ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1999Medizinische Hochschulen in Ostdeutschland: „ ... ein Kulturschock war das damals schon ...“

POLITIK: Das Interview

Medizinische Hochschulen in Ostdeutschland: „ ... ein Kulturschock war das damals schon ...“

Dtsch Arztebl 1999; 96(22): A-1464 / B-1224 / C-1144

Jachertz, Norbert; Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS DÄ: Unser Thema ist der Wandel an den Medizinischen Hochschulen in Ostdeutschland . . .
Bach: Also bei der Vorbereitung auf dieses Thema ist mir eine Begebenheit eingefallen, die muß ich erzählen. Als ich hier in Dresden Rektor wurde, 1991, da bin ich in das Amtszimmer eingezogen, in dem stand ein Wandschrank. Auf einer Seite Geschenkartikel von "sowjetischen Freunden", Matroschkas und Schnaps, Bilder von Lenin und Puschkin in Bronze und so weiter. Und auf der anderen Seite hing ein Talar, rot, mit Zobelbesatz. Den hatten die Ende der 50er Jahre eingemottet und sich gesagt: "Der wird wieder gebraucht." Als wir unsere Fakultätsgründung feierten, hatte ich die Ehre, das Ding wieder anzuziehen. Dieses Phänomen, zeitüberschreitend eine bürgerliche Tradition zu bewahren, das habe ich immer wieder gefunden.
Diettrich: Das ist nie getötet worden.
DÄ: Wenn es noch Elemente bürgerlicher Tradition gab, wenn die Ideologie der DDR sich nicht restlos durchgesetzt hatte: Hätte man dann nicht bei der personellen Erneuerung an den Medizinischen Hochschulen nach der Wende ein Auge zudrücken können, wie manche meinen?
Geiler: Nein. Ich bin der Überzeugung, daß die demokratische Erneuerung auch der medizinischen Fakultäten einen Schnitt erforderte. Ein sogenannter sozialverträglicher Wechsel hätte bedeutet, daß man eine große Gruppe von Hochschullehrern belassen hätte, die der alten Ideologie verhaftet waren. Die konnten keinen geistigmoralischen Erneuerungsprozeß zum Tragen bringen.
Diettrich: Darf ich dazu eine Ergänzung machen? Es gab im DDR-Hochschulwesen die ganz ausgefeilten Institute für Marxismus und Leninismus. Die spielten eine große Rolle, wenn es um die Erziehung zu dieser Art Hochschullehrer ging.
DÄ: Spielten diese Institute auch für die Medizinischen Fakultäten eine große Rolle? Wurden die auch durch diese Mühlen gedreht?
Diettrich: Ja, aber sicher!
DÄ: Was für eine Bedeutung hatte denn die Zugehörigkeit zur SED zu DDR-Zeiten und welche nach der Wende?
Geiler: In der Gründungsphase der DDR waren noch sehr viele der alten bürgerlichen Ordinarien in Amt und Würden. Aber beim Ablösungsprozeß dieser Generation spielte die Parteizugehörigkeit eine große Rolle. Also, Nicht-Genossen waren auch bei hoher Kompetenz zunehmend chancenlos. Was man werden konnte, hing aber auch von äußeren Umständen ab. Ich zum Beispiel habe mich im Februar 1961 habilitiert und wurde 14 Tage danach ordentlicher Dozent, obwohl ich nie in der Partei war. Damals war der Wegzug von Ärzten nach Westen so groß, das war gigantisch. Bis ich außerordentlicher Professor wurde, habe ich dann aber 22 Jahre warten müssen.
DÄ: Was bedeutete das Parteibuch bei Berufungen?
Diettrich: Die Entscheidung, wer berufen wurde, war eine Entscheidung der Parteileitung der Hochschulen. Das war ganz eindeutig ein SED-gesteuertes System.
Bach: Um auf den Wechsel nach der Wende zu kommen: Da ist manches an unterschiedlichen Hochschulen auch unterschiedlich gelaufen. Bei uns zum Beispiel hat die Frage von Parteizugehörigkeit bezüglich Entlassung oder Nichtentlassung keine Rolle gespielt.
