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Digitalisierung: Der Nächste bitte – Dr. Apple

Dtsch Arztebl 2016; 113(15): A-689 / B-581 / C-573

Beerheide, Rebecca

Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion
Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion

Am Arzt-Patienten-Gespräch nimmt seit Jahren immer öfter ein Dritter teil: Nach Dr. Google bringt der Patient nun Dr. Apple mit. Der ist ein praktischer täglicher Begleiter in der Hosentasche, der die Bewegungs- und Gesundheitsdaten des Smartphone-Besitzers sekündlich aufzeichnet. Zunächst gaben Patienten nur ihre Symptome in die Suchmaske bei Google ein und waren sich sicher, welche Diagnose der Arzt zu stellen hat. Nun sind es Apps, die behaupten, aus den Daten der Patienten die richtigen Schlüsse ziehen zu können, die dann nur noch vom Mediziner bestätigt werden müssten.

Doch sagt diese Datenanalyse mehr über den Patienten aus, als das Bild, dass sich ein Arzt mit Erfahrung in der Sprechstunde machen kann? Werden Ärzte sich künftig mit den mathematischen Algorithmen dieser Apps beschäftigen müssen, um zu verstehen, was ein Patient mit Hilfe von Dr. Apple bei sich gemessen hat? Welchen Stellenwert behält dabei die ärztliche Erfahrung in der Versorgung von Patienten?

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Wer ein Smartphone der neusten Generation hat, wird feststellen, dass die mitgelieferte Health-App sich kaum zum Schweigen bringen lässt. Ungewollt werden Bewegungsdaten aufgezeichnet und in Grafiken ausgegeben. Wer den Datenservice nutzen will, wundert sich über die Aktivitäten, denen man angeblich nachgegangen ist. Denn der Realität entspricht das oft nicht.

Die Daten aus den Apps können trügerisch sein. Daher ist es jetzt höchste Zeit, dass Mediziner und Informatiker sich an einen Tisch setzen und gemeinsam Projekte entwickeln. In den USA – Heimatland der Smartphones und der Entwicklung von Apps für jede Lebenslage – gründen sich rund um die wichtigen Medizinfakultäten Start-Ups mit neuen Ideen. Ärzte und Informatiker arbeiten Hand in Hand an neuen Apps, gründen Firmen, die möglicherweise irgendwann zu schwindelerregenden Preisen weiterverkauft werden.

Eine ähnliche Entwicklung ist in Deutschland kaum festzustellen – nur selten entstehen im Umfeld der 37 Medizinfakultäten Start-Ups, schon gar nicht solche, die an spannenden Medizin-Apps arbeiten. Dabei gibt es die kreativen und die wissenschaftlichen Köpfe – man muss sie finden, zusammenführen und unterstützen. Löblich ist daher, dass beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin auf ihrem Kongress angekündigt hat, sich an der technischen Revolution beteiligen zu wollen – sei es bei Anwendungen für den ärztlichen Berufsalltag oder auch für Patienten. Doch dafür braucht es Engagement von Forschern auf beiden Seiten – Mediziner wie Programmierer.

Noch aber steht man mit leeren Händen da. Die (berufs-)politische Diskussion kreist, neben Fragen der Finanzierung, nur um Datenschutz, Fernbehandlungsverbot, Haftungsrecht – alles Themen, mit denen sich die IT-Fachverbände, aber auch Start-Up-Gründer kaum beschäftigen mögen. Viel zu verheißungsvoll ist die neue Welt. Regelungen eines Berufsstandes, Zertifizierungs-Prozesse für Medizinprodukte und Haftungsrecht stören da nur. Geschätzt wird die punktuelle Konzentration auf ein Projekt – bis das nächste kommt.

Genau deshalb ist es wichtig, jetzt in dieser Diskussion ärztlichen Sachverstand einzubringen und damit die Entwicklung langfristig auf eine neue Qualitätsstufe zu heben. Nur so kann auch medizinisch Sinnvolles entwickelt werden, das der Versorgung, dem Arzt und dem Patienten nutzt.

Rebecca Beerheide
Ressortleiterin Politische Redaktion

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    dr.med.thomas.g.schaetzler
    am Mittwoch, 22. Juni 2016, 11:21

    Quellenangabe Bertelsmann-Studie

    https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/gesundheitsmonitor-nr-22016-informierte-patienten-und-unzureichend-vorbereitete-aerzte/
    dr.med.thomas.g.schaetzler
    am Mittwoch, 22. Juni 2016, 11:11

    Digitalisierung, aber ohne Bertelsmann!

    Richtig, die Patienten-Arzt-Patienten Kommunikation muss mit E-Health-Allokationen verbessert werden!

    Die Bertelsmann Stiftung betreibt dazu jedoch anlässlich ihrer 2. Gesundheitsmonitor-2016-Studie erneut undifferenziertes Ärzte-“Bashing”. Die Autorin der Monitor-Studie, Anja Bittner, kann ihre lnterpretation von “genervten Ärztinnen und Ärzten” nicht ansatzweise belegen. Sie hat niemals in eigener Praxis als Vertragsärztin gearbeitet und keinen Forschungsschwerpunkt über bio-psycho-soziale Erkenntnisse zu Arzt-Patienten-Interaktionen entwickelt.

