ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2016Nicht angemessene Verschreibung von Antibiotika: Computerbasierte Intervention reduziert Verordnungen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Nicht angemessene Verschreibung von Antibiotika: Computerbasierte Intervention reduziert Verordnungen

Meyer, Rüdiger

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Viele Antibiotikaverordnungen sind unnötig, zum Beispiel bei unspezifischen Atemwegsinfektionen, akuter Bronchitis oder Grippe. Diese Infekte haben überwiegend eine virale Ursache. Hinweise auf Leitlinien verändern das Verordnungsverhalten der Ärzte häufig nicht.

US-amerikanische Forscher haben 3 Formen der Verhaltensintervention bei 248 Hausärzten getestet, darunter eine Modifikation der Praxissoftware, die den Arzt bei Antibiotikaverordnungen zur Behandlung von Atemwegsinfektionen aufforderte, eine Begründung dafür zu geben. Der Arzt wusste, dass die Begründung auch für den Patienten lesbar war. Schrieb der Arzt keine Begründung, kam sowohl auf dem Praxisrechner, als auch in den Patientenunterlagen die Rückmeldung, die Verordnung sei nicht gerechtfertigt.

Durch diese Intervention sank die Rate der Antibiotikaverordnungen von 23,2 auf 5,2 %. Allerdings gingen auch in den Kontrollpraxen die unangemessenen Antibiotikaverordnungen von 24,1 auf 13,1 % zurück, vermutlich durch den allgemeinen „Kontrolleffekt“. Der Anstoß „Rechenschaft ablegen“ erzielte jedoch einen zusätzlichen Vorteil von 7,0 % (95-%-Konfidenzintervall [KI]: 2,9–9,1 %; p < 0,001).

Auch ein zweiter Anstoß war erfolgreich. Die Ärzte erhielten monatlich eine E-Mail, in der sie als „Top Performer“ bezeichnet wurden, wenn sie selten unangemessen Antibiotika verordneten. Bei häufig inadäquater Verschreibung war die Rückmeldung „Kein Top Performer“. Der „Peergruppen-Vergleich“ senkte den Anteil überflüssiger Verschreibungen von 19,9 auf 3,7 % (95-%-KI: 1,6–6,9 %; p < 0,001).

Die dritte Intervention, ein Pop-up-Fenster mit Hinweis „Antibiotika sind hier in der Regel nicht indiziert“, wenn der Arzt ein entsprechendes Rezept ausdrucken wollte, reduzierte die Antibiotikaverschreibungen von 22,1 auf 6,1 %, allerdings statistisch nichtsignifikant. Die Ärzte nahmen bei dieser Intervention häufig Vorschläge an, die das Computerprogramm machte.

Fazit: Sozial motivierende Verhaltensinterventionen haben in einer randomisierten Studie mit US-amerikanischen Hausärzten zu einer signifikanten Reduktion unangemessener Antibiotikaverordnungen geführt. Am wirksamsten war eine Praxissoftware, die bei jeder Antibiotikarezeptierung zur Therapie von Atemwegsinfektionen den Arzt aufforderte, diese zu begründen. Rüdiger Meyer

Meeker D, Linder JA, Fox CR, et al.: Effect
of behavioral interventions on inappropriate antibiotic prescribing among primary care practices. JAMA 2016; 315: 562–70.

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