ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1999Kapital-Lebensversicherungen: Kontrollen schützen vor Überraschung

VARIA: Wirtschaft - Versicherungen

Kapital-Lebensversicherungen: Kontrollen schützen vor Überraschung

Dtsch Arztebl 1999; 96(22): [58]

PJ

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LNSLNS Die private Altersvorsorge gewinnt zunehmend an Bedeutung. Verträge sollte man jedoch regelmäßig kontrollieren.


Versicherungsgesellschaften nutzen zunehmend mathematische Zahlenspielereien, um im harten Kampf des Wettbewerbs bestehen zu können. So werden für die heute abgeschlossenen Verträge oftmals Ablaufleistungen prognostiziert, die einer Rendite zwischen sechs und acht Prozent der eingezahlten Gesamtprämie entsprechen.
Teilweise große Unterschiede in der Ablaufleistung
Wirft man jedoch einen Blick auf die Leistungen in der Vergangenheit, sieht das Bild wesentlich trüber aus: Je nach Eintrittsalter und Laufzeit des Vertrages wurden oftmals nur 2,5 bis 4,5 Prozent erzielt. Bei manchen Verträgen wird sogar weniger ausgezahlt, als ursprünglich an Prämien aufgewandt wurde. Die Unterschiede sind beträchtlich: Ein 30jähriger Vertrag über monatlich 100 DM Versicherungsprämie sichert bei Fälligkeit im Fall einer Rendite von 2,5 Prozent eine Ablaufleistung von 53 396 DM. Hingegen bringt es eine Police mit acht Prozent auf immerhin 141 831 DM - mithin fast den dreifachen Wert.
Die Gesellschaften sind keineswegs verlegen, wenn man sie nach den Gründen für diese Diskrepanz fragt: ein verändertes Anlageverhalten, neue Berechnungen der Sterbetafeln, neue Provisionsregelungen für die Vermittler und zahlreiche andere Argumente werden genannt, warum die Leistungen in Zukunft wesentlich höher ausfallen sollen als in der Vergangenheit. Wenn jedoch die heute abgeschlossenen Verträge fällig werden, dürften die Gesellschaften wiederum keine Probleme damit haben, Gründe für die niedrigeren Leistungen zu finden. Selbst wenn nur die Zukunft zeigen kann, ob die Versprechungen tatsächlich einzuhalten sind, gibt es dennoch Kontrollmöglichkeiten, auf die die Gesellschaften allerdings nicht automatisch hinweisen. So händigen die Vermittler auf Wunsch schon bei der Beratung eine Musterrechnung aus, in der die Rückkaufswerte und beitragsfreien Versicherungssummen für die einzelnen Jahre der Vertragslaufzeit gelistet sind. Dabei handelt es sich zwar lediglich um Prognosen, da es das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen verbietet, längerfristig verbindlich Musterrechnungen zu erstellen. Dennoch erlaubt diese Zusammenstellung gute Vergleiche: Wenn Kunden einmal jährlich bei ihrer Gesellschaft Informationen über den aktuellen Rückkaufswert und die beitragsfreie Versicherungssumme anfordern, sehen sie schnell, ob die Versicherung die prognostizierten Werte zumindest annähernd erfüllt.
Im Zweifel beitragsfrei
Ist dies der Fall, dann besteht zumindest grundsätzlich kein Grund zur Besorgnis. Werden die Werte jedoch unterschritten, dann sollte der Vermittler nach den Gründen für das schlechtere Abschneiden befragt werden. Versicherte sollten im Zweifelsfall auch nicht davor zurückschrecken, die Versicherung beitragsfrei stellen zu lassen, oder - wenn die Gesellschaft extrem schlechte Werte erwirtschaften sollte - aufzukündigen.
Allerdings sollten die Informationsbriefe der Versicherungsgesellschaften langfristig aufbewahrt werden. Gerade in den vergangenen Jahren häufen sich Fälle, bei denen die Versicherungsgesellschaften nachträglich "neu kalkulieren" - etwa auf Basis neuer Sterbetafeln oder auch mit Hilfe eines neuen Computerprogramms. Nur allzu leicht werden dabei auch Nebenleistungen verändert, beispielsweise die vereinbarte feste Verzinsung eines Beitragsdepots in eine variable Verzinsung umgewandelt, die dann wesentlich niedriger ausfällt als der vereinbarte Festzinssatz. Aber auch bereits intern gutgeschriebene Erträge werden plötzlich wieder abgebucht oder reduziert.
Hat der Anleger jedoch entsprechende Auskunftsschreiben mit bereits verbindlich genannten Guthabenbeträgen vorliegen, muß die Gesellschaft zumindest eine gute Erklärung dafür finden, warum weniger ausbezahlt werden soll als vorgesehen. In den meisten Fällen wird sich der Versicherer jedoch mit dem Hinweis auf einen Computerfehler entschuldigen und den fehlenden Betrag gutschreiben. Bis zur Fälligkeit des Vertrages kann dies durchaus einen fünfstelligen Betrag ausmachen.
Nur vergleicbare Stichtage nutzen
Vorsicht ist aber auch geboten, wenn die Versicherungsgesellschaften in ihren Informationsschreiben auf den ersten Blick attraktive Zuwachsraten ausweisen und die Tabellenwerte erreichen. Entscheidend ist stets auch der Stichtag, zu dem die Berechnung erfolgt. Wird einmal zum 1. Dezember abgerechnet, bei der nächsten Anfrage zum 1. Januar des Folgejahres, ist in den zweiten Wert möglicherweise bereits die Jahresprämie für das Folgejahr eingeflossen. Grundregel daher: Es dürfen nur die tatsächlich miteinander vergleichbaren Stichtage zur Kontrolle herangezogen werden. Durchaus möglich sind im übrigen eigene Berechnungen, wenn beispielsweise die Musterkalkulation der Versicherungsgesellschaft nicht mehr vorliegen sollte. Als Ausgangsbasis dient der Vergleichswert des Vorjahres. Dieser Wert wird um sechs Prozent erhöht; hinzuaddiert werden 80 Prozent des gezahlten Jahresbeitrages. Der neu errechnete Wert sollte in etwa erreicht worden sein.
Musterrechnung verlangen
Auch beim Neuabschluß sollten Kunden keineswegs den Angaben des Vertreters blindlings vertrauen. So gehen immer mehr Gesellschaften dazu über, nicht mehr die voraussichtliche Ablaufleistung zu prognostizieren, sondern mit Renditesätzen zu werben. Entscheidend ist aber allein die Rendite, die der Kunde für seine gesamte Beitragszahlung erhält. Diese erfährt er jedoch selten. Vielmehr rechnen die meisten Gesellschaften mit der Rendite, die sich allein auf den Spareranteil der Prämie bezieht. Diese fällt mit derzeit sieben bis 8,5 Prozent wesentlich höher aus als die zu erwartende reale Rendite von 3,5 bis 5,5 Prozent auf die Beitragszahlungen. Auch diese Rechentricks lassen sich jedoch leicht "enttarnen". Verlangt der Kunde zusätzlich die genannte Musterrechnung, kann jeder Bankberater aus den Angaben "Monatsprämie", "Laufzeit" und "Ablaufleistung" die Rendite errechnen. Damit läßt sich erkennen, ob die Gesellschaft "mauschelt" oder als reeller Geschäftspartner auftritt. PJ

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