ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2016Habilitation: Akademische Befähigung oder Karriereinstrument

THEMEN DER ZEIT

Habilitation: Akademische Befähigung oder Karriereinstrument

Dtsch Arztebl 2016; 113(12): A-544 / B-457 / C-453

Sorg, Heiko; Grieswald, Christoph; Tilkorn, Daniel J.; Hauser, Jörg; Betzler, Christopher; Schwab, Christian G. G.

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Foto: Fotolia/ Y B
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Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Habilitierten*

Die wissenschaftliche Tätigkeit stellt in Deutschland einen wichtigen Baustein in der Karriere eines Arztes dar. Neben der Erlangung medizinischen Wissens zur adäquaten Patientenversorgung, ist daher auch das Erreichen einer akademischen Befähigung von entscheidender Bedeutung. Nach der Promotion, die von etwa der Hälfte der Ärzte erfolgreich abgeschlossen wird, steht die Habilitation ganz im Zeichen der Forschung und der Vorbereitung auf eine universitäre Tätigkeit. Um ein aktuelles Meinungsbild zum Stellenwert der medizinischen Habilitation geben zu können, wurde zu diesem Thema eine Umfrage bei Habilitierten in Deutschland durchgeführt und nach den Voraussetzungen, den lokalen Bedingungen sowie der generellen Einschätzung gefragt.

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Von den 628 Teilnehmern der Online-Umfrage waren 86 % in einem klinischen Fachgebiet tätig sind; 84 % hatten eine leitende Funktion inne, 94 % hatten einen Facharzttitel. Das Durchschnittsalter betrug 47 Jahre. Die berufliche Situation der Studienteilnehmer kann als überwiegend zufriedenstellend bezeichnet werden. 75 % sind unbefristet beschäftigt, und mehr als 70 % waren mit ihrer Arbeitssituation „zufrieden“ bis „sehr zufrieden“, trotz einer angegebenen Arbeitsbelastung von 50 bis 70 Stunden pro Woche (67 %).

Freude an der Forschung

Durchschnittlich approbierten die Teilnehmer mit 27 Jahren, promovierten mit 28 Jahren und habilitierten mit 38 Jahren. Der Stellenwert einer medizinischen Habilitation wurde von den befragten Habilitierten überwiegend als hoch eingeschätzt. Bei 71 % hat sich die Entscheidung zur Habilitation während des Berufslebens ergeben. Dies geht damit einher, dass bei 63 % der Befragten die Habilitation vom Vorgesetzten erwartet wurde und bei 72 % dies auch mit dem beruflichen Vorankommen in der Abteilung assoziiert war. Hauptmotivationen einer medizinischen Habilitation sind die Freude an der Forschung und die besseren beruflichen Zukunftschancen (Tabelle 1). Insgesamt würden 92 % der Umfrageteilnehmer wieder habilitieren und dies auch in 87 % einem nichthabilitierten Kollegen empfehlen. Allerdings werden die Chancen, einen Lehrstuhl zu erhalten, nur als „mittelmäßig“ bis „sehr niedrig“ (zusammen 81 %) eingestuft.

Angaben zur Motivation, eine medizinische Habilitation durchzuführen. Mehrfachnennung mit n = 1 845 bei 628 Teilnehmern
Angaben zur Motivation, eine medizinische Habilitation durchzuführen. Mehrfachnennung mit n = 1 845 bei 628 Teilnehmern
Tabelle 1
Angaben zur Motivation, eine medizinische Habilitation durchzuführen. Mehrfachnennung mit n = 1 845 bei 628 Teilnehmern

Notwendige Reformschritte

Trotzdem gaben 71 % der Befragten an, nach der Habilitation beruflich aufgestiegen zu sein, was sich in mehr Verantwortung in einer leitenden Funktion, in mehr Anerkennung und in einer finanziell höheren Entlohnung gezeigt hat. Knapp die Hälfte der Befragten hatte bereits an einem Berufungsverfahren für einen Lehrstuhl teilgenommen. Für die Habilitation selbst stellt die Forschung die wichtigste Voraussetzung dar. Leistungen im Bereich der Lehre und der Krankenversorgung sind hierbei nachrangig. Bei der Beurteilung der Publikationsleistung für eine Habilitation steht klar die Erst- oder Letztautorenschaft in englischsprachigen Peer-Review-Journalen im Vordergrund. Eine Reform der Habilitation in Deutschland sehen 68 % als notwendig an. Die Einzelangaben sind in Tabelle 2 zusammengefasst.

Zusammenfassung der Reformwünsche an die Habilitation. Mehrfachnennung mit n = 2 225 bei 628 Teilnehmern
Zusammenfassung der Reformwünsche an die Habilitation. Mehrfachnennung mit n = 2 225 bei 628 Teilnehmern
Tabelle 2
Zusammenfassung der Reformwünsche an die Habilitation. Mehrfachnennung mit n = 2 225 bei 628 Teilnehmern

