ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2016Europäische Union: Arzneipreise auf dem Prüfstand

POLITIK

Europäische Union: Arzneipreise auf dem Prüfstand

Dtsch Arztebl 2016; 113(14): A-632 / B-534 / C-530

Korzilius, Heike

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Der Zugang aller Patienten zu Arzneimitteln sowie deren Bezahlbarkeit sind Schwerpunktthemen der niederländischen EU-Ratspräsidentschaft.

Foto: fotolia/eyegelb
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Die Preispolitik der Pharmaindustrie steht zurzeit ganz oben auf der Tagesordnung der Brüsseler Gesundheitspolitik. „Allzu oft kommen neue, innovative Medikamente zu horrenden Preisen auf den Markt. Das gefährdet die Tragfähigkeit unserer Gesundheitssysteme“, erklärte die niederländische Ge­sund­heits­mi­nis­terin Edith Schippers bei einer Konferenz zum Thema „Innovation für Patienten“ Anfang März in Amsterdam. Die Ministerin betonte, aus diesem Grund müsse man auch über die Bezahlbarkeit sprechen, wenn man über den Zugang zu Arzneimitteln diskutiere. Beide Aspekte zählten zu den Schwerpunkten der niederländischen EU-Ratspräsidentschaft in der ersten Jahreshälfte 2016.

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Die Experten und Vertreter nationaler Arzneimittelbehörden beschäftigten sich in Amsterdam zum einen mit der Frage, wie der Zugang von Patienten zu lebensnotwendigen Therapien beschleunigt werden kann. Denn während in Deutschland meist weniger als drei Monate zwischen Marktzulassung und Verfügbarkeit zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung vergehen, sind es andernorts neun Monate oder mehr. Die Niederländer schlagen vor, die Koordination und Kooperation zwischen den Bereichen Zulassung, Gesund­heits­technologie­folgen­abschätzung, Preisgestaltung und Kostenerstattung zu verbessern. Dazu sollten die Mitgliedstaaten Erfahrungen und Dokumentationen austauschen, erklärte Schippers.

Die andere große Frage, die die Konferenzteilnehmer beschäftigte, war die, wie man den steigenden Preisen entgegenwirken kann. Beispiel Deutschland: Hier werden die Krankenkassen nach Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des GKV-Spitzenverbandes 2016 mindestens 1,4 Milliarden Euro allein für die neuen, zugegebenermaßen hoch wirksamen, Hepatitis-C-Medikamente ausgeben müssen. Je nach Therapieregime entstehen für die Behandlung eines Patienten Kosten in Höhe von 60 000 bis 120 000 Euro. Unter den 46 Arzneiwirkstoffen, die 2014 auf den deutschen Markt kamen, waren dem Arzneiverordnungsreport 2015 zufolge acht mit einem Packungspreis von mehr als 10 000 Euro.

Angesichts des steigenden finanziellen Drucks auf die Gesundheitssysteme forderte Ministerin Schippers die Regierungen der EU und die Kostenträger auf, mehr Einfluss auf die Gestaltung der Arzneimittelpreise zu nehmen. In einer Vorlage für das niederländische Parlament spricht sie sich ebenfalls dafür aus, dass innovative Arzneimittel zu Preisen verfügbar sein müssen, die für das Gesundheitssystem tragbar sind, schreiben Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und KBV in ihrem Newsletter Europapolitik. Insbesondere sollten die Kosten in Relation zum Zusatznutzen stehen, so Schippers. Da die Marktmacht der Niederlande zu klein sei, um nennenswerten Einfluss auf Arzneimittelpreise nehmen zu können, will die Ministerin den EU-Ratsvorsitz nutzen, um die Mitgliedstaaten zu einer engeren Kooperation auf diesem Gebiet zu bewegen.

Die Niederlande gehen mit gutem Beispiel voran. Sie haben im vergangenen Jahr mit Belgien vereinbart, künftig bei Preisverhandlungen mit der Pharmaindustrie zusammenzuarbeiten, um ihre Verhandlungsposition zu stärken. Die Kooperation beschränkt sich jedoch zunächst auf Arzneimittel gegen seltene Erkrankungen. Auch Bulgarien und Rumänien haben einen besseren Austausch von Informationen über Preisverhandlungen vereinbart. Mit dem Zugang zu Arzneimitteln und der Preisgestaltung werden sich BÄK und KBV zufolge am 18. April auch die EU-Ge­sund­heits­mi­nis­ter beschäftigen.

Der EU-Parlamentarier Dr. med. Peter Liese begrüßte die Initiative der niederländischen Ratspräsidentschaft. Es sei ein wichtiges Anliegen, Patienten einen möglichst preiswerten und schnellen Zugang zu innovativen Arzneimitteln zu ermöglichen, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der konservativen EVP-Fraktion. Zugleich warnte er vor falschen Erwartungen. „Die Erstattungspolitik der Mitgliedstaaten kann und soll nicht harmonisiert werden“, betonte Liese.

Heike Korzilius

@Kurzinterview mit Peter Liese:
www.aerzteblatt.de/n66204

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