Geiler: Das ist richtig.
Bach: Es mußte hinzukommen: "IM" oder Insuffizienz.
Diettrich: Richtig, es gab eine fachliche Evaluierung und eine politische . . .
Bach: . . . und eines muß man sagen: Viele Ordinarien, die in der SED waren, die nicht das politische Wort geredet haben, sondern ihre Arbeit gemacht haben und die Nase genauso voll hatten wie alle anderen . . .
Geiler: . . . die wurden belassen . . .
Bach: . . . die wurden belassen beziehungsweise mußten sich um ihre Stelle neu bewerben. Aber das betraf ja nicht nur die Genossen, sondern uns alle.
Diettrich: Genau so ist es.
DÄ: Hatten die alten Ordinarien denn Chancen, auch mit Parteibuch-Vergangenheit?
Diettrich: Sicher. (An Bach gewandt:) Wie viele SED-Ordinarien sind in Dresden nach der Evaluierung weiter tätig?
Bach: Das muß ich schätzen. Bei uns sind das, na, vielleicht zehn gewesen.
Diettrich: Zehn allein in Dresden! Das ist eine große Zahl.
Geiler: Für Leipzig weiß ich es nicht auswendig, aber es waren schon viele.
Bach: Also fachlich war das so: Man mußte seine Publikationen abgeben, einen Lebenslauf, und dann hat die Personalkommission darüber befunden. Bei uns erhielten dann zwei, drei Leute, die vorher eine C4-Professur hatten, aber wissenschaftlich weniger aktiv, das Angebot, auf einer C3-Stelle weiterzuarbeiten. Aber viele der C4-Professoren haben auch die Kriterien erfüllt.
DÄ: Hatten denn Westdeutsche, die sich um eine Professur bewarben, unter dem Strich mehr Chancen? Booteten sie Kollegen aus, die in der DDR aus politischen Gründen nicht in die oberste Reihe kamen?
Geiler: Daß westdeutsche Kollegen eine größere Chance hatten als ostdeutsche, das war schon so. Die Ostdeutschen waren ja von internationalen Tagungen et cetera ausgegrenzt und wurden das Opfer der fatalen Reisekaderpolitik. Die daraus resultierende Benachteiligung ist tragisch, denn sie trifft eine ganze Generation. Sie ist aber Schuld der DDR-Politik und nicht des neuen Systems.
DÄ: Waren denn die westdeutschen Bewerber wirklich besser, oder kam, wie manchmal behauptet, ungerechterweise die zweite oder dritte Garnitur zum Zuge?
Geiler: Daß nur die zweite und dritte Garnitur berufen wurde, kann man pauschal nicht sagen.
Diettrich: Selbstverständlich kam es zu Täuschungen, wo man hinterher gesagt hat: der eine oder andere ist nicht geeignet. Aber Fehlberufungen hat es immer gegeben.
Geiler: Es gab natürlich eine Riesenmenge an Bewerbungen. Ich habe als Dekan damals 142 Hochschullehrerstellen ausgeschrieben - 142! Da ist natürlich in manchen Fachgebieten auch einmal auf die zweite Garnitur zurückgegriffen worden. Das kann man nicht ganz leugnen. Aber was die C4-Professuren anbelangt, die meist mit Westdeutschen besetzt wurden: das lag daran, daß die Forschung in der DDR nicht so kultiviert werden konnte. Was die ärztliche Betreuung anbelangt, waren unsere ostdeutschen Bewerber mindestens vergleichbar, was die Lehre anbetrifft, sogar meist besser. Aber in der Forschung bestanden einfach Defizite.
Bach: In den letzten Jahren haben wir aber Neuberufungen in nicht geringer Zahl aus Ostdeutschland zu verzeichnen. Allein an unsere Fakultät sind in den letzten Jahren fünf neue Professoren aus dem Osten berufen worden.
Geiler: Auf C4-Stellen . . .
