ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2016Sri Lanka: Auf der Schwelle zur Moderne

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Sri Lanka: Auf der Schwelle zur Moderne

Schmitt-Sausen, Nora

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Sri Lankas Gesundheitssystem gilt im asiatischen Raum als vorbildlich. Der Zugang zur Versorgung ist frei – ein Überbleibsel aus der englischen Kolonialzeit.

Asiatisch-bunt: Im Straßenbild fallen die „Pharmacy“- Schilder und „Medical Center“-Wegweiser schnell ins Auge. Foto: Wikimedia Commons
Asiatisch-bunt: Im Straßenbild fallen die „Pharmacy“- Schilder und „Medical Center“-Wegweiser schnell ins Auge. Foto: Wikimedia Commons

Sri Lanka ist in der Medizin zweigeteilt. Auf dem Land wird Medizin oft noch nach alter Tradition praktiziert. Angewendet wird vor allem die jahrtausendealte Heilkunst Ayurveda, für die Sri Lanka berühmt ist. In vielen Dörfern gibt es einen Arzt und eine Hebamme, die sich um die Primärversorgung der Bevölkerung kümmern. Schlangenmedizinmänner versorgen Menschen nach Bissen von giftigen Reptilien.

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In den städtischen Gebieten dominiert dagegen die westliche Lehre. Medizin nach „englischer Art“, wie es hier heißt. Im asiatisch-bunten Straßenbild fallen die „Pharmacy“-Schilder und „Medical Center“-Wegweiser schnell ins Auge. „Englisch“ heißt es deshalb, weil Sri Lankas Gesundheitssystem auf den Grundpfeilern des britischen Gesundheitswesens fußt – ein Überbleibsel aus Kolonialtagen. Denn: Sri Lanka war ab 1803, mit kurzer Unterbrechung, in englischer Hand. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Insel, die damals noch Ceylon hieß, unabhängig.

Die Spuren der britischen Besatzung sind im Land noch überall zu finden. In der Architektur, beim Teeanbau, dem Bildungssystem – und eben auch im Gesundheitswesen. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist für alle Bürger der Insel kostenfrei. Die Bewohner Sri Lankas können Kliniken und Ärzte aufsuchen, ohne dafür zahlen zu müssen. Auch Medikamente sind umsonst. Der Staat kommt dafür auf.

Wer es sich leisten kann, sucht Privatkliniken auf

Moderne, englische Verhältnisse sind auf der Insel allerdings nur sehr bedingt zu erwarten. In den großen Städten und den vom Tourismus besuchten Zentren, wie der Hauptstadt Colombo an der Westküste oder Kandy in der bergigen Mitte der Insel, ist die medizinische Versorgung zwar „ausreichend bis gut“, wie es etwa das Auswärtige Amt beschreibt. Doch dem europäischen Standard genügen selbst hier nur wenige der staatlichen Einrichtungen.

Die Einheimischen schätzen, dass der Staat sich um sie kümmert, wenn sie krank sind. Doch sie spüren auch: Nicht in allen staatlichen Kliniken sind Personal und Ausstattung gut. Wie so häufig in der Welt heißt es deshalb auch auf Sri Lanka: Wer es sich leisten kann, sucht bei Beschwerden eine der besser ausgestatteten privaten Einrichtungen auf. Dies sind allerdings noch die wenigsten, denn das Land und seine Menschen haben eine schwere Leidenszeit hinter sich.

Nicht nur der Tsunami im Jahr 2004 hat im Land tiefe Wunden hinterlassen. Auch ein langer Bürgerkrieg sorgte für viel Leid und zerstörte Infrastruktur, auch im Gesundheitswesen. Zwischen 1983 und 2009 starben in dem blutigen Konflikt zwischen unterschiedlichen Volksgruppen des Landes geschätzt bis zu 100 000 Menschen. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat Sri Lanka in der Vergangenheit mehrfach auf die Liste der Länder mit den schwersten humanitären Krisen gesetzt.

 Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, wie gut das Land heute dasteht. Sri Lanka hat sich in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt. Mehr noch: Im Gesundheitssektor gilt das Land inzwischen als Vorbild für viele andere Entwicklungs- und Schwellenländer in der Region. Sri Lanka beweist eindrücklich, dass auch mit wenigen finanziellen Mitteln im Gesundheitssektor viel zu erreichen ist.

Enorme Fortschritte im Kampf gegen Infektionskrankheiten

Trotz niedriger Investitionen von lediglich 3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Stand 2012) sind entscheidende Kennziffern im Gesundheitssektor vergleichbar oder gar besser als in weiter entwickelten Ländern der Region. Zum Beispiel beim Blick auf die Lebenserwartung wird deutlich, welche Fortschritte das Land trotz seiner schwierigen Geschichte macht. Im Jahr 1960 wurden die Bewohner Sri Lankas im Durchschnitt 62 Jahre alt. 2013 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung 72 Jahre bei Männern und 78 Jahre bei Frauen. Ein weiteres Beispiel: Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren ist innerhalb von 20 Jahren von 38 Todesfällen bei 1 000 Geburten auf zehn gesunken.

