ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2016Charlotte Brontë (1816–1855): Unter männlichem Pseudonym

KULTUR

Charlotte Brontë (1816–1855): Unter männlichem Pseudonym

Dtsch Arztebl 2016; 113(11): A-506 / B-426 / C-422

Krämer, Sandra

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Nur eine kurze Schaffenszeit war ihnen bestimmmt. Aber die Romane der Schwestern Brontë zählen bis heute zu den Klassikern der englischen Literaturgeschichte.

Charlotte ist die bekannteste der Brontë-Schwestern. Foto: picture alliance
Charlotte ist die bekannteste der Brontë-Schwestern. Foto: picture alliance

Wer verbirgt sich hinter den Pseudonymen Currer, Ellis and Acton Bells? Wer sind die wahren Schöpfer von „Jane Eyre“ und „Shirley“, „Sturmhöhe“ (Wutherings Heights) sowie „Agnes Grey“ und „Die Herrin von Wildfell Hall“ (The Tenant of Wildfell Hall)? Spekulationen und Gerüchte über die sensationellen Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt bestimmten die viktorianische Literaturszene Mitte des 19. Jahrhunderts. Erst spät enthüllte die einzige zu diesem Zeitpunkt noch Lebende des Trios die wahre Identität der Brontë-Schwestern.

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Haworth, in der Grafschaft Yorkshire inmitten von Hochmooren und Heideflächen gelegen, teilte das Schicksal vieler englischer Orte zu Beginn des 19. Jahrhunderts infolge der Industrialisierung. Niemand konnte damals ahnen, dass sich in dieser schmutzigen Kleinstadt die Talentschmiede befand, aus der einmal drei professionelle Schriftstellerinnen hervorgehen sollten. Hier, im abgelegenen väterlichen Pfarrhaus, wuchs die am 21. April 1816 geborene Charlotte Brontë zusammen mit ihren fünf Geschwistern mutterlos auf. Und hier erschufen sich die Brontës ihre eigene Welt. Obwohl das Leben im Pfarrhaus sie von der Außenwelt isolierte, erfuhren sie doch von manchem Ereignis draußen, das ihrer Fantasie neue Nahrung gab. In ihrem Spiel reisten sie in die Fantasiereiche „Angria“ und „Godol“, lauschten Märchen und Erzählungen, sie lasen viel, erfanden und schrieben eigene Geschichten. Um seinen Kindern trotz geringer finanzieller Mittel eine fundierte Ausbildung zu ermöglichen, schickte ihr Vater sie 1824 in die Cowan Bridge School, eine Stiftung für arme Pfarrerstöchter. Der dortige Aufenthalt war für Charlotte so prägend, dass sie zwanzig Jahre später noch den Eindruck derselben in ihrer Schilderung der Schule in Lowood widerzugeben vermochte. Zucht und Demütigung gepaart mit unhygienischen Zuständen und schlechter Ernährung führten bald zum Ausbruch einer Krankheit, deren Beschreibung man in Jane Eyre finden kann, und zum Tod der beiden älteren Brontë-Schwestern Maria und Elisabeth.

Die Tuberkulose, unheilbar und todbringend, war die gefürchtetste Krankheit des 19. Jahrhunderts. Den schleichenden Krankheitsprozess mit seiner einhergehenden körperlichen und psychischen Schwächung beschrieb Charlotte in einem Brief: „Der tiefe, schwere Husten hält an, die Atmung nach der kleinsten Anstrengung ist schnell und flach; diese Symptome werden von Schmerzen in der Brust und der Seite begleite . . .“ Hingegen zeichnet sich in der Literatur ein klarer Trend zur Idealisierung ab. Die kranken Protagonisten werden als jung, schön, unschuldig vorgeführt, die Schwindsucht selbst als eine der Kunst und Erkenntnis förderliche Krankheit. Auch Brontës Figur Helen Burns, die gebildete und fromme Freundin der Titelheldin Jane Eyre, die sich „bleich, abgezehrt aber ruhig“ ihrem Schicksal ergibt, steht in einer Reihe mit Mimi, Anna Karenina, Viktoria und Hans Castorp. Während Charlotte körperlich und seelisch gezeichnet Cowan Bridge verließ, verbleibt ihre Titelheldin Jane Eyre an der Lowood School, wo zur Beseitigung der „Ursachen der Geißel“ bauliche, hygienische und diätische Maßnahmen eingeleitet werden.

