ÄRZTESTELLEN

Vortragskompetenz: „Wer es nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen!“

Dtsch Arztebl 2016; 113(12): [2]

Kutscher, Patric P.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Auf Kongressen müssen Ärzte mit rhetorisch-kommunikativen Kompetenzen glänzen. Wodurch zeichnen sich motivierende und begeisternde Vorträge aus? Und was sollte der Arzt beachten, wenn er seine Vortragsziele erreichen will?

Foto: picture alliance
Foto: picture alliance

Der Arzt tritt ans Rednerpult: Es folgt ein fachlich hervorragender Vortrag – durchdacht, strukturiert, zukunftsweisend. Das Problem: Kaum einer hört zu, Langeweile ergreift das Publikum, der eine oder andere Zuhörer fühlt sich animiert, seinem Unmut durch ungehörige Zwischenrufe Luft zu verschaffen. Was ist geschehen?

Botschaft der Zielgruppe angemessen verpacken

Der Arzt hat „vergessen“, sein Publikum mit auf die Reise zu seinen wissenschaftlichen Höhenflügen zu nehmen. Selbst wenn auf Kongressen hauptsächlich Ärzte zugegen sein mögen, nicht jeder Anwesende ist Experte auf dem Fachgebiet, das der Arzt als Redner beackert. „Entscheidend ist, dass der Arzt sich über die Zusammensetzung seines Publikums Gedanken macht und zwar schon bei der Konzeption und dem Erstellen der Rede“, erläutert Prof. Dr. Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor des Unfallkrankenhauses Berlin. „Er sollte seine Botschaft allgemein verständlich und spannend verpacken.“

Das heißt: Es macht einen Unterschied, ob der Arzt vor einem Fachpublikum redet oder vor Otto Normalverbraucher. Immer aber gilt: Allgemeinverständlichkeit steigert den Unterhaltungswert. Der Arzt muss dabei ja nicht inhaltlich platt werden oder nur an der Oberfläche seines Themas verbleiben.

Der Philosoph Karl Popper hat einmal gesagt: „Wer es nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er es klar sagen kann.“

Der Vortrag muss den Zuhörern dienen

Wenn der Arzt ein breiteres Publikum erreichen und den Vortrag zu einem späteren Zeitpunkt publizieren will, vielleicht nicht nur in Fachmagazinen, sollte er seine Erkenntnisse so darstellen, dass sie den Experten nicht hoffnungslos unterfordern, aber vom Laien ebenfalls verstanden werden können.

Der Vortrag muss vor allem den Zuhörern dienen – es spricht ein Mensch zu Menschen. Der Zuhörer will spüren, dass sich der Redner für sein Thema begeistern kann und seinen Enthusiasmus auf sein Publikum übertragen möchte. Dies gelingt weniger durch grammatikalisch zwar richtige, aber hochkomplexe Endlossätze. Wenn wir einen Artikel in einem Fachmagazin lesen, haben wir die Möglichkeit, einen komplexen Satz mehrmals zu lesen und aufzunehmen, bei der gesprochenen Rede ist dies nicht möglich.

Darum: Jeder Satz ist eine Information, der Arzt bringt seine Infos auf den Punkt, er strukturiert die Redeabschnitte sinnvoll und arbeitet, wo immer möglich, mit Zusammenfassungen. „Der Vortrag sollte informieren und unterhalten, am besten mit klaren, nachvollziehbaren und verständlichen Worten“, meint Ekkernkamp. „Wenn die Sprache abwechslungsreich und lebhaft, anschaulich und konkret ist, kann und will das Publikum besser folgen.“

Authentische Geschichten oder Klinik-Anekdoten

Eine Verlebendigung des Vortrags tritt dann ein, wenn der Arzt authentische Patientengeschichten oder Klinik-Anekdoten aus dem Alltag einbaut und das Ganze mit einer Prise Humor würzt. So verankern sich die Vortragsinhalte leichter im Gedächtnis der Zuhörer.

Auch Zitate, Wortspiele und der Einbau rhetorischer Figuren tragen zur Verlebendigung bei, die der Arzt noch steigert, indem er Argumente nicht einfach aneinanderreiht, sondern rhetorisch geschickt präsentiert. Dabei kann er die Pro-und-Contra-Technik nutzen und die eigenen Argumente, die er für seine Beweisführung einsetzt, zunächst einmal durch Gegenargumente entkräften oder infrage stellen, um dann umso überzeugender neue Argumente für die eigene Beweisführung zu präsentieren. „Wichtig ist, den Vortrag in möglichst viele Sinneinheiten zu zerlegen und jeweils mit einem Spannungsbogen zu versehen“, so Ekkernkamp.

Stimme und Fachkompetenz, beides ist wichtig

Der Arzt sollte bedenken, dass er während seines Vortrages nicht nur mit seinen Worten wirkt. Bereits 1971 hat der Sozialforscher Albert Mehrabian in einer Studie festgestellt, dass man auf andere Menschen beim Erstkontakt zu sieben Prozent mit den Worten und zu 55 Prozent mit der Körpersprache wirkt. Und der Anteil der Stimme beträgt 38 Prozent. Über die konkreten Prozentzahlen lässt sich kräftig streiten. Die Studie aber belegt, dass die kommunikative Überzeugungskraft zu einem Großteil von der Stimme abhängig ist.

Allerdings: „Stimme“ wird nie die Fachkompetenz ersetzen können, beides muss zusammenkommen. Darum ist es zielführend, wenn der „redende Arzt“ sein Redeinstrument trainiert. Die gute Nachricht: Selbst bei natürlicher Benachteiligung der Stimme ist es mit ein wenig Training möglich, in die „Indifferenzlage“, in den Normalsprechtonbereich zu gelangen. Hier klingt die Stimme angenehm, resonanzreich und sympathisch. Wenn der Arzt dann noch wichtige Sätze entsprechend betont, den Sprachrhythmus und die Sprachmelodie wechselt, mit Pausen arbeitet und den Blickkontakt mit den Zuhörern sucht, kann er sein Publikum auch über einen längeren Zeitraum fesseln.

Mit beredtem Schweigen Aufmerksamkeit erregen

Als Vortragsredner kann der Arzt weitere Möglichkeiten nutzen, sein Publikum in den Bann zu schlagen. Da ist zum einen die Körpersprache, eine aufrechte und entspannte Körperhaltung unterstützt Artikulation und Atmung, das strahlt Selbstsicherheit und Souveränität aus. Hinzu kommt der dezente Einsatz visualisierender Medien. Der Arzt sollte jedoch die Folienflut vermeiden; oft aber sagt ein Bild mehr aus als tausend Worte.

„Der Arzt kann in seinem Vortrag auch mal schweigen“, sagt Ekkernkamp. „Das ist gewöhnungsbedürftig, aber genau das will der Arzt mit seinem beredten Schweigen erreichen: Der größte Wecker in einer Rede ist das Schweigen. Der Zuhörer ist erstaunt und hört wieder genau zu.“

Patric P. Kutscher

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Ärztestellen

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige