ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2016Krankenkassenbeiträge: „Manchmal ist teurer auch besser“

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Krankenkassenbeiträge: „Manchmal ist teurer auch besser“

Dtsch Arztebl 2016; 113(13): A-590 / B-498 / C-494

Korzilius, Heike

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Um 0,2 Prozentpunkte stieg zu Beginn des Jahres der durchschnittliche Zusatzbeitrag in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Das hat die Diskussion um Sinn und Unsinn des Wettbewerbs zwischen den Krankenkassen neu entfacht.

Steigende Beiträge sind für viele Versicherte kein Grund für einen Kassenwechsel. Foto: dpa
Steigende Beiträge sind für viele Versicherte kein Grund für einen Kassenwechsel. Foto: dpa

Er steht mit dem Rücken zur Wand. Prof. Dr. h. c. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK Gesundheit, vertritt nicht nur die drittgrößte Krankenkasse in Deutschland, sondern auch eine der teuersten. Seit dem 1. Januar zahlen die rund sechs Millionen DAK-Versicherten einen Beitragssatz von 16,1 Prozent. Zum Vergleich: Bei der größten deutschen Krankenkasse, der Techniker Krankenkasse, liegt der Beitragssatz bei 15,6 Prozent, bei der zweitgrößten Kasse, der Barmer GEK, beträgt er 15,7 Prozent.

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Der GKV-Schätzerkreis, der jedes Jahr im Herbst die Kostenentwicklung prognostiziert, hatte 2015 empfohlen, den durchschnittlichen Zusatzbeitrag der Krankenkassen um 0,2 Prozentpunkte zu steigern. Um die wachsenden Ausgaben für Krankenhausleistungen, Arzneimittel und Honorare der niedergelassenen Ärzte sowie zusätzliche Angebote zu finanzieren, sah sich die DAK jedoch gezwungen, ihren Zusatzbeitrag um 0,6 Prozentpunkte anzuheben. Wie viele Mitglieder daraufhin von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machten, will die Kasse vorerst nicht verraten. Man hoffe noch, viele zum Bleiben zu bewegen, erklärte ein Sprecher.

Popularität statt Evidenz

Für DAK-Vorstand Rebscher stellt sich angesichts dieser Entwicklung die Frage, ob der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen in der derzeitigen Form eigentlich sinnvoll ist. Denn er wirkt in erster Linie über den Preis, sprich die Höhe des Beitragssatzes. Mit Gimmicks wie der Apple-Uhr für die gesundheitliche Prävention legten es manche Kassen darauf an, vor allem junge und gesunde Mitglieder anzuwerben. „Man guckt dabei nicht auf Evidenz, sondern auf Popularität“, kritisierte Rebscher beim Gesundheitskongress des Westens Anfang März in Köln.

Seiner Auffassung nach muss es aber zu allererst darum gehen, innovative Modelle zur Versorgung von Kranken zu entwickeln. „Wettbewerb macht da Sinn, wo zum Beispiel komplexe Behandlungspfade anders organisiert werden.“ Derartige Versorgungsverbesserungen schlügen sich aber nicht kurzfristig positiv in den Kassenbilanzen nieder. Der Wettbewerb in seiner jetzigen Form richte sich immer gegen die großen Versorgerkassen mit vielen alten und multimorbiden Mitgliedern. Mache sich deren bessere Versorgung durch höhere Beitragssätze bemerkbar, verließen zuerst die jungen Gesunden die Kasse. „Die Multimorbiden kündigen nicht“, sagte der DAK-Vorstand.

Das sei eine „Diskriminierung des höheren Preises“. Dabei bekomme man für einen höheren Preis oft auch ein besseres Produkt. „Teuer ist nicht immer unwirtschaftlich, sondern manchmal auch besser“, erklärte Rebscher. Er forderte eine Debatte über risikoadäquate Zuweisungen an die Krankenkassen. Außerdem setzt sich die Kasse dafür ein, dass die Finanzierung der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung künftig wieder zu gleichen Teilen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern getragen wird. Zurzeit müssen die Arbeitnehmer für die Zusatzbeiträge allein aufkommen.

Wenige Versicherte wechseln

Der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, mahnte eine Debatte mit Augenmaß an. Er verwies auf eine Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) vom Januar, die nahelege, dass man die Diskussion um Zusatzbeiträge eher gelassen sehen sollte. Danach wissen nur 18 Prozent der Versicherten über die Beitragssatzregelungen Bescheid, die seit 1. Januar 2015 gelten. Seither liegt der allgemeine Beitragssatz bei 14,6 Prozent (vorher 15,5 Prozent). Die Kassen, die mit diesem Betrag nicht auskommen, können einen prozentualen Zusatzbeitrag erheben. Dass das fast alle tun, wussten ebenfalls nur 17 Prozent der Befragten. Ein weiteres Ergebnis: Die Wechselbereitschaft in der GKV ist gering. Weniger als zehn Prozent der Mitglieder gaben an, über einen Wechsel nachzudenken, nur drei Prozent hatten vor, sich eine andere Kasse zu suchen. Als Gründe für einen Wechsel nannten die meisten Versicherten nicht allein den Preis, sondern Leistungs- und Versorgungsaspekte. In den Zeiten großer Beitragssatzunterschiede vor Einführung des Gesundheitsfonds 2009 sei das noch anders gewesen, so die Autoren des WIdOmonitors.

Heike Korzilius

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