Bach: . . . jawohl. Und fast drei Viertel, wenn nicht gar mehr, C3-Professoren sind Kollegen aus unserem eigenen Bestand. Noch mal zu dem Vorwurf der zweiten und dritten Garnitur: Wir hatten hier in Dresden ja eine Neugründung, und da haben honorige Professoren aus dem Westen für ein hohes Niveau bei den Neuberufungen gesorgt. Unser Problem ist heute eher, daß unsere Ordinarien schon wieder von anderswo Angebote bekommen . . .
Diettrich: . . . weil sie so gut sind!
Geiler: Kann ich nur bestätigen.
DÄ: Man hört hin und wieder den Vorwurf, besonders die westdeutschen Mitglieder der Personalkommissionen hätten sich arrogant und unkollegial verhalten. Stimmt das?
Geiler: Daß eine Fakultät evaluiert wird, das war uns natürlich fürchterlich fremd. 1991 war die erste Evaluation in Leipzig, und ich erinnere mich, daß ein Dekan aus einer anderen Stadt anrief und sagte: "Da machen Sie sich mal auf was gefaßt, die wissen alles besser." Ich kann aber nur sagen, daß von Besserwisserei überhaupt keine Rede war. Kommissionsmitglieder haben sich unsere Vorstellungen angehört, die Strukturen evaluiert und uns Ratschläge erteilt. Die waren absolut kollegial.
Bach: Aber ein Kulturschock war das damals schon. Und die personelle Evaluation, das war schon eine schwierige Aufgabe, auch menschlich. Oft hat sich herausgestellt, daß Beschuldigte Opfer und Täter zugleich waren, weil das System bekanntlich durch Nötigung und Erpressung von Menschen funktionierte.
DÄ: Wurde denn das gesamte Personal durch die Mühlen gedreht?
Bach: Sicher, es fing mit den Führungspositionen an, also den Professoren, und ist dann sukzessive auf alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst ausgedehnt worden. Vieles hat sich selbst geregelt, weil bestimmte Protagonisten von allein gegangen sind.
DÄ: Wegen der Würdelosigkeit mancher Verfahren, wie deren Kritiker schreiben?
Bach: Nein, die sind gegangen, weil sie wußten, was kommt.
Diettrich, Geiler: So ist es.
Bach: Manche sind durchaus honorig abgetreten, unser früherer Rektor beispielsweise. Der hat gesagt: "Ich weiß, daß es hier nicht mehr weitergeht, weil ich mich exponiert habe." Eine Menge sind aus guten Gründen gegangen, aber nicht, weil sie sozusagen den Würdeverlust nicht ertragen wollten.
Geiler: Vielleicht ein ganz kleiner Teil . . . Natürlich haben viele die Universität direkt 1989 verlassen. Da gab es zunächst Unsicherheiten über die Stellenpläne. Das hat eine große Rolle gespielt. Dann eröffneten viele eine eigene Praxis. Andere traten auch eine Stelle in Westdeutschland oder im Ausland an. Die Furcht vor der Überprüfung durch die Personalkommissionen hat nur bei denjenigen eine Rolle gespielt, die belastet waren und die gingen, weil sie sich die Überprüfung als solche ersparen wollten. Würde oder Nichtwürde - das hat praktisch keine Rolle gespielt.
DÄ: Was konnte man an den Überprüfungen als würdelos oder demütigend empfinden?
Bach: Da gab es sicher mehrere Faktoren. Allein schon die Überprüfung von Leistung als Kriterium für
eine berufliche Stellung war ungewohnt. Zweiter Punkt: Es war im Osten so wie im Westen, daß der Ordinarius ein König war, der in seinem Bereich machen konnte, was er wollte. Und der mußte nun vor die Öffentlichkeit treten und erklären, ob er in der Partei war, was er publiziert hatte und so weiter. Die Rolle Ordinarius erfuhr da schon einen Stoß ins Gemüt. Drittens existierte der grundlegende Konflikt, in dem wir alle steckten: Inwieweit war das, was man gelebt hat, opportunistisch, unethisch, vielleicht sogar kriminell? Das war natürlich schwer für Leute, die bis dahin geglaubt hatten, sie täten alles Rechte und Gute.
