ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2016Vaginale Geburt als größtes Risiko
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Berichtet wird in dem Beitrag über Heilungsraten von 56 % bei Belastungs-Inkontinenz durch Beckenboden-Training (1) . So das Ergebnis einer Metaanalyse von vier Studien mit ingesamt 165 Frauen. Berichtet wird außerdem über eine häufigere psychische Auffälligkeit bei Patientinnen mit Blasenfunktionsstörungen. Die Frage ist jedoch, wie oft ist diese Auffälligkeit eine reaktive Verunsicherung durch Inkontinenz? Als Kollektiv werden schwedische Frauen im Alter zwischen 20 und 59 Jahren genannt. 31 % dieses Kollektivs leidet an Deszensus genitalis, in der Regel bedingt durch Geburten. In einem aktuellen Beitrag werden jedoch folgende Daten geannt: Zwei Schwangerschaften mit vaginaler Entbindung führen zu einer 8-fach höheren Inkontinenz-Wahrscheinlichkeit (2). Ein symptomatischer Prolaps nach vaginaler Geburt sei mehr als doppelt so häufig als nach Sectio in jedem Geburtsstadium (14,6 % zu 6,3 %.). Dazu seien ergänzend die Daten des Statistischen Bundesamtes genannt (Destatis: Krankenhaus-Diagnose Statistik 077): Bei 35 % der vaginalen Geburten sind Rissverletzungen operativ zu versorgen. Das sind 295 000 Frauen versus 225 000 mit Sectio. Zerstörte bindegewebige Strukturen infolge Geburt sind nur teils über die Dammregion erkennbar (2). Das lässt sich später kaum mit Beckenboden-Training angehen, denn dieses ist primär auf den Aufbau der Muskulatur ausgerichtet. Die Herausgeber des Lehrbuchs führen im Editorial an, dass „Operationstechniken nur einen kleinen Teil der anatomischen Veränderungen wieder herstellen“. Es bleibt zu fragen, ob die konservative Inkontinenz-Therapie das besser kann.

Eine australisch-neuseeländische Studie (3) erhob Daten zu dieser Fragestellung zu den Zeitpunkten: 3 Monate, 6 Jahre und 12 Jahren nach Geburt. Nach 12 Jahren berichteten noch 53 % über Harninkontinenz. Bei 38 % war diese persistierend – bereits vorher angegeben.

Bestand Inkontinenz 3 Monate post partum, so berichteten 3 von 4 Befragten auch noch 12 Jahren später weiter darüber. Nach einer US-Studie (4) wird ab der zweiten vaginalen Geburt das Risiko für Prolaps der Beckenorgane verdoppelt.

Fazit: Die therapeutischen Möglichkeiten bei Beckenboden- Funktionsstörungen sind begrenzt.

DOI: 10.3238/arztebl.2016.0011c

Prof. Dr. med. Dipl. Psych. J. Matthias Wenderlein

Universität Ulm

wenderlein@gmx.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Jundt K, Peschers U, Kentenich H: The investigation and treatment of female pelvic floor dysfunction. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 564–74 VOLLTEXT
2.
Hofmann R, Wagner U, eds.: Inkontinenz- und Deszensuschirurgie der Frau. Springer 2015 CrossRef
3.
Mac Arthur C, Wilson D, Herbison P, et al.: Urinary incontinence persisting after childbirth: extent,delivery history,and effects in a 12-year longitudinal cohort study. BJOG. 2015 Apr 2. [Epub ahead of print] CrossRef MEDLINE
4.
Shveiky D, Kudish Bi, Iglesia CB, et a.l: Effects of bilateral salpingo-oophorectomy at the time of hysterectomy on pelvic organ prolaps: results from the Women’s Health Initiative trial. Menopause 2015; 22: 483–8 CrossRef MEDLINE
1.Jundt K, Peschers U, Kentenich H: The investigation and treatment of female pelvic floor dysfunction. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 564–74 VOLLTEXT
2.Hofmann R, Wagner U, eds.: Inkontinenz- und Deszensuschirurgie der Frau. Springer 2015 CrossRef
3.Mac Arthur C, Wilson D, Herbison P, et al.: Urinary incontinence persisting after childbirth: extent,delivery history,and effects in a 12-year longitudinal cohort study. BJOG. 2015 Apr 2. [Epub ahead of print] CrossRef MEDLINE
4.Shveiky D, Kudish Bi, Iglesia CB, et a.l: Effects of bilateral salpingo-oophorectomy at the time of hysterectomy on pelvic organ prolaps: results from the Women’s Health Initiative trial. Menopause 2015; 22: 483–8 CrossRef MEDLINE

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