 Beeindruckend ist die Dichte von öffentlichen Gesundheitseinrichtungen und Kliniken im Land. Sie verteilen sich auf nahezu alle Landesteile – ungewöhnlich für Entwicklungs- und Schwellenländer, in denen die Versorgungsstellen oft nur in Stadtnähe zu finden sind. Auch deshalb hat Sri Lanka im Kampf gegen typische Infektionskrankheiten enorme Fortschritte gemacht. Malaria etwa ist stark rückläufig. Hohe Impfraten haben Krankheiten wie Tetanus und Japanische Enzephalitis kontrollierbar gemacht. Als Vorzeigeerfolg kann auch das Bemühen der Regierung gegen den Tabakkonsum bezeichnet werden: Maßnahmen wie ein Rauchverbot an öffentlichen Plätzen haben signifikante Wirkung erzielt – damit ist Sri Lanka diesbezüglich weiter als manches Land in Europa.

 Nicht nur Länder wie Indien oder Thailand, wo teils deutlich mehr investiert wird mit schlechterem Ergebnis, nehmen die positiven Entwicklungen Sri Lankas wahr. Auch die internationale Gemeinschaft beobachtet die Veränderungen auf der Insel mit Wohlwollen. Sri Lankas Anstrengungen im Gesundheitssektor seien „vorbildlich“, urteilt etwa die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) und lobt das „große Engagement“ der nationalen Politik ausdrücklich. Für die Weltbank ist Sri Lankas Entwicklung „in vielerlei Hinsicht eine Erfolgsgeschichte“.

Allerdings: Beim Blick in die Zukunft lassen sich bereits Hürden für das Gesundheitssystem des Landes identifizieren. „Die Alterung der Bevölkerung und die Zunahme der nichtübertragbaren Krankheiten (NCD) wird das Gesundheitssystem zunehmend belasten“, analysierte der britische Economist kürzlich. Auch die WHO warnt vor der bereits spürbaren Zunahme von NCDs wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs. Die Organisation sieht zudem, dass eine weitere Stärkung der Primärversorgung zwingend notwendig ist. In jüngster Zeit beunruhigen auch Meldungen über eine gestiegene Zahl von HIV-Neuinfektionen.

Werbung für Fertigprodukte, Paletten mit Softdrinks

Dass die typischen Volkskrankheiten des Westens auch in Sri Lanka zu einem Problem heranwachsen können, ist für denjenigen, der sich im Land bewegt, schnell ersichtlich. Neben den vielen traditionellen Obst- und Gemüseständen fallen vor allem in den Städten Verkaufsstände mit Westprodukten ins Auge – und die auffällig häufige Werbung für Fertigprodukte auf Großtransparenten und Postern. Neben den Wasserflaschen, die in einem Land mit tropischem Klima zur festen Ausstattung für Einheimische wie Touristen gehören, stapeln sich häufig Paletten mit Cola, Limonade und Co. Das Land sollte gewarnt sein: Sri Lankas unmittelbarer Nachbar Indien hat bereits ein massives Diabetes-Problem, das das dortige Gesundheitssystem bereits massiv belastet.

Grundsätzlich aber geben sich Beobachter mit Blick auf die weitere Entwicklung Sri Lankas optimistisch, auch was die Gesundheitswirtschaft betrifft: „Die steigenden Einkommen dürften die Chancen für den Privatsektor erhöhen und den Bedarf an medizinischen Geräten und Arzneimitteln steigern“, schreibt der Economist. Eine Aufbruchstimmung ist in vielen Regionen spürbar. Allerdings: Bis Sri Lanka die Schwelle zur Moderne überschritten hat, wird es noch eine ganze Weile dauern.

Nora Schmitt-Sausen

AYurveda: Magnet für Touristen

Traditionelle und westliche Medizin stehen in Sri Lanka gleichberechtigt nebeneinander. Der Großteil der auf der Insel tätigen Ärzte ist heute allerdings westlich ausgebildet. Ayurveda ist vor allem die Heilkunst der Landbewohner und Älteren. Doch auch gestresste Städter greifen bei Alltagsbeschwerden gerne auf die jahrtausendealte Heilkunst zurück.

Ayurveda-Pflanzen wachsen in Sri Lanka überall, vor allem in der Region um Kandy: rote Ananas, Zimt, Kardamom, Kräuter, Aloe Vera. Die Heilkunst bietet für nahezu jedes Problem eine Lösung: Erkältungen, Schmerzen, Bluthochdruck, hohes Cholesterin, Gicht, Haarausfall, Nierensteine, Diabetes, Allergien. Immer wieder tauchen zwischen der üppigen Vegetation Ayurveda-Kliniken auf. In einer davon stieg Altkanzler Helmut Kohl mehrfach ab.

Allerdings hat die Reputation Sri Lankas als Ayurveda-Paradies in jüngster Zeit gelitten. Es gab Meldungen über Arsen- und Schwermetallvergiftungen durch ayurvedische Medikamente. Es wird deshalb dringend davon abgeraten, bei Behandlungen nichtzertifizierte Medikamente einzunehmen. Für Sri Lanka sind solche Negativberichte verheerend. Denn der Ayurveda-Tourismus ist einer der Wachstumsmotoren des Landes. Die Regierung will die Zertifizierung für Ayurveda-Kliniken und Hotels deshalb künftig stärker regulieren.

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