ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1999Gegenmeinung: Personalwandel zugunsten Westdeutscher...

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Gegenmeinung: Personalwandel zugunsten Westdeutscher...

Dtsch Arztebl 1999; 96(22): A-1466 / B-1248 / C-1171

Hecht, Arno

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LNSLNS ... meint der Autor dieses Beitrags.
er mit der Vereinigung beider deutscher Teilstaaten im Jahr 1990 verbundene Struktur- und Personalwandel in nahezu allen Lebensbereichen Ostdeutschlands ging auch an den akademischen Lehranstalten nicht spurlos vorüber. Die Medizin war in fachlicher Hinsicht davon kaum betroffen, unterschieden sich Organisation und Lehrinhalte wie auch Forschungsgegenstand im Grundsatz kaum vom Standard in der alten Bundesrepublik. Als gravierender erwies sich der Personalwandel bei den Hochschullehrern, dem die Bestimmungen des Einigungsvertrages, Abschnitt III, Kapitel 1, Abs. 1-5 zugrunde lagen.
Die personellen Veränderungen waren zu Beginn quantitativ nur schwer zu bewerten. Sie können nunmehr als weitgehend abgeschlossen gelten und haben sich in einem Zeitraum von fünf Jahren (1992 bis 1997) vollzogen. Dieser wird begrenzt durch die Aufnahme der Tätigkeit der Ehren- und Personalkommissionen auch an den medizinischen Fakultäten Ostdeutschlands sowie den weitgehenden Abschluß der Neuberufungen, abgesehen von dem nun üblichen Hochschullehrerwechsel als Folge von Neu- und Umberufungen. Das Ergebnis der Umsetzung oben erwähnter Bestimmungen des Einigungsvertrages ist in Grafik 1 zusammengestellt. Zur Methode: Die medizinischen Hochschullehrer der DDR des Jahres 1990 wurden namentlich erfaßt und nach den damals üblichen Berufungsmerkmalen als Ordinarien (Direktoren), ordentliche (o.) Professoren, außerordentliche (ao.) Professoren, Dozenten und außerordentliche (ao.) Dozenten klassifiziert. Ebenso wurde versucht, gesondert die habilitierten, nicht berufenen Wissenschaftler zu erfassen. Die namentliche Erfassung ermöglichte einen direkten Vergleich mit den Personalverzeichnissen der Universitäten in den neuen Ländern. Gleichzeitig wurde herausgearbeitet, wie sich die bis Ende 1997 erfolgten Berufungen auf Hochschullehrer der alten und neuen Bundesländer verteilen.
Die dazu erforderlichen Angaben entnahmen wir folgenden Quellen: Kürschners Deutscher Gelehrtenkalender 1992, Personalverzeichnisse der ostdeutschen Universitäten des Jahres 1997/98, Charité-Annalen 1982 bis 1990, Hochschulnachrichten der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (DMW) der Jahre 1991 bis 1997/98 sowie des Ärzteblattes Sachsen (ÄBS) 1992 bis 1998 und dem Publikationsorgan des Hochschullehrerverbandes "Forschung & Lehre" 1994 bis 1998. Außerdem ist Kollegen zu danken, die uns in Kenntnis des genius loci ihre Daten zur Verfügung stellten.
Aus Grafik 1 ist ersichtlich, daß 1990 genau 963 medizinische Hochschullehrer tätig waren. Dies stimmt weitgehend mit den Angaben von Beleites (1) und Burkhardt (2) überein. Die Angaben letzterer stützen sich auf das Archiv des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen der DDR aus dem Jahr 1989. Von diesen 963 medizinischen Hochschullehrern waren zum Jahresende 1997 noch 437 tätig, das heißt 45,4 Prozent. Bei einem Vergleich des Berufungsstatus zeigt sich, daß zu diesem Zeitpunkt 37 Prozent der Instituts- und Klinikdirektoren, 39,7 Prozent der ordentlichen Professoren, 44,1 Prozent der außerordentlichen Professoren, 53,6 Prozent der ordentlichen Dozenten und 61,1 Prozent der außerordentlichen Dozenten in den öffentlichen Dienst der Länder übernommen worden waren. Mit geringen Abweichungen entspricht dies der Situation der nichtärztlichen Hochschullehrer an Universitäten und Medizinischen Akademien (Grafik 2). Während
die Zahl der erfaßten Hochschullehrer als vollständig anzusehen ist, konnten wir mit 575 die habilitierten Wissenschaftler nur unvollständig erfassen. Von ihnen verließ nahezu ein Drittel die Universitäten, vorzugsweise, um sich niederzulassen, 21,4 Prozent wurden zum Professor berufen, während die übrigen ihren Status unverändert beibehielten (rund 48 Prozent).