DÄ: Ist dieser Wandel denn eigentlich heute noch ein Thema an den Medizinischen Fakultäten? Unterschiede, Rivalitäten zwischen Ost- und Westdeutschen?
Diettrich: Aus meiner Sicht als Kammerpräsident ist das Thema weitgehend abgeebbt.
Bach: Die "Teilung in den Köpfen", wie es in den Medien gern heißt, die spielt bei der jüngeren Generation, also den Leuten im akademischen Mittelbau, eine immer geringere Rolle. Gut ist, wenn die Chefs selbst für eine Mischung Ost-West in ihrem Klinikbetrieb sorgen.
Diettrich: Ein Thema gibt es noch, nämlich die Ungleichbezahlung der Ordinarien und anderer, die Unterscheidung zwischen Ost- und Westtarif.
DÄ: Ist das immer noch so?
Diettrich: Ja, wer aus dem Osten stammt, bekommt nur 85 Prozent der Bezüge.
Bach: Im Mittelbau ist das nicht mehr so. Unsere Oberärzte, die aus dem Westen kommen, werden alle nach Osttarif bezahlt. Die Unterschiede beziehen sich auf die C4-Professoren.
Geiler: Das führt schon zu einer gewissen Verstimmung.
Bach: Das möchte ich relativieren. In der Medizin gibt es doch völlig durchwachsene Einkommensverhältnisse. An meiner Fakultät ist die Frage des Einkommens längst eine des Faches, nicht mehr des Tarifs Ost oder West.
DÄ: Hätte man aus heutiger Sicht etwas ganz anders machen sollen bei der Neugestaltung der Medizinischen Fakultäten nach der Wende?
Diettrich: Man hat die Wende- und Nachwendezeit meiner Meinung nach nicht genügend dafür genutzt, einmal etwas Neues zu probieren. Es wäre wohl richtig gewesen, vom alten westdeutschen Hochschulsystem etwas abzurücken.
DÄ: Inwiefern?
Diettrich: Beispielsweise durch die stärkere zeitliche Begrenzung von Stellen . . .
Geiler: . . . oder die Frage, ob ein Hochschullehrer denn Beamter sein muß, die hätte man aufgreifen können . . .
Bach: . . . oder die Studentenausbildung - wenn man sich überlegt, was für ein akrobatischer Lindwurm die Reformierung der Approbationsordnung ist . . .
DÄ: Haben die Veränderungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs Ihrer Meinung nach mehr Nachteile oder mehr Vorteile mit sich gebracht?
Geiler: Mehr Vorteile. Was die Mitarbeiter als Nachteil sehen, ist die Stellenlimitierung. Der Vorteil ist, daß unsere Institute nun apparativ sehr modern eingerichtet sind, daß man endlich ins Ausland gehen kann. Diese Einbindung in die "scientific community", die erleben die jungen Leute als großen Gewinn.
(Das Gespräch führten Norbert Jachertz und Sabine Rieser.)


Wie gerecht ist der personelle Wandel an den Medizinischen Hochschulen im Osten nach der Wende verlaufen? Hatten die eigenen Leute eine Chance, oder verließen viele aus Sorge um entwürdigende Evaluationsverfahren lieber die Medizinische Fakultät? Wie empfindet der Nachwuchs heute die Situation? Das Deutsche Ärzteblatt befragte dazu Prof. Dr. med. Otto Bach, ehem. Rektor der Medizinischen Akademie Dresden, Prof. Dr. med. Heinz Diettrich, Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, und Prof. Dr. med. Gottfried Geiler, ehemals Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Eine Gegenmeinung vertritt Prof. Dr. med. Arno Hecht auf den nächsten Seiten, ehemals Direktor des Pathologischen Instituts der Karl-Marx-Universität Leipzig, 1993 gekündigt.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Interviews