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Nichtinvasive Pränataldiagnostik: Nur ein Tropfen Blut

Dtsch Arztebl 2016; 113(14): A-642 / B-541 / C-536

Klinkhammer, Gisela

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Die nichtinvasive Pränataldiagnostik hat sich in Deutschland schnell verbreitet. Künftig ist mit einer Ausweitung des Untersuchungsspektrums zu rechnen. Eine Diskussion über die Folgen

Foto: dpa
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Astrid, eine bekannte Kabarettistin, die mit ihrem Manager Markus verheiratet ist, erfährt im Film „24 Wochen“ bei einer Routineuntersuchung im sechsten Schwangerschaftsmonat, dass ihr ungeborenes Kind mit dem Down-Syndrom und einem schweren Herzfehler zur Welt kommen wird. Das Paar muss entscheiden, ob das schwerbehinderte und schwerkranke Kind zur Welt gebracht werden soll oder eine Spätabtreibung eingeleitet werden soll. Nach vielen Auseinandersetzungen und Diskussionen innerhalb und außerhalb der Familie entscheiden sich Astrid und ihr Ehemann Markus zu einem Schwangerschaftsabbruch.

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„24 Wochen“, der einzige deutsche Beitrag der diesjährigen Berlinale, wurde nicht rein szenisch umgesetzt. Während die Familie von Schauspielern (Astrid von Julia Jentsch, Markus von Bjarne Mädel) verkörpert wird, spielen sich zum Beispiel die Ärzte, die in dem Film vorkommen, selbst. „Die meisten schwangeren Frauen entscheiden sich für die Feindiagnostik, aber sie fragen sich zuvor nicht, was eigentlich die Konsequenzen sind, wenn sie bestimmte diagnostische Ergebnisse bekommen. Wir wollen alles wissen, aber was ist, wenn wir wissen? Was ist dann? Diese Fragen stellt der Film“, sagte Regisseurin Anne Zohra Berrached in einem Interview.

Ein risikofreies Verfahren für die Mütter

Mit Hilfe der nichtinvasiven pränatalen Diagnostik (NIPD) kann eine Spätabtreibung verhindert werden, die grundsätzliche Problematik bleibt aber bestehen. Das wurde vor kurzem auf einer Tagung des Zentrums für Medizinethik in Hannover deutlich. So weist die Bundesgeschäftsführerin der Bundesvereinigung Lebenshilfe, Prof. Dr. med. Jeanne Nicklas-Faust, darauf hin, dass die NIPD zwar als ein risikofreies Verfahren gelte, was allerdings nur für die Mütter der Fall sei. Die Zahl der Fehlgeburten könne reduziert werden und Frauen würden bereits früh in der Schwangerschaft erfahren, ob sie ein behindertes Kind haben werden.

Nicklas-Faust befürchtet allerdings, dass es zu einem Automatismus zwischen der Diagnose einer Behinderung und einem Abbruch kommen könne. „Doch man kann einem Kind, nur weil es behindert ist, nicht automatisch sein Lebensrecht absprechen“, fordert sie. Behinderung sei zwar nicht per se etwas Wünschenswertes, „aber sie ist eine Form menschlichen Lebens“. Eltern, die mit einem behinderten Kleinkind unterwegs seien, müssten sich häufig fragen lassen: „Haben Sie das eigentlich schon gewusst?“ Dieses Phänomen sei nicht neu, Nicklas-Faust befürchtet aber, dass es durch die nichtinvasive pränatale Diagnostik weiter zunehmen werde.

Prof. Dr. phil. Bert Heinrichs vom Institut für Wissenschaft und Ethik der Universität Bonn konstatiert bei der Beschäftigung mit diesem Verfahren „eine komische Ambivalenz“. Auf der einen Seite sei Pränataldiagnostik in Deutschland mit den unterschiedlichsten Verfahren durchaus etabliert. Dass ausgerechnet die NIPD derartig heftige Kritik auf sich zieht, hält Heinrichs schon für verwunderlich. „Warum sollte ein risikoärmeres Verfahren schlechter als die etablierten sein?“, fragt er. „Zumindest in einigen Fällen stellen diese Verfahren doch ohne Zweifel einen großen Gewinn für werdende Eltern dar.“ Allerdings müsse das nicht für alle Fälle gelten.