Da die SED-Zugehörigkeit ein entscheidendes Kriterium sowohl bei der politischen Evaluierung durch die Personalkommission als auch für die Kündigung darstellte, ist sie von Interesse. Entsprechende Angaben ließen sich für 595 der 1 067 ärztlichen und nichtärztlichen Hochschullehrer zusammenstellen. Diese sind als repräsentativ anzusehen, da sie die Situation an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Karl-Marx-Universität Leipzig sowie die der Medizinischen Akademien Dresden und Magdeburg einbeziehen.
39,6 Prozent der erfaßten medizinischen Hochschullehrer waren Mitglieder der SED (siehe dazu die Grafik im Inhaltsverzeichnis dieses Heftes), etwas mehr als doppelt soviel, wie es dem Durchschnitt bei DDR-Ärzten (16 Prozent) entspricht. Erwartungsgemäß war der Anteil mit 74 Prozent bei den Instituts- und Klinikdirektoren am höchsten, bei den außerordentlichen Dozenten mit weniger als zehn Prozent am niedrigsten. Entsprechend verhält es sich bei den ausgeschiedenen Hochschullehrern. Der Anteil der Direktoren ist am höchsten, der der außerordentlichen Dozenten mit SED-Parteibuch am geringsten. Wenn auch die Anzahl der direkt gekündigten Hochschullehrer relativ gering ist, so befindet sich unter den ohne nähere Angaben Ausgeschiedenen etwa ein gleich großer Anteil, der durch die individuelle Entscheidung, die Universität zu verlassen, einer Kündigung zuvorgekommen ist. So verloren 78 Prozent der Direktoren und ordentlichen Professoren mit SEDMitgliedschaft ihre Profession, während es bei den parteilosen Hochschullehrern beider Kategorien 50 Prozent waren. Die Zahlen belegen, daß sowohl für die Kündigungen wie auch den spontanen Weggang die SEDMitgliedschaft eine entscheidende Rolle spielte.
Im Einigungsvertrag wurden mögliche Kündigungsgründe fixiert als mangelnde fachliche Qualifikation, mangelnde persönliche Eignung, mangelnder Bedarf, Verstoß gegen die Grundsätze der Menschlichkeit sowie Tätigkeit für das frühere Ministerium für Staatssicherheit/Amt für nationale Verteidigung. Die beiden letztgenannten Gründe rechtfertigen eine fristlose Kündigung (4). Tatsächlich gekündigt wurde den
medizinischen Hochschullehrern überwiegend wegen persönlicher Nichteignung, zu einem nur kleinen Prozentsatz wegen Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit und praktisch gar nicht wegen mangelhafter fachlicher Qualifikation. Die auch mit westdeutschen Wissenschaftlern besetzten Evaluierungskommissionen konnten letztere nur in Einzelfällen nachweisen. Dazu muß man wissen, daß bei Ärzten eine Berufung grundsätzlich nicht ohne vorangegangene Habilitation erfolgte, die mit der Verleihung des Titels Dr. med. habil. und später Dr. sc. med. ihren Abschluß fand, und daß sich die Zeiten der Anwartschaft auf eine Berufung bei SED-Mitgliedern und Parteilosen nicht prinzipiell unterscheiden (5).
Der Vorwurf der "persönlichen Nichteignung" wurde vor allem an der Zugehörigkeit zur SED und an der Wahrnehmung entsprechender Funktionen festgemacht. In den arbeitsgerichtlichen Verfahren wurde aber mehrheitlich vom Vorwurf der persönlichen Nichteignung Abstand genommen. Da die frei gewordenen Stellen entweder bereits wieder besetzt waren beziehungsweise das Berufungsgeschäft angelaufen war, erfolgte nunmehr eine Kündigung mangels Bedarfs, und die Mehrzahl der Rechtsstreitigkeiten endete mit einem Vergleich. Auch in den Fällen, in denen das Gericht eine Wiedereinstellung forderte, kam es in der Mehrzahl der Fälle nicht dazu.
Auf Kündigungen wegen Verstoßes gegen die Grundsätze der Menschlichkeit sind wir nicht gestoßen. Ebenso taucht der Vorwurf der IM-Tätigkeit, mit Ausnahme der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin, nicht häufiger auf als im Durchschnitt der Bevölkerung der DDR. Die Kündigung wegen persönlicher Nichteignung erfolgte, soweit es aus dem uns zur Verfügung stehenden Material hervorgeht, in etwa 20 Prozent der Fälle.
