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Blankart: Positiv hebt sich Deutschland in der Hospitalisierungsrate von den anderen Ländern ab. Hierzulande werden nur knapp 70 Prozent der Krebspatienten innerhalb der letzten sechs Monate im Krankenhaus aufgenommen. Dieser im internationalen Vergleich geringe Anteil spricht für eine vorbildliche ambulante Versorgung. Ebenfalls für eine gute ambulante Versorgung spricht der niedrige Anteil an Einweisungen über die Notaufnahme. Mit nur 47 Prozent Notaufnahmen steht Deutschland deutlich besser da als die übrigen Länder mit Werten zwischen 65 Prozent in Belgien und fast 90 Prozent in Kanada.

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Während in Kanada und Belgien über 50 Prozent der Patienten im Krankenhaus versterben, sind es in den USA nur 22 Prozent. In Deutschland verbringen 38 Prozent der Patienten ihren letzten Lebenstag in der Klinik. Ein entscheidender Faktor ist sicherlich die Vergütung. In den USA hat der hohe Kostendruck durch die vergleichsweise hohen Krankenhausvergütungssätze einen Ausbau von Pflegeeinrichtungen und Hospizen bewirkt. Dies induzierte eine sinkende Sterberate in den Kliniken. In den Niederlanden führte wahrscheinlich die vorbildliche Verzahnung der stationären und ambulanten Versorgung zu geringeren Sterberaten im Krankenhaus.

Was die Kosten und den Einsatz der Chemotherapie betrifft, befindet sich Deutschland im Mittelfeld. In Deutschland bekommen 28 Prozent der Patienten eine Chemotherapie innerhalb von 180 Tagen vor dem Tod. Während dieser Anteil in den USA mit 39 Prozent weit höher ist, liegen die Niederlande und Norwegen mit 18 Prozent und 24 Prozent darunter. Eine Überversorgung lässt sich daraus aber nicht ableiten. Denn über den Einsatz einer Chemotherapie muss patientenindividuell entschieden werden. Bezüglich der Krankenhauskosten liegt Deutschland mit 16.000 US-Dollar im europäischen Vergleich hinter Norwegen. Die Behandlungskosten in Europa liegen allerdings immer noch unter den Kosten in den USA (18.500 US-Dollar) und Kanada (21.840 US-Dollar).

Fragen, die jetzt weiterer Forschung bedürfen, sind: Müssen wir in Deutschland Maßnahmen ergreifen, um den Behandlungspfad während der letzten Lebensmonate zu verändern? Kommt es in Deutschland zu einer Über- oder Unterversorgung? Wie können wir von anderen Ländern lernen? sg

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