Neben körperlichen Erkrankungen spielten in der Realität und Literatur des viktorianischen Zeitalters vermehrt psychische Krankheiten, die man erstmals als solche anerkannte und ihre Symptome und Ursachen untersuchte, eine Rolle.

In ihrer Figurenkonzeption der Bertha Mason, einer Kreolin aus Jamaika, stützte sich die Autorin vornehmlich auf die zeitgenössischen Vorstellungen zu „moral insanity“. Diese Form des Wahnsinns, die sich in einer „systematic` perversion of the subject`s moral character or temperament“ äußerte, avancierte schnell zur „weiblichen Krankheit“, begründet in der sexuellen Natur der Frau oder erlittenem Unrecht. Die erste akustische Begegnung der Gouvernante Jane Eyre mit der Verborgenen auf dem Dachboden von Thornfield Hall deutet bereits deren wahnsinnigen Charakter an. „Als ich dann leise vorwärts schritt, schlug das letzte Geräusch, welches ich in diesen Regionen erwartet haben würde – ein lautes Lachen – an mein Ohr. Es war ein seltsames Lachen, deutlich, förmlich, freudlos.“

„Jane Eyre. Eine Autobiographie“, erstmals erschienen im Jahr 1847 unter dem Pseudonym Currer Bell, ist der erste veröffentlichte Roman von Charlotte Brontë. Er gilt heute als Klassiker der viktorianischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts. Foto: Wikimedia Common
„Jane Eyre. Eine Autobiographie“, erstmals erschienen im Jahr 1847 unter dem Pseudonym Currer Bell, ist der erste veröffentlichte Roman von Charlotte Brontë. Er gilt heute als Klassiker der viktorianischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts. Foto: Wikimedia Common

Das erste personifizierte Erscheinen dieses „demoniac laugh“ zeugt von seiner animalischen Natur: „. . . die Wahnsinnige stürzte sich auf ihn, packte ihn wütend an der Kehle und fletschte die Zähne gegen sein Gesicht.“ Auch die Theorie der mütterlichen Vererbbarkeit des Wahnsinns und die Zuschreibung der Veranlagung an Angehörige fremder, zurückgebliebener Kulturen werden von den Romanfiguren in ihren Aussagen über Bertha übernommen.

Im Roman wird jedoch auch eine Verbindung entlarvt, die die viktorianische Gesellschaft zwischen Wahnsinn und nichtkonformem Verhalten, wie sündhaftem Lebensstil, sexueller Freizügigkeit oder Trinksucht, diskursiv erschuf. Die ursprünglich gesunde Frau wird, weil ihre Eigenschaften nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen, für wahnsinnig erklärt und auf den Dachboden verbannt, wo sie dann wirklich den Verstand verliert.

