ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2016Arzneimittelpreise: Gerechtfertigt?
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. . . Der Spezialist, Herr Prof. Wedemeyer, wird – die Behandlungskosten von 1,4 Milliarden Euro pro Jahr für Hepatitis C betreffend – zitiert mit seiner Feststellung „In diesem Fall muss man sagen, dass es gerechtfertigt war! Wir haben vielen Menschen das Leben gerettet. Und wir haben vielleicht zum ersten Mal die Möglichkeit, eine chronische Erkrankung mit einer Therapie auszurotten.“

Dass der hohe Aufwand „gerechtfertigt“ ist, gilt nur unter ganz besonderen Voraussetzungen – dies weist auf das allokationsethische Problem. Wie jeder vom Einkaufen weiß, ist „gerechtfertigt“ oder „sinnvoll“ immer an eine Wahl zwischen verschiedenen Alternativen des Geldausgebens gebunden.

Soll ein bestimmtes Finanzvolumen also für die Therapie einer Krankheit x (unter der eine Anzahl y von Patienten leiden) ausgegeben werden oder zur Bekämpfung von Armut in Deutschland (die bekanntermaßen die Lebenserwartung um mehrere Jahre verkürzt!), oder für eine zahlenmäßig und psychosozial stärkere nachfolgende Generation, für bessere hausärztliche Versorgung oder für mehr Kunst und Kultur für die Allgemeinheit in Deutschland, oder gar zur Bekämpfung des Hungertodes (25 000 Menschen/Tag!) in der Welt? Daher sind 1,4 Milliarden Euro pro Jahr gegen Hepatitis C oder 80 000 Euro für sechs Monate Lebenszeitverlängerung dann „gerechtfertigt“ zu nennen, wenn diese Ressource nach verantwortungsvoller Wertediskussion nicht für andere ebenfalls höchst gesundheitsrelevante Ziele nötiger ist.

Es ist Ausdruck einer schwerwiegenden soziokulturellen Orientierungskrise abendländischer Gesellschaften, dass diese schwierigen Abwägungen kaum noch thematisiert werden beziehungsweise stattfinden – etwa anhand solcher Hilfswerkzeuge wie QUALYs, Priorisierung etc.

Die Besinnung auf uraltes Lebenswissen („Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir im Leben klug werden“ Psalm 90, 12) könnte die alternde Gesellschaft und ihre Medizin davor bewahren, immer mehr personelle und finanzielle Ressourcen in chronische Krankheiten oder gar todesnahe Situationen zu investieren mit der Folge, die Lebensqualität der Lebenden und die Zukunftsaussichten für kommende Generationen immer mehr einzuschränken. Ein Ausdruck dieser Entwicklung ist die völlig unrealistische Erwartung vieler Hochbetagter an die Medizin – gigantische Zeitmengen brauchen Ärzte, um diese Erwartungen empathisch zu dämpfen! Und auch das Leben der Patienten von Prof. Wedemeyer wird nicht dauerhaft „gerettet“, sondern einfach verlängert – denn keiner ist unsterblich. Und ist die Krankheit x besiegt, sind andere „Feinde“ zur Stelle.

Infolge dieses eingeschränkten Weltbildes der Gesellschaft fehlt ein Gremium oder Ähnliches, dass diese Abwägungen thematisieren und den öffentlichen Diskurs begleiten könnte . . .

Dr. med. Heinrich Günther, 01259 Dresden

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