Gefahr einer moralischen Überforderung

Ein erstes Anwendungsszenario sei gegeben, wenn für eine pränatal diagnostizierbare Erkrankung eine effektive Therapieoption zur Verfügung stehe. Zwar lägen die Erfolgsaussichten in der Regel deutlich unter 100 Prozent, doch scheint Heinrichs dieses Anwendungsszenario hinreichend klar bestimmt. „Würden sich Eltern gegen diese Art von pränataler Diagnostik entscheiden, so wäre das moralisch fragwürdig.“ Für viele diagnostizierbare Erkrankungen bestünden allerdings keine Therapieoptionen oder nur solche, die hochgradig experimentell seien. „In diesen Fällen erfolgt die Diagnose wiederum mit Blick auf eine klar definierte Handlungsoption – den Abbruch der Schwangerschaft.“

Heinrichs vermutet, dass es außerdem aber auch eine große Gruppe von Menschen gebe, „die unter den gegebenen Umständen weder klar für noch klar gegen eine Abtreibung eingestellt seien. Sie würde unter bestimmten Bedingungen einen Schwangerschaftsabbruch für legitim halten. Im Falle eines auffälligen Befundes müssten die Eltern sich aktiv verhalten. Das könne eine moralische Überforderung darstellen, der sie nicht entkommen könnten. „Mein Eindruck ist, dass ein Teil der Kritik, die sich speziell gegen die NIPD richtet, daher rührt, dass es sich um ein Verfahren handelt, das aufgrund der geringeren Risiken werdende Eltern eher in solche Überforderungslagen bringt.“

In bestimmten Fällen könnte es sich bei der Kritik an NIPD also um ein berechtigtes Unbehagen handeln. „Ein Grund für dieses Unbehagen könnte daher rühren, dass das geringere Risiko zu verschleiern droht, dass die Anwendung sehr grundsätzliche Erwägungen erzwingt.“ Das spreche nicht grundsätzlich gegen dieses Verfahren, man müsse sich aber sehr gut überlegen, zu welchem Zweck man ein diagnostisches Verfahren anwenden wolle.

Die medizinsch-wissenschaftliche Leiterin von der Konstanzer Firma LifeCodexx, Dr. rer. medic. Wera Hofmann, berichtete, dass sie als Humangenetikerin sich für eine Tätigkeit bei LifeCodexx entschieden hätte, weil „es dort um die Belange von Frauen geht“. Die Einwände gegen Praenatest, dem Trisomie-Bluttest von LifeCodexx, habe sie völlig überrascht. Vor allem mit der Kritik Hubert Hüppes, des früheren Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, habe sie nicht gerechnet. Dieser hatte auf der Bundespressekonferenz im Jahr 2012 festgestellt: „Der Test dient weder medizinischen noch therapeutischen Zwecken. Nach dem Gendiagnostikgesetz müssen aber gerade diese Zwecke für eine zulässige vorgeburtliche Untersuchung vorliegen. Down-Syndrom ist aber weder therapierbar noch heilbar.“ Hüppe hatte sich auf ein Rechtsgutachten von Prof. Dr. jur. Klaus Ferdinand Gärditz von der Universität Bonn berufen.

Die Firma LifeCodexx habe sich damals entschlossen, ein Gegengutachten zu veröffentlichen, berichtet Hofmann. Darin kommt Prof. Dr. jur. Friedhelm Hufen, Universität Mainz, zu der Schlussfolgerung, dass eine Untersuchung im frühen Stadium im Vergleich zu anderen Methoden, insbesondere der Amniozentese, eine sogar geringere Gefährdung des Lebens und der Gesundheit des Ungeborenen bedeute. Die Anwendung des Diagnosemittels Praenatest erfülle die Voraussetzungen des § 15 Abs. 1 Gendiagnostikgesetz. „Die Untersuchung erfolgt zu medizinischen Zwecken, nämlich zur Feststellung einer Chromosomenstörung, hat also diagnostischen Charakter.“

Durch die bloße Untersuchung werde der Fötus weder zum Objekt einer erniedrigenden Behandlung noch in seinem Eigenwert infrage gestellt, heißt es in dem Gutachten weiter. Selbst wenn man unterstelle, dass die Untersuchung auf eine unheilbare Krankheit stets der Vorbereitung auf einen Schwangerschaftsabbruch diene, läge darin kein Eingriff in die Menschenwürde oder eine für diese ursächliche Vorbereitungshandlung. „Dass sich der Test nur auf Trisomie 21 ausrichtet und nicht der Heilung dienen kann, ändert daran nichts, denn er dient auch bei positivem Ergebnis in jedem Fall dazu, dass sich die Mutter und die Familie auf die auf sie zukommenden Entscheidungen und Belastungen einstellen können.“

Entwicklung einer eigenen Lösungsstrategie

Diplom-Pädagogin Gabriele Frech-Wulfmeyer von der Cara-Beratungsstelle zu Schwangerschaft und Pränataldiagnostik Bremen hält es für dringend erforderlich, den Paaren unabhängig vom medizinischen System verschiedene Handlungsoptionen aufzuzeigen, um ihnen eine informierte Entscheidung zu ermöglichen. Ziel sollte die Entwicklung einer eigenen Lösungsstrategie unter Berücksichtigung der persönlichen Ressourcen sein. Eltern seien heutzutage bereits vor beziehungsweise in der Schwangerschaft Eltern und würden nicht mehr Eltern werden, bedauert Frech-Wulfmeyer die Entwicklung, die durch die pränatale Diagnostik zunehmend in Gang gesetzt worden sei.

Gisela Klinkhammer

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