ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2016Online-Psychotherapie: Sinnvoll nur als Ergänzung

EDITORIAL

Online-Psychotherapie: Sinnvoll nur als Ergänzung

PP 15, Ausgabe April 2016, Seite 145

Bühring, Petra

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Online-Psychotherapie, Internet- und mobilbasierte psychotherapeutische Interventionen oder E-Mental-Health – die Begriffe sind vielfältig. Einig ist man sich weitestgehend, dass Online-Angebote kein Ersatz für einen persönlichen Kontakt sein können, also für eine „Face-to-face“-Psychotherapie. Wohl aber können Online-Angebote – als PC-Programm, App, Chat oder Videosprechstunde – eine vielversprechende Option zur Selbsthilfe, Frühintervention, Therapieunterstützung oder Nachsorge sein, zum Beispiel nach einem stationären Aufenthalt. Sie erreichen bestimmte Zielgruppen überhaupt erst: Menschen, die aus Scham keinen Therapeuten aufsuchen würden, die aufgrund gesundheitlicher Handicaps das Haus nicht verlassen können oder solche, die einfach die Selbsthilfe präferieren.

Studien haben gezeigt, dass je seltener der Therapeutenkontakt im Rahmen einer Online-Intervention ist, desto geringer die Wirksamkeit und desto höher die Abbrecherquote. Dies untermauert natürlich die vielfach nachgewiesene Erkenntnis, dass eine gute, vertrauensvolle Beziehung zum Psychotherapeuten zu den wichtigsten Wirkfaktoren für den Behandlungserfolg zählt.

Die Wirksamkeit von Online-Therapieangeboten ist nachgewiesen, zumindest bei Depressionen und Angststörungen. Es zeigen sich dabei vergleichbare Effektstärken zur Face-to-face-Psychotherapie. Die Wissenschaftlerinnen Christiane Eichenberg und Cornelia Küsel geben in diesem Heft einen profunden Überblick über die aktuellen internationalen Befunde zur Wirksamkeit (Seite 176). Sie weisen allerdings auch darauf hin, dass wenig über die dem Behandlungsergebnis zugrunde liegenden Wirkmechanismen bekannt ist und fordern daher noch mehr Forschung hierzu.

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Ein Psychotherapeut im Hintergrund einer Online-Intervention ist wichtig, weil die Musterberufsordnung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer eine reine Fernbehandlung ausschließt – wenngleich Ausnahmefälle vorgesehen sind, zum Beispiel in Modellprojekten. Es gibt zudem Risiken von unüberwachten Online-Anwendungen: Oftmals erhält man nach wenigen Fragen bereits eine psychiatrische Diagnose, die zu einer dysfunktionalen Selbststigmatisierung oder im schlimmsten Fall zu gefährlichen Selbstbehandlungen führen kann. Da es bislang keine einheitliche Qualitätssicherung gibt, haben Experten auch Bedenken zur Qualität vieler Angebote. Als problematisch wird zudem die Kommerzialisierung des Marktes gesehen, die in Ländern wie Australien, England, den Niederlanden oder Schweden zu beobachten ist, in denen E-Mental-Health deutlich weiter fortgeschritten ist.

Der Implementierung von Online-Psychotherapie in die Regelversorgung stehen zurzeit noch datenschutz- und berufsrechtliche Hürden entgegen. Und doch beginnen Krankenkassen zunehmend mit Angeboten zu werben: zum Beispiel die DAK mit dem Therapieprogramm „Deprexis“ oder die AOK Nordost mit einer Online-Videosprechstunde. Die Kassen erklären, dass der Kontakt zum „echten“ Therapeuten dabei immer vorhanden ist. Sie betonen aber auch, dass sie aus einem dringenden Handlungsbedarf heraus handeln, weil die Wartezeiten auf einen Therapieplatz so lang sind. Die Gefahr einer schleichenden Unterwanderung mit Online-Psychotherapie mit dem Ziel Therapeuten zu ersetzen, sollte deshalb unbedingt im Auge behalten werden.

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psydix
am Mittwoch, 14. Juni 2017, 06:42

Eine sinnvolle Ergänzung zur Psychotherapie: Online-Psychologische Testverfahren

Anstatt Patienten in der Praxis psychologische Tests ausfüllen zu lassen, können sie mit https://psydix.org online vorab oder nach einer Therapiesitzung beantwortet werden. Der Therapeuten erhält eine automatische PDF-Auswertung. Datenschutzrechtlich ist die Lösung unproblematisch, da keine Patientendaten gespeichert werden. Besonders beliebt ist die Lösung zum Screening in der Sprechstunde, zur Verlaufsmessung und zur Qualitätssicherung.

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