    „Hat sich die Medizin für den mündigen Patienten geöffnet?”, fragt die Autorin der Monitor-Studie, Anja Bittner selbst. Ihre Antwort lautet schon im Ansatz völlig schief: “Nein, jedenfalls dann nicht, wenn der Patient seine Informationen aus dem Internet hat. So gab zwar ein Viertel der niedergelassenen Ärzte an, dass sich rund 30% ihrer täglichen Patientinnen und Patienten über das Internet vorinformiert haben. Die 4 häufigsten Themen, über die sich die Patienten informierten, sind laut Umfrage die Therapien, die Symptome, die Behandlungen allgemein und die Kassenleistungen.”

    Denn professionell interagierende niedergelassene Ärzte stellen zunächst offene Fragen wie “Was führt sie zu mir?” Oder “Was kann ich für sie tun?”. Und es geht von der Vorgeschichte (Anamnese) zunächst zu den Krankheits-B e s c h w e r d e n! Danach erst zu den medizinischen Symptomen und der klinischen Untersuchung. Die Patienten informierten sich am häufigsten “laut Umfrage (über) die Therapien, die Symptome, die Behandlungen allgemein und die Kassenleistungen”, noch b e v o r sie sich über ihre eigene Krankheits-Vorgeschichte und die zu schildernden Beschwerden im Klaren geworden sind.

    Das ist der entscheidende Grund für Kommunikations-Schieflagen in der Arztpraxis. Die angemessene Detektion von Syndromen, eine zielgerichtete apparativ-technische und labor-chemische Diagnostik, Differenzialdiagnostik, Arbeitsdiagnosen, pathophysiologisch begründete Krankheits-Hypothesen usw. brauchen das vorherige Gespräch mit dem Arzt und Patienten bzw. die Abklärung, worum es eigentlich geht.

    “Dr. Google”, "Dr. Apple" bzw. das gesamte Internet kennen solche qualitätsgesicherten, professionellen Vorgehensweisen nicht: Nahezu alle physiologischen Lebensweisen, normales und abweichendes Verhalten, Varianten der Natur werden unmittelbar pathologisiert, dämonisiert, diskriminiert und mit zwingendem Alarmismus belegt. Der medizinisch-ärztliche Sachverstand bleibt außen vor.

    Sogar unter
    http://www.patienten-information.de/kurzinformationen/seltene-erkrankungen/marfan-syndrom
    der BÄK und KBV, welche niedergelassene Ärztinnen und Ärzte angeblich kaum kennen, finden sich fragwürdig-falsche Informationen: Auf Seite eins wird das extrem seltene Marfan-Syndrom aufgeführt. Ich selbst habe 2 Patientinnen in meiner Praxis bei 20.000 bisher Behandelten.

    Unter
    http://www.patienten-information.de
    Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) -Im Auftrag von: Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und Bundesärztekammer (BÄK) findet sich folgender Text:

    “DIE ERKRANKUNG – Das Marfan-Syndrom ist eine erblich bedingte Erkrankung. Durch einen genetischen Fehler wird das Bindegewebe nicht normal gebildet. Bindegewebe kommt fast überall im Körper vor. Betroffen sind daher viele verschiedene Organe und Körperstrukturen, wie Knochen und Gelenke, Augen oder Herz und Blutgefäße. Nach Schätzungen sind etwa 1 bis 2 von 10000 Menschen am Marfan-Syndrom erkrankt. Die Krankheit wird unabhängig vom Geschlecht vererbt. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen. Ist ein Elternteil erkrankt, besteht eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, dass auch das Kind erkrankt. Bei etwa jedem Vierten wird die Krankheit nicht vererbt, sondern die Erbinformation hat sich zufällig verändert. Das Marfan-Syndrom tritt dann in dieser Familie neu auf.”

    Bei Erkrankung eines Elternteils beträgt nach der Mendel’schen Vererbungslehre die Wahrscheinlichkeit nur 25 Prozent und n i c h t 50 Prozent wie angegeben, dass ein Kind daran ebenfalls erkrankt. Der weitere Erklärungstext ist auch gar nicht an Vorgeschichte und Patienten-Beschwerden interessiert, sondern steigt sofort auf weiterführende Diagnostik, Verlauf und Therapie bzw. Sterblichkeits-Drohkulisse ein. Symptombeschreibungen sind verwechslungsanfällig für Anorexie, Kollagenosen und VACTERL-Syndrom. Es wird so getan, als könne jeder mit verstärkter Gelenk-Beweglichkeit diese hochspezifische Erkrankung haben.

    Es ist vorsätzliche Irreführung in der Bertelsmann-Studie: Immerhin “47% der befragten Ärztinnen und Ärzte sehen in den (vor-)informierten Patienten eine Chance für eine positive Veränderung des Arzt-Patienten-Geschehens. 98% der Ärzte erklären (zwar), dass sich der Trend zur Selbstrecherche medizinischer Fragen in den vergangenen 5 Jahren verstärkt habe…nur 40% freuen sich über das Interesse der Patienten”.

    Das bedeutet doch eher einen p o s i t i v e n Trend, wenn immerhin 40 Prozent der Ärzte Interesse und nur noch 60 Prozent Vorbehalte haben!

    Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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