ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2016Ärztestatistik: Weiter steigender Bedarf

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Ärztestatistik: Weiter steigender Bedarf

Dtsch Arztebl 2016; 113(15): A-704 / B-596 / C-586

Gerst, Thomas

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Anhaltende Trends in der Medizin: Die Ärzteschaft wird im Durchschnitt älter, der Anteil der Frauen wächst, Teilzeitarbeit oder die Anstellung in der ambulanten Versorgung wird immer beliebter.

Abbildung: iStockphoto
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Welche andere Berufsgruppe kann das schon von sich behaupten? Auf dem Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte herrscht bei einer Arbeitslosenquote von einem Prozent Vollbeschäftigung. Eigentlich eine sehr gute Nachricht für Angehörige dieser Berufsgruppe, wenn sie nicht gleichzeitig den zunehmenden Versorgungsbedarf einer älter werdenden Bevölkerung mit in den Blick fassen müssten. Prognosen sagen immer mehr ambulante Behandlungsfälle und zunehmende Fallzahlen im stationären Bereich voraus. Doch bereits heute können häufig ärztliche Stellen aus Mangel an Bewerbern nicht mehr besetzt werden.

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Die Zahl der bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern gemeldeten ärztlich tätigen Mediziner steigt seit Jahren kontinuierlich an. Auch auch im Jahr 2015 war dieser Trend nach der aktuellen Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) mit 1,7 Prozent auf 371 302 zu verzeichnen (Gesamtzahl aller gemeldeten Ärztinnen und Ärzte: 485 818). Dies bedeutet aber nicht, dass die ärztliche Arbeitsleistung im gleichen Umfang zunimmt. Der seit Jahren bestehende Trend zur Teilzeittätigkeit sorgt etwa im vertragsärztlichen Bereich dafür, dass sich die Gesamtzahl der teilnehmenden Ärzte (144 769) und Psychologischen Psychotherapeuten (22  547) im Jahr 2015 um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 167 316 erhöht hat, die Anzahl der geleisteten Arztstunden aber lediglich um 0,2 Prozent gestiegen ist. Dies zeigen die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) aktuell vorgelegten Gesundheitsdaten. Die Bundes­ärzte­kammer verweist auf Studien, nach denen sich die durchschnittliche ärztliche Wochenarbeitszeit sowohl in Praxen als auch in Krankenhäusern deutlich verringert hat.

„Die Zahl der Ärzte steigt, aber der Bedarf steigt schneller“, fasst BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery die Ergebnisse der Ärztestatistik zusammen. Er fordert ein entschiedenes Gegensteuern, um die medizinischen Versorgungsprobleme in Zukunft bewältigen zu können. So regt Montgomery an, die Zahl der Studienplätze in der Medizin um mindestens zehn Prozent zu erhöhen. „Noch im Jahr 1990 gab es in den alten Bundesländern 12 000 Plätze im Studiengang Humanmedizin. Heute sind es gerade noch 10 000, obwohl durch die Wiedervereinigung acht medizinische Fakultäten hinzugekommen sind“, sagt der BÄK-Präsident. Gleichzeitig plädiert er dafür, das Auswahlverfahren an den Universitäten so zu reformieren, dass eher die Medizinkandidaten zum Zuge kommen, die später tatsächlich in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung arbeiten wollen.

Die aktuelle Ärztestatistik zeigt darüber hinaus eine Verstetigung von Trends der vergangenen Jahre:

  • Die Zahl der angestellten Vertragsärzte und -psychotherapeuten nimmt 2015 weiter deutlich zu, und zwar um 10,6 Prozent auf 27 174, darunter 1 083 Psychologische Psychotherapeuten. Die KBV weist in ihrer Auswertung darauf hin, dass sich die Zahl der angestellten Ärzte seit dem Jahr 2005 nahezu verzehnfacht habe (Grafik).
  • Der Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte ist im Jahr 2015 weiter angestiegen und liegt mittlerweile bei 46,0 Prozent (zum Vergleich: 1991 waren es noch 33,6 Prozent). Inzwischen beträgt der Anteil der Ärztinnen an den Erstanmeldungen bei den Ärztekammern 54,5 Prozent; berücksichtigt man nur die deutschen Ärztinnen und Ärzte, liegt dieser Wert bei 58,3 Prozent.
Die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Versorgung steigt seit Jahren stark an.
Grafik
Die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Versorgung steigt seit Jahren stark an.

