SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Camille Bombois (1883–1970) – Göttinnen der Fruchtbarkeit

Dtsch Arztebl 2016; 113(15): [64]

Schuchart, Sabine

Er gehört zu den ungewöhnlichsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Eine akademische Ausbildung erhielt Camille Bombois nie. Als jüngstes von sieben Kindern wuchs er auf einem Schleppkahn in Frankreich auf. Mit zwölf Jahren arbeitete er als Hütejunge auf einem Bauernhof, mit Anfang 20 als Ringkämpfer auf Jahrmärkten, danach als Bauarbeiter der Metro in Paris. Dort findet er zu seiner eigentlichen Berufung, der Malerei. Nachts schleppt er in einer Druckerei Papierrollen, um tagsüber die Meister im Louvre zu studieren und selbst zu malen. Bei kleineren Ausstellungen auf dem „Schinkenmarkt“ von Montmartre wurden bereits früh Kunstkritiker auf ihn aufmerksam, aber für den eigentlichen Durchbruch sorgte der in Paris lebende deutsche Kunsthändler Wilhelm Uhde, der schon Picasso und Braque mitentdeckt hatte. Er war so fasziniert von Bombois’ Bildern, dass er von ihm alle Werke, die er finden konnte, aufkaufte und ihn zusammen mit weiteren autodidaktischen Künstlern ausstellte. Die Fünf gelten heute als die Klassiker der französischen „Naive“.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war diese Stilrichtung sehr anerkannt und Inspirationsquelle der Avantgardekünstler. Große Museen wie der Louvre und das MoMA in New York erwarben Bombois’ Bilder, 1955 war er auf der 1. Documenta in Kassel vertreten. Dass er in den Folgejahren in Deutschland weitgehend in Vergessenheit geriet, geht auf die damals einsetzende Geringschätzung naiver Kunst zurück, die etablierte Kunstkreise mit Sonntagsmalerei gleichsetzten. Gegen diesen Trend hat Charlotte Zander in Deutschland eine einzigartige Sammlung von Art naive und Art brut zusammengetragen, die heute als weltweit bedeutendste ihrer Art gilt. Etwa 200 der insgesamt 4 000 Werke zeigt eine Ausstellung in Schloss Bönnigheim, die die Direktorin des Fridericianums in Kassel, Susanne Pfeffer, zusammengestellt hat.

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Bombois ist darunter mit mehreren Aktbildern und Landschaften vertreten. Mit großer Sensibilität und Ausdruckskraft malte er auch Porträts und immer wieder Zirkusszenen. Dabei bewahrte sich der tatkräftige, den Genüssen des Lebens zugeneigte Körpermensch die Gabe, seine Umwelt mit den staunenden Augen eines Kindes wahrzunehmen. Seine Frauen sind, wie der Galerist Henri Bing-Bodmer formulierte, Symbole des „ewig Weiblichen“: „Göttinnen des Lebens und der Fruchtbarkeit“. Sabine Schuchart

Ausstellung

„27 Künstler, 209 Werke“

Sammlung Zander, Schloss Bönnigheim, Hauptstr. 15, 74357 Bönnigheim; Do.–So. 11–17 Uhr; www.sammlung-zander.de

bis 28. August 2016

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