Die Folgen von Ausgrenzung und Eingesperrtsein auf die menschliche Psyche thematisiert Brontë auch in ihrem letzten publizierten Roman „Vilette“. Die aufgezeigte Entwicklung ihrer Hauptprotagonistin Lucy Snow steht exemplarisch für das Berufsfeld der Gouvernante, das geradezu prädestiniert ist für soziale und emotionale Einsamkeit und hieraus resultierenden Verhaltensveränderungen. Auch Lucy lebt ein Leben abseits der Gesellschaft und „seit dieser Zeit war ich vielleicht ein bisschen, ein kleines bisschen aufgewühlt“. Lucy erleidet einen Nervenzusammenbruch, die am häufigsten nachgesagte Form von psychischer Krankheit unter Gouvernaten. Der damit einhergehende Verfolgungswahn durch eine Nonne wird für den behandelnden Arzt Dr. John eindeutig als ein Ausdruck eines „langjährigen inneren Konfliktes“ diagnostiziert. Denn die Gestalt erscheint Lucy jedesmal, wenn sie sexuelle Neigungen für einen Mann entwickelt, und dadurch gegen den ihrem Berufsstand auferlegten Moralkodex verstößt. Doch Brontës Lucy zweifelt zu Recht das medizinische Urteil an, vielmehr ist sie überzeugt: „Es war eine optische Täuschung – ein nervöses Leiden, oder so etwas in der Art.“ Die paranoide Verfolgung endet dann auch nicht etwa dadurch, dass Lucy weiblichen und sexuellen Bedürfnissen entsagt, sondern durch eine verstandesgeleitete Auseinandersetzung mit der Erscheinung, welche sich lediglich als eine Verkleidung entpuppt.

Die Fähigkeit, ihre Lebensumstände zu analysieren, zeichnet auch Caroline Helstone, die krank durch ihr „liebloses Leben“ ist, in „Shirley“ (1848) aus. Anregungen zu dem Roman, der vor dem historischen Hintergrund der Arbeiterunruhen im Jahre 1812 am Schauplatz Yorkshire spielt, fand Brontë während ihrer Zeit in der Schule von Roe Head, die sie 15-jährig – der Hölle von Cowan Bridge entronnen – besuchte. Entgegen den in Brontës posthum veröffentlichtem Erstlingswerk „Der Professor“ (1857) auftretenden literarischen Figuren, die in Melancholie versinken, versucht Caroline durch Aktivität und Ablenkung dagegen anzugehen. Am Ende beweist sie genauso viel Lebensstärke und Unbeugsamkeit wie die emanzipierte Titelheldin.

Wiederholte Versuche Charlottes, ähnlich wie ihre Protagonistinnen als Gouvernante oder Lehrerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen, scheiterten. Zurück im Pfarrhaus, mit dem fast erblindeten Vater und dem alkohol- und opiumabhängigen Bruder wiedervereint, besannen sich Charlotte, Emily und Anne auf ihr einziges wahres Talent. Publizieren mussten sie jedoch, da die Verleger literarische Werke weiblicher Autorinnen vehement ablehnten, unter männlichem Pseudonym. Ein erster 1846 gemeinsam veröffentlichter Lyrikband „Poems by Currer, Ellis and Acton Bell“ blieb ohne nennenswerte Resonanz. Mit ihrem Wechsel zum epischen Genre wurden die drei Schwestern, jede mit einem eigenen Roman, 1847 über Nacht zum gefeierten Autorentrio. Doch das gemeinschaftliche Glück währte nicht lange. Bruder Branwell verstarb im September 1848, zwei Monate später die nur 30-jährige Emily nach einer Tuberkuloseerkrankung, dito die jüngste Schwester Anne am 28. Mai 1849. Allein zurückgeblieben, „vor sich das Buch der Erinnerungen ans vergangene Jahr mit all seinen furchtbaren Schicksalsschlägen (…), seinen Leiden, seinen Verlusten“, intensivierte Charlotte Brontë ihre schriftstellerische Tätigkeit mit zunehmendem Erfolg und unter Aufdeckung ihrer wahren Identität. Am 19. Juni 1854 heiratete Charlotte den Hilfsgeistlichen Arthur Bell Nicholls. Fortan führte sie für ihren Mann und ihren Vater den Haushalt im Pfarrhaus, während das Schreiben in den Hintergrund trat. Ihr letztes Manuskript „Emma“ blieb unvollendet. Am 31. März 1855 starb die 39-jährige werdende Mutter an Hyperemesis gravidarum.

Die Romane der Schwestern Brontë zählen bis heute zu den Klassikern der englischen Literaturgeschichte.

Sandra Krämer
Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

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