ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2016Vermessen: Quantified Self

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Vermessen: Quantified Self

Dtsch Arztebl 2016; 113(14): A-651 / B-549 / C-543

Voß, Burkhard

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Bei Quantified Self handelt es sich nicht um eine Art selbstinduzierte Quantenphysik. Das wäre ja noch spannend. Nein, es geht um die peinlich genaue Erfassung, Messung, Digitalisierung und Speicherung von Körperfunktionen – die neuen leuchtenden Planeten am Himmel körperfixierter und überdrehter Zeitgenossen. Diese wollen messen und gemessen werden. Was sinnvoll für Spitzensportler und chronisch Kranke ist, muss für die Dazwischenliegenden auch irgendwie verwertbar sein.

So oder ähnlich könnte der etwas bizarre Gedankengang gewesen sein, der dann in die Zahlengläubigkeit abbog. Motto der Quantified-Self-Anhänger: Selbsterkenntnis durch Zahlen. Nur Genies kriegen solche Sätze hin. Da gibt es nicht nur Blutdruck und Puls, in Verbindung mit sportlichen Aktivitäten kommen Schrittmenge, Atemfrequenz, Kalorienverbrauch, Verbrennung von Körperfett und Pulsfrequenzvariabilität eine enorme Bedeutung zu. Bis zur Pulshysterie und zum wahnhaften Bedeutungserleben ist es da wohl nicht mehr allzu weit. Einfach so loslaufen – das geht gar nicht, könnte man fast schon einen berühmten Merkel-Satz zitieren.

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So manch ein vom Vermessungsrausch Erfasster lebt auch seine exhibitionistischen Persönlichkeitsanteile aus und stellt Klogänge und Orgasmen ins Netz – kein Scherz. Mittlerweile gibt es internationale Konferenzen, nicht nur mit Anwendern, sondern auch mit Unternehmensvertretern aus der Gesundheitsbranche (übrigens ein schönes Wort aus der noch schöneren ökonomisierten Welt). Ich verirrte mich einmal auf eine solche Konferenz und hörte mir einen Vortrag an, wo Schlafsensoren die Rechts- und Linksseitenlage zeitlich erfassten und daraus einen Quotienten bildeten. Plötzlich musste ich lachen, worauf ein beredtes Schweigen den Seminarraum beherrschte. Bei so vielen Zahlen kann der Humor schon mal auf null gehen.

Dass die totale Erfassung und Digitalisierung nur der Gesundheit dient, glaubt selbst Lieschen Müller nicht, auch nicht in Zeiten, in denen Gesundheit zur Ersatzreligion geworden ist. Bei Quantified Self handelt es sich schlicht und ergreifend um eine digital-numerologische Variante der Selbstverliebtheit, des Narzissmus. Mit erheblichen Nebenwirkungen. Wenn sich in den 1970er Jahren die Hypochonderin und der Hypochonder zur romantischen Röntgenbilderschau bei einem guten Glas Wein am Kamin trafen, konnte das Gespräch schon mal in angenehmere Dimensionen des Daseins driften. Nicht so der moderne Quantified-Self-Single: Bei Registrierung einer Pulsfrequenzzunahme um mehr als zehn Prozent des Normalwertes geht es ab in den Google-Dschungel, um atypischen Formen der koronaren Herzkrankheit, latenten Hyperthyreosen, vegetativen Dysbalancen oder endokrinen Tumoren hinterherzujagen.

Dass das Kernproblem supranasal und zwischen den Ohren liegt, wird meistens nicht wahrgenommen. Kein Problem. Unser grenzwertig überfordertes Gesundheitssystem freut sich schon jetzt auf die Pseudopatienten mit selbstinduzierten hypochondrischen Befürchtungen, die auf eine allumfassende Abklärung drängen. Wer viel misst, misst Mist. Oder, um es mit den Worten des berühmten Historikers Jacob Burckhardt zu sagen: „Je präziser wir verfahren, umso sicherer gehen wir in die Irre.“

Also, laufen Sie besser einfach los, ihr Körper wird Ihnen schon sagen, wann er genug hat.

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