Auch im niedergelassenen Bereich sind die Frauen auf dem Vormarsch. Ihr Anteil ist dort bis Ende 2015 auf 44,1 Prozent gestiegen, wobei berücksichtigt werden muss, dass der Frauenanteil bei den Psychologischen Psychotherapeut/inn/en, der in diese Statistik mit eingeflossen ist, mit mehr als 70 Prozent sehr hoch ist. Bei den ärztlichen Niederlassungen sind die Frauen bei den Hautärzt/inn/en und Kinderärzt/inn/en knapp, bei den Frauenärzt/inn/en und ärztlichen Psychotherapeut/inn/en bereits sehr deutlich in der Überzahl. In der Chirurgie, Orthopädie und Urologie liegt ihr Anteil dagegen noch bei knapp über zehn Prozent.

  • Weiterhin ist die Zuwanderung ausländischer Ärztinnen und Ärzte nach Deutschland sehr hoch – deutliches Indiz dafür, dass der Bedarf insbesondere an den Krankenhäusern mit dem Nachwuchs aus Deutschland allein nicht gedeckt werden kann. Der Anteil der Ausländer an den Erstmeldungen bei den Ärztekammern betrug im vergangenen Jahr 31,1 Prozent (Tabelle). Die Gesamtzahl der in Deutschland gemeldeten Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland liegt bei 42 604, das sind 2 943 mehr (7,4 Prozent) als in dem Jahr davor.
Erst- und Ummeldungen von Ärztinnen und Ärzten bei den Ärztekammern im Jahr 2015
Tabelle
Erst- und Ummeldungen von Ärztinnen und Ärzten bei den Ärztekammern im Jahr 2015

Ärzte aus Rumänien (4 062), Griechenland (3 017), Österreich (2 573) und Syrien (2 149) stellen derzeit die größten Anteile ausländischer Ärzte in Deutschland. Die meisten Ärzte kamen im Jahr 2015 aus Syrien (493), gefolgt von Ärzten aus Serbien (206) und Rumänien (205).

  • Die Zahl der niedergelassenen Hausärzte ist weiterhin leicht rückläufig. Von 2009 bis 2015 war hier ein Rückgang um 2,2 Prozent (1 170) von 52 935 auf 51 765 zu verzeichnen, wohingegen die Zahl der Psychotherapeuten in der vertragsärztlichen Versorgung seit 2009 kontinuierlich von 20 561 auf 23 410 (+13,9 Prozent) zunahm. Alle anderen Fachgruppen blieben über diesen Zeitraum hinweg relativ stabil.
  • Auch bei der Altersstruktur setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort. Die Alterskohorte der 50- bis 59-Jährigen umfasst 16 627 mehr Ärztinnen und Ärzte als die der 40- bis 49-Jährigen, so dass in wenigen Jahren eine Verschärfung der Mangelsituation zu erwarten ist. Das Durchschnittsalter der Niedergelassenen beträgt mittlerweile 53,8 Jahre, es hat sich innerhalb von sechs Jahren um rund zwei Jahre erhöht. Im hausärztlichen Bereich, wo es regional bereits Versorgungsprobleme gibt, liegt das Durchschnittsalter bei 54,9 Jahren, was nur noch von den ärztlichen Psychotherapeuten mit 57,5 Jahren übertroffen wird.

Thomas Gerst

@Weitere Daten zur Ärztestatistik von BÄK und KBV im Internet:
www.aerzteblatt.de/16704 oder über QR-Code

Die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Versorgung steigt seit Jahren stark an.
Grafik
Die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Versorgung steigt seit Jahren stark an.
Erst- und Ummeldungen von Ärztinnen und Ärzten bei den Ärztekammern im Jahr 2015
Tabelle
Erst- und Ummeldungen von Ärztinnen und Ärzten bei den Ärztekammern im Jahr 2015

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