Für die Mehrheit der Befragten ist die medizinische Habilitation von großer Bedeutung und wird trotz einiger Kritikpunkte als zeitgemäß eingestuft. Das Spektrum der Reformwünsche ist teils seit längerem bekannt, andere sind jedoch neu hinzugekommen. So rückt der Vorschlag einer bundeseinheitlichen Habilitationsordnung auf Platz 1 der Reformwünsche vor. Die Habilitierten haben erkannt, dass im Fachgebiet der Medizin das Habilitationsverfahren von Universität zu Universität nicht vergleichbar ist und damit keine Chancengleichheit der Karrieremöglichkeiten in Deutschland besteht. In diesem Kontext wurde von den Befragten eine Rahmenhabilitationsordnung vorgeschlagen. Des Weiteren stellt die verbesserte internationale Anerkennung der deutschen Habilitation beziehungsweise eine mögliche Gleichstellung der Habilitation mit einem Ph.D. einen wichtigen Diskussionspunkt dar. Eine Gleichstellung wird von mehr als der Hälfte befürwortet, jedoch wurde auch die Einführung eines „Associate Professor“, wie aus dem amerikanischen System bekannt, vorgeschlagen. Andere befürworteten im Gegensatz dazu eine verbesserte Außendarstellung der deutschen Habilitation. Die wesentlich höhere Bedeutung gegenüber einem Ph.D. sollte herausgestellt und die Habilitation als spezifisch deutsches Alleinstellungsmerkmal gestärkt werden.

Stellenwert steht außer Frage

Der Sinn der medizinischen Habilitation scheint unter Habilitierten unumstritten, da sie sich bei 71 % in einem beruflichen Aufstieg bemerkbar gemacht hat. Eine klare Differenzierung, ob es sich bei der Habilitation der Befragten um eine fakultative akademische Leistung oder eine obligate Karrierevoraussetzung gehandelt hat, kann allerdings mit den erhobenen Daten nicht erfolgen.

Die Leistungsbereitschaft an Universitätskliniken ist hoch und damit auch das Interesse des akademischen Personals, die eigenen Forschungsprojekte voranzutreiben. Bei dem angegebenen Arbeitsumfang zwischen 50 und 70 Stunden pro Woche ergibt sich jedoch ein rechtliches Problem mit dem aktuell gültigen Arbeitszeitgesetz (ArbZG). Klinisch tätige Ärzte an Universitätskliniken sind hier in gewisser Weise doppelt benachteiligt. Zum einen darf vermutet werden, dass die Forschungs- und Lehrleistung zum überwiegenden Anteil in deren Freizeit erbracht werden. Dies gilt sowohl für die Zeit vor wie auch nach der Habilitation. Andererseits gewichtet zum Beispiel das Begutachtungssystem der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die Publikationsleistung und Drittmitteleinwerbung deutlich stärker als die jeweilige klinische Arbeit der Kandidaten. Es stellt sich die Frage, ob für wissenschaftlich Interessierte nicht entsprechende Freiräume in den Kliniken geschaffen werden können, die mit dem ArbZG vereinbar wären.

Was sind am Ende die konkreten Vorschläge zur Verbesserung der Situation der akademischen Karriere in der Medizin in Deutschland? Der Stellenwert der medizinischen Habilitation steht außer Frage. Nach Ansicht der Befragten besteht jedoch die Notwendigkeit von wesentlichen inhaltlichen und strukturellen Verbesserungen. In der deutschen Bildungslandschaft sollte ernsthaft über die Aufhebung des Föderalismus an diesem Punkt nachgedacht werden, um bundeseinheitliche Voraussetzungen für die akademische Laufbahn zu schaffen. Andere europäische Staaten haben, getriggert durch den Bologna-Prozess, bereits zentrale Ordnungen eingeführt und somit vergleichbare Bedingungen geschaffen. Mit der Einführung einer bundeseinheitlichen akademischen Ordnung würde nicht nur die Qualität der einzelnen Abschnitte akademischer Qualifikation gesichert und die Transparenz erhöht werden, sondern es würde auch eine nationale Vergleichbarkeit geschaffen. Zudem müssen die Bedingungen so formuliert werden, dass die Willkür von Vorgesetzten und Fakultäten reduziert werden, um so äquivalente Karrierechancen sicherzustellen.

Priv.-Doz. Dr. med. Heiko Sorg

Christoph Grieswald

Priv.-Doz. Dr. med. Daniel J. Tilkorn

Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Hauser

Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie, Alfried Krupp Krankenhaus, Essen

Dr. med. Christopher Betzler

Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie, Otto-von-Guericke Universität Magdeburg

Christian G. G. Schwab

Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) e. V., Witten

* Sorg H, Betzler C, Grieswald C, Schwab CGG, Tilkorn DJ, Hauser J: Die medizinische Habilitation: akademische Befähigung oder Karriereinstrument? in: Der Chirurg 2016 DOI 10.1007/s00104–015–0131–8

Angaben zur Motivation, eine medizinische Habilitation durchzuführen. Mehrfachnennung mit n = 1 845 bei 628 Teilnehmern
Angaben zur Motivation, eine medizinische Habilitation durchzuführen. Mehrfachnennung mit n = 1 845 bei 628 Teilnehmern
Tabelle 1
Angaben zur Motivation, eine medizinische Habilitation durchzuführen. Mehrfachnennung mit n = 1 845 bei 628 Teilnehmern
Zusammenfassung der Reformwünsche an die Habilitation. Mehrfachnennung mit n = 2 225 bei 628 Teilnehmern
Zusammenfassung der Reformwünsche an die Habilitation. Mehrfachnennung mit n = 2 225 bei 628 Teilnehmern
Tabelle 2
Zusammenfassung der Reformwünsche an die Habilitation. Mehrfachnennung mit n = 2 225 bei 628 Teilnehmern

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