ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2016Kriegskinder und Kriegsenkel: Werbung für differenziertes Hören und Spüren

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Kriegskinder und Kriegsenkel: Werbung für differenziertes Hören und Spüren

Kattermann, Vera

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Die psychotherapeutische Bearbeitung der transgenerationellen Folgewirkungen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges wird in immer mehr Veröffentlichungen diskutiert und weiterentwickelt. Auch Luise Reddemann als eine der bekanntesten Expertinnen im Bereich der Traumatherapie widmet diesem Thema – von ihr bereits in anderen Büchern am Rande behandelt – einen gesonderten Band. Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist ein gutes und lohnendes Buch, das vor allem für ein möglichst differenziertes Hinhören und Spüren auf die möglichen transgenerationellen Ursachen einer spezifischen Symptomatik wirbt. Es diskutiert – unterlegt mit zahlreichen Fallbeispielen – die Ausprägungen und Erscheinungsformen von Störungen, die in familiär weitergereichten, unverarbeiteten Kriegstraumatisierungen, Verlust- und Gewalterfahrungen, täterbedingter Schuld und
NS-Erziehungspraktiken wurzeln. Denn Terror und Ideologie der NS-Zeit und die Spuren von Krieg und Vertreibung durften in ihren verheerenden Auswirkungen wegen der damit verbundenen Scham- und Schuldgefühle, sicherlich auch wegen der dissoziativen Abkapselungen der Traumata, lange nicht „gewusst“, geschweige denn besprochen und bearbeitet werden.

Als virulentes seelisches Geschehen begegnet dem Therapeuten dieses vielfach unverdauliche Konglomerat an Gefühlen und Konflikten bis heute in den Therapiezimmern. Es sind nun weniger die spezifischen Erkenntnisse zum Thema selbst, die das Buch lesenswert machen – sie werden ähnlich auch an anderer Stelle von anderen Autoren vorgestellt und diskutiert. Die besondere Qualität dieses Buches liegt vielmehr darin, die Haltung einer Therapeutin kennenzulernen, die überzeugend und einladend aus den Zeilen hervorleuchtet. Das betrifft die therapeutische Bescheidenheit, die Reddemann vertritt: Es geht ihr um das Beibehalten einer vorsichtigen, fragenden und unaufgeregten Haltung, aus der heraus in aller Schlichtheit auch das Abgründige erspürt werden darf ohne einen Anspruch von „Handhabbarkeit“. Sie wirbt für eine sehr sensible Erinnerungsarbeit im Rahmen des therapeutischen Prozesses. Das betrifft auch die unbedingte und unbeirrbare Ressourcenorientierung, den zentralen Fokus auf Hoffnung und Trost. Dies bezieht auch die Hinwendung zu Poesie und Literatur mit ein, um eine wichtige, eben gerade nicht kognitive Dimension des Spürens zu fördern.

Schließlich liegt die Qualität des Buches auch in der Reflexion der eigenen Erfahrungen als Kriegskind, wodurch die Autorin in guter und angemessener Dosierung das Verstehen der eigentlichen psychotherapeutischen Herausforderungen vertieft. Reddemanns Buch ermutigt dazu, sich der möglichen geschichtlichen Dimension seelischen Leidens immer wieder neu feinfühlig anzunähern. Vera Kattermann

Luise Reddemann: Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie. Klett-Cotta, Stuttgart 2015, 184 Seiten, kartoniert, 19,95 Euro

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