ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2016Von schräg unten: Diagnosen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Diagnosen

Dtsch Arztebl 2016; 113(12): [60]

Böhmeke, Thomas

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Die Welt ist schräg. Ich bin ja erleichtert darüber, dass dieses von mir sorgsam gehätschelte Vorurteil von kundigen Physikern glasklar untermauert wird, unstrittig bewirkt jede Form von Energie, also Masse, Strahlung oder Druck eine Krümmung von Raum und Zeit. Nichts ist vollkommen gerade, alles ist irgendwie schräg; so verstehe ich das jedenfalls. Was besagte Physiker uns allerdings nicht verraten, ist eine Anleitung, wie wir in unserem täglichen Leben damit umzugehen haben. Ich für meinen Teil versuche, diese Krümmungen, Schieflagen und Schrägen durch Aufbietung maximaler Fantasie wettzumachen, also zu begradigen, und manchmal klappt das auch.

Wie auch heute in der Sprechstunde. Ein älterer Patient sitzt vor mir, er wurde gerade aus dem Krankenhaus entlassen. „Herr Doktor, ich war ja eigentlich nur wegen meines Darms im Krankenhaus, und dem geht es wieder gut, aber im Entlassungsbrief stehen lauter Diagnosen, die ich einfach nicht verstehe. Ich habe die schon gegoogelt, das liest sich entsetzlich, ich habe totale Angst, dass mein Knochenmark es nicht mehr lange macht, dass ich Leukämie kriege!“ Vorsicht vor Dr. Google! mahne ich eindringlich und studiere ausführlich den Arztbrief und die beigefügten Laborergebnisse.

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Erste Schweißperlen bilden sich auf der Stirn meines Patienten, aber bevor ich alles auflösen kann, muss ich ihm noch einige Fragen stellen. Hat man ihm zuerst viel Blut abgenommen? „Ja, selbstverständlich!“ Und danach eine Infusion angelegt? „Richtig!“ Und danach wieder Blut abgenommen? „Ja, klar!“ Danach waren aber keine Infusionen mehr erforderlich? „Es ging mir ja schon besser!“ Gut. Als erstes muss ich ihn darüber aufklären, dass Diagnosen für Krankenhäuser bares Geld bedeuten, dass nichts für deren Bilanz schlimmer ist, als einen Patienten ohne Krankheit stationär aufzunehmen. Anders herum: Je wüster die Diagnose, desto besser für das Geschäft.

Kommen wir zu den Laborwerten und Diagnosen. Nach seinem initialen Aderlass und den Infusionen sieht man niedrige Werte für rote und weiße Blutkörperchen als auch für die Blutplättchen. Dies könnte in der Tat auf ein myelodysplastisches Syndrom hinweisen, wie auch im Brief vermerkt. Etliche Tage später und frei von blutverdünnenden Infusionen sieht man einen rasanten Anstieg der Blutplättchen. Nun, meiner bescheidenen Meinung nach erklärt sich dies aber durch eine Reaktion auf die wiederholte Blutentnahme und ist beileibe nicht, wie als Verdacht geäußert, Ausdruck eines nunmehr myeloproliferativen Syndroms. Ich bin zwar kein Hämatologe, aber bei einem myelodysplastischen Syndrom ist das sukzessive Absinken der Blutplättchen ein großes Problem, eine rapide Vermehrung der Blutplättchen passt ganz und gar nicht zu dieser Diagnose. „Und was heißt das jetzt? Kriege ich jetzt Leukämie oder nicht?“ So wie es aussieht, sind diese Veränderungen im Blutbild lediglich der Situation geschuldet, sein Knochenmark hat ganz normal reagiert.

Bitte, er solle sich keine Sorgen machen, vor allen Dingen nicht Dr. Google konsultieren, sondern vielmehr in einer Woche nochmals zur Blutbildkontrolle bei mir vorbeikommen, und er wird sehen: Alles wird wieder in bester Ordnung sein. Versprochen! „Herr Doktor, vielen, vielen Dank, dass Sie mir das so ausführlich erklärt haben! Was bin ich froh, dass mein Knochenmark doch in Ordnung ist! Aber gestatten Sie mir eine Bemerkung: Das ist alles ziemlich schräg, oder?“ Genau – wie unsere Physiker es beschreiben.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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