ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2016Gesundheitspolitik: Nicht objektiv, aber lesenswert

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Gesundheitspolitik: Nicht objektiv, aber lesenswert

Schlander, Michael

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Anzuzeigen ist eine absolute Leseempfehlung. Die beiden Autoren, beide jahrzehntelange einflussreiche Mitgestalter der deutschen Gesundheitspolitik – Knieps von 2003 bis 2009 als Abteilungsleiter unter Ministerin Ulla Schmidt, Reiners darüber hinaus ausgewiesen als kenntnisreicher Buchautor – bürgen nicht nur für tiefe Einblicke in das hinter den Kulissen stattfindende Geschehen. Sie reichern ihre Schilderung der „Echternacher Springprozession“, als welche sie die nie enden wollenden Reformen apostrophieren, mit zahlreichen Anekdoten an, welche den zunehmend desillusionierten Leser immer wieder schmunzeln lassen. Weniger Anlass zum Schmunzeln bietet die an manchen Stellen offen zutage tretende Parteilichkeit der Autoren – etwa, wenn sie mit spürbarem Genuss die Inkompetenz anderer Akteure bloßstellen. Das trifft dann vorzugsweise Christ- und Freidemokraten. Natürlich widerstehen die Autoren auch nicht der Versuchung, der unvergessenen Kakofonie der schwarz-gelben Koalitionäre im Jahr 2010 (etwa „wie eine Wildsau aufgetreten“, „gesundheitspolitische Gurkentruppe“) gleich eine ganze Textseite einzuräumen.

Angesichts der persönlichen und zeitlichen Nähe der Autoren zu den geschilderten Ereignissen ist eine gewisse Subjektivität unvermeidlich. Selbstkritik angesichts mancher Überregulierung wäre wohl zu viel erwartet. Vermeidbar gewesen wäre freilich die Vielzahl (ab)wertender Formulierungen über den (damaligen) politischen Gegner, der sich zu „Parolen (. . .) verstiegen“ und Gegenargumente „vom Tisch gewischt“ habe.

Andererseits bietet das Buch einen fast 50-seitigen Anhang, der im Stil einer Synopse alle Gesundheitsreformen seit 1949 zusammenfasst. Erhellend ist auch der Blick in das Literaturverzeichnis, dessen extremer Fokus auf deutsche Quellen einen unfreiwilligen Hinweis auf die nationale Myopie der hiesigen Gesundheitspolitik liefert, und das Namensregister, das mit Ausnahme von Karl Lauterbach keinen einzigen Gesundheitsökonomen aufführt – Beleg für den geringen politischen Einfluss dieser Disziplin in Deutschland. Alles in allem handelt es sich zwar um kein wissenschaftlich-objektives Werk, wohl aber um ein absolut lesenswertes Buch mit eher journalistischem Charakter. Michael Schlander

Franz Knieps, Hartmut Reiners: Gesundheitsreformen in Deutschland. Huber, Bern 2015, 350 Seiten, kartoniert, 29,95 Euro

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