Den Mitteilungen in der DMW und in "Forschung & Lehre" ist zu entnehmen, daß bis zum Jahreswechsel 1997/98 genau 859 Professoren neu berufen wurden. Bei 815 von ihnen war es möglich, Angaben zu ihrem Status vor der Berufung zu eruieren. Von den 350 leitenden Positionen, mehrheitlich C4-Professuren, wurden bisher 183 (= 52,3 Prozent) durch Berufungen aus den alten Bundesländern besetzt. Von den Berufungen hatten zuvor 67 den Status eines Privatdozenten (PD). Bei den übrigen Hochschullehrern, überwiegend C3-Professoren, ist der Anteil der aus dem Osten Berufenen mit 80,9 Prozent deutlich höher. Immerhin befinden sich unter ihnen 90 Wissenschaftler, die zu DDR-Zeiten nicht berufen waren. Von den 575 habilitierten Wissenschaftlern schafften nur 14 den Sprung zum Instituts- oder Klinikdirektor, also in deutlich geringerer Zahl als habilitierte aus den alten Bundesländern. Von den 167 Direktoren aus Ostdeutschland hatten 62,3 Prozent diese Funktion bereits vor der Wiedervereinigung ausgeübt. In diesem Kontext wäre das Schicksal der ehemaligen Personalkommissionsmitglieder von Interesse. Die Mehrzahl von ihnen mußte sich als Anerkennung für ihre Tätigkeit mit der C3- oder außerplanmäßigen Professur begnügen. Inwieweit die fachliche Qualifikation bei ihnen für einen weiteren Aufstieg nicht ausreichte, muß offenbleiben.
Die Angaben dokumentieren auch, daß sich die Gesamtzahl der medizinischen Hochschullehrer mit Übernahme des zentralistischen Hoch-schulwesens der DDR durch die Bundesländer kaum verändert hat. Dies gilt mit Einschränkungen auch für die Anzahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter und den akademischen Mittelbau, der in den übrigen Disziplinen im Durchschnitt um gut ein Drittel reduziert wurde (3).
Persönliche Wertung
Sachlich betrachtet, ordnet sich der Vereinigungsprozeß nahtlos in die geschichtliche Erfahrung ein, daß soziale und politische Umbrüche stets mit einem Wechsel der Eliten einhergehen. Bemerkenswert ist allein das quantitative Ausmaß, das selbst die Entlassungen nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten weiter überschreitet. In Leipzig waren es zum Beispiel zwei von 91 Medizinprofessoren, die damals relegiert wurden, also 2,2 Prozent. Jetzt waren es etwa 20 Prozent - ohne Berücksichtigung derjenigen, die die Kündigungswelle nicht abwarteten beziehungsweise sich der demütigenden Evaluierung durch die Personalkommissionen nicht unterziehen wollten. Sicher hätte dieser Wechsel auch sozialverträglicher erfolgen können. Da die Mehrzahl der Betroffenen entweder das Emeritierungsalter erreicht hatte beziehungsweise vier bis sechs Jahre davor stand, wäre der Prozeß des Elitewechsels in etwa dem gleichen Zeitraum verlaufen, vor allem dann, wenn das Alter des Ausscheidens auf 63 Jahre fixiert worden wäre. Einer Untersuchung von Deregoski et al. (4) zufolge standen in den 90er Jahren etwa zwei Drittel des Hochschullehrerbestandes der DDR vor der Emeritierung aus Altersgründen. Dies hätte den Steuerzahler weniger gekostet (keine Prozeß- und Anwaltskosten, keine Abfindungen und Einsparung von Vergütungen nach Westtarif), mehr Zeit für die Neuberufungen gelassen und das Resultat der beruflichen und sozialen Ausgrenzung vermieden beziehungsweise deutlich abgeschwächt.
Eine Forderung der Wendezeit lautete, die gekündigten und ausgeschiedenen Hochschullehrer durch die zweite und dritte Reihe der DDR-Wissenschaftler zu ersetzen. Dies hat sich leider nur in Ansätzen realisiert. Bei den Neuberufungen genossen westdeutsche Wissenschaftler der zweiten und dritten Reihe die Präferenz. Das hängt damit zusammen, daß die westdeutschen Berufungskriterien unkritisch von den ostdeutschen Hochschulen übernommen wurden. Ostdeutsche Nachwuchswissenschaftler konnten natürlich keinen Aufenthalt an Forschungsstätten vor allem in den USA und Publikationen in amerikanischen Zeitschriften nachweisen. Außerdem haben zahlreiche fähige junge Wissenschaftler wegen einer ungewissen beruflichen Zukunft die Universität verlassen. Zudem ist erklärlich, daß die in den Berufungsgremien tätigen westdeutschen Hochschullehrer den Nachwuchs aus ihrem früheren Tätigkeitsfeld besser kennen als den vorgefundenen. Der Verdrängungseffekt, der sich in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten innerhalb von zwei Jahren vollzog, wird in der Medizin tradierter ablaufen, aber letztlich unvermeidlich sein.


Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. med. em. Arno Hecht
Gutenbergstraße 19
08209 Auerbach

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