ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2016Körperbilder: Agnolo Bronzino (1503–1572) – In Wallung versetzt

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Körperbilder: Agnolo Bronzino (1503–1572) – In Wallung versetzt

Schuchart, Sabine

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Er gehört zu den meist dargestellten Figuren der christlichen Mystik. Sebastian war ein römischer Offizier, der zur Zeit der letzten großen Christenverfolgung am kaiserlichen Hof Diokletians lebte. Der ließ ihn an einen Pfahl binden und von Bogenschützen durchbohren, weil sich Sebastian öffentlich zum Christentum bekannt hatte. Doch durch ein Wunder überlebte er und wurde von der heiligen Irene gesund gepflegt. Als er dann erneut für seinen Glauben eintrat, ließ ihn Diokletian erschlagen und in Roms Cloaca maxima werfen.

Agnolo Bronzino: „Heiliger Sebastian“, um 1528/29, Öl auf Holz, 87 × 76,5 cm: Der Märtyrer ist hier nicht mit blutenden Wunden und geschundenem Körper dargestellt, sondern als schlanker, schöner Apollo mit gelocktem Haar und verträumtem Augenaufschlag. Dass es sich um den als Pestheiligen verehrten Sebastian handelt, verdeutlicht Bronzino durch die beiden Pfeile als Symbole der Pest. Einen hält der fast nackte Jüngling in seiner linken Hand, der andere durchbohrt seine linke Seite, ohne die ästhetische Unversehrtheit seines Körpers zu beeinträchtigen. Foto: Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid
Agnolo Bronzino: „Heiliger Sebastian“, um 1528/29, Öl auf Holz, 87 × 76,5 cm: Der Märtyrer ist hier nicht mit blutenden Wunden und geschundenem Körper dargestellt, sondern als schlanker, schöner Apollo mit gelocktem Haar und verträumtem Augenaufschlag. Dass es sich um den als Pestheiligen verehrten Sebastian handelt, verdeutlicht Bronzino durch die beiden Pfeile als Symbole der Pest. Einen hält der fast nackte Jüngling in seiner linken Hand, der andere durchbohrt seine linke Seite, ohne die ästhetische Unversehrtheit seines Körpers zu beeinträchtigen. Foto: Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid

Aber nicht dieses Martyrium, sondern Sebastians göttliche Errettung vor den tödlichen Pfeilen lieferte Agnolo Bronzino die Gelegenheit, einen schönen, jungen, durch seine spärliche Bekleidung umso erotischeren männlichen Körper abzubilden. Auch schon im Mittelalter war Sebastian als volkstümlicher Pestheiliger sehr populär, aber aus Gründen kirchlicher Moral wurde er oft in Uniform als bejahrter Krieger dargestellt. Bronzino, einer der bedeutendsten Künstler des an die Hochrenaissance anschließenden Florentiner Manierismus, nahm sich im Rückgriff auf die Antike die Freiheit, einen jungen Heiligen losgelöst von körperlichen Qualen zu malen. Gerade seine makellose Leiblichkeit habe Bronzinos Sebastian als Pestheiligen qualifiziert, da sie auf das zentrale Wunder seiner unversehrten göttlichen Errettung verweise, argumentiert Bastian Eclercy. Der Kurator hat das Gemälde für die große Manierismus-Ausstellung im Städel Museum von Madrid nach Frankfurt geholt. Dem Gläubigen sollte es als Gegenbild zum Pest befallenen Körper dienen und die Aussicht auf eine unversehrte Physis im Jenseits offenbaren.

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Die häufig unterstellte homoerotische Komponente in den Sebastian-Darstellungen des Cinquecento hält Eclercy für überzogen, sie habe keine Grundlage in den kunsthistorischen Quellen. Er verweist dazu im Katalog auf eine Anekdote, die Kunstgeschichtsschreiber Giorgio Vasari zu einem anderen um 1514 von Fra Bartommoleo gemalten Heiligen Sebastian für die Nachwelt festgehalten hatte: Dessen nackte Fleischlichkeit habe die Florentiner Damen so in Wallung versetzt, dass das Altarbild aus der Kirche San Marco entfernt werden musste. Immerhin die Damen. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici“

Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main, Di./Mi./Sa./So. 10–18, Do./Fr. 10–21 Uhr;

www.staedelmuseum.de

bis 5. Juni 2016

„Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici“, Katalog zur Ausstellung, gebundene Ausgabe, 304 Seiten, Prestel 2016; 49,95 Euro

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