ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2016Interview mit Prof. Dr. med. Gabriele Schackert, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH): Chirurgie „im Spannungsfeld von Technik, Ethik und Ökonomie“

MEDIZINREPORT

Interview mit Prof. Dr. med. Gabriele Schackert, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH): Chirurgie „im Spannungsfeld von Technik, Ethik und Ökonomie“

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Foto: Universitätsklinikum Carl Gustav Carus

Was hat Sie veranlasst, den Fokus des Chirurgenkongresses auf Technik, Ethik und Ökonomie zu legen?

Schackert: Mir war es wichtig, die Begriffe eindeutig anzusprechen. Denn in den letzten 10 bis 15 Jahren hat sich auch für die Chirurgie gesundheitspolitisch vieles verändert. Dazu zwei zentrale Beispiele: Das DRG-System zwingt zu Verkürzungen der Liegezeiten, auch bei schwierigsten Eingriffen. Und als Folge des veränderten Arbeitszeitgesetzes werden die Patienten mit ständig wechselnden Ärzten konfrontiert.

Dies führt häufig zu Informationsverlusten. Zudem unterminiert das strikte Arbeitszeitgesetz die Motivation der Ärzte, die im Sinne der Kontinuität bereit wären, länger zu arbeiten. Es bedarf schon einer ausgefeilten Organisation, immer ausreichend kompetentes Personal vor Ort zu haben. Manchmal ist man auch gezwungen, Stationen zeitweise zu schließen.

Der Trend zu minimal invasiver und Roboter-assistierter Chirurgie verändert die Ansprüche an das Können des Operateurs. Beginnt eine neue Ära?

Schackert: Wir werden abwarten müssen, ob diese Techniken tatsächlich zum Standard werden, ob sie das Können und die Fähigkeiten der Operateure übertreffen und auch ob die Eingriffe dadurch sicherer werden. Vieles muss sich erst bewähren. Es bleibt abzuwarten, was sich durchsetzt.

Durch interventionelle Eingriffe therapieren Internisten und Radiologen inzwischen Erkrankungen, die der Chirurgie vorbehalten waren. Verlieren Sie Kerngebiete ihres Schaffens?

Schackert: Das ist eine Frage, mit der ich mich ganz besonders auseinandersetze. Denn der Begriff Chirurgie kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt: Handarbeit. Auch die Interventionen sind manuelle Handlungen. Es ist daher aus chirurgischer Sicht nicht zu verstehen, dass dieses Gebiet von den konservativen Fächern übernommen wird. Wir müssen diese Techniken aufnehmen, das wird ein Teil unserer Zukunft sein. Hier muss sich das Bewusstsein der Chirurgen ändern.

Hat sich die Arzt-Patienten-Interaktion durch Patientenaufklärung, Patientenverfügung, Share-Decision-Making für den Chirurgen stark verändert?

Schackert: Die Interaktion mit dem Patienten hat Priorität, aber dafür benötigen wir mehr Zeit. Derzeit sind wir Getriebene. Immer mehr Leistungen sollen pro Zeiteinheit erbracht werden. Das geht zulasten der Patienten. Dabei ist das Gespräch mit dem Kranken, um seinen Willen zu erfahren und ihn über den Eingriff aufzuklären, für unser Handeln essenziell.

Manchmal hört man beispielsweise im Gespräch heraus, dass der Patient gar nicht mehr operiert werden möchte. Oder er hat so viel Angst vor dem Einriff, dass er es vorzieht, strahlentherapeutisch oder internistisch behandelt zu werden.

Ich wehre mich auch dagegen, dass man heute von einem Kunden statt von einem Patienten spricht. Ein Arzt-Patienten-Verhältnis beruht auf Vertrauen, und das ist grundlegend für eine Behandlung. Ein Kunden-Unternehmens-Verhältnis hat eine andere Erwartung, nämlich: „Für mein Geld will ich ein optimales Produkt erhalten.“

Sind die chirurgischen Abteilungen inzwischen Profitcenter für die Kliniken?

Schackert: Ja, die chirurgischen Kliniken sind in der Regel die Geldbringer in einem Klinikum. Deshalb entscheiden Krankenhausverwaltungen, neue chirurgische Abteilungen zu eröffnen, die überhaupt nicht benötigt werden. Der lokale politische Wille unterstützt solche Maßnahmen  . . . und die Krankenkassen bezahlen. Ich empfinde das als höchst fragwürdig, denn es widerspricht dem, was vom Bundesgesundheitsministerium durch die neuen Gesetze angestrebt wird – eine Konzentrierung von Leistungen in Zentren, eine Abschaffung von Überversorgungen und eine Qualitätsoptimierung für den Patienten.

Kommerzielle und lokalpolitische Überlegungen überwiegen somit?

Schackert: Ja, wir reden von Mindestmengen und dezentralisieren die Eingriffe dann wieder – alles nur aus kommerziellen und lokalpolitischen Überlegungen. Wir schaffen neue Konkurrenzsituationen, die unnötig sind. Denn jeder will überleben und versucht, seinen Standort zu stützen. Aber woher sollen die Patienten kommen?

Bedeutet das, dass unter dem ökonomischen Druck Indikationen zur Operation ausgeweitet werden?

Schackert: Das kann und darf nicht sein. Wenn wir im Gesundheitswesen wieder auf eine gesunde Basis kommen wollen und auch die neuesten Errungenschaften allen Patienten anbieten wollen, dann müssen wir Ressourcen gemeinsam nutzen. Das bedeutet zentralisieren und nicht dezentralisieren. Dies trifft vor allem für chirurgische Spezialgebiete zu.

In Deutschland haben wir mit 2 000 Einrichtungen die größte Krankenhausdichte in Europa. Viele Häuser sind von einer Schließung bedroht . . .

Schackert: Ja, fast 50 % haben defizitäre Jahresabschlüsse, dadurch wird sich die Krankenhauslandschaft verändern. Wir sehen, dass finanziell kritische Krankenhäuser von Konzernen aufgekauft, restrukturiert und schließlich zu Gewinn geführt werden. Aber durch welche Maßnahmen? Ein wesentlicher Punkt ist die Einsparung von Personal. Das Personal wird reduziert, gleichzeitig ist eine Leistungssteigerung gewünscht. Wie soll das gehen? Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Der Krankenstand steigt – die Mitarbeiter im ärztlichen und im Pflegebereich halten den Druck nicht mehr aus.

Die Medizin wird „weiblicher“. Haben sich Ausbildung und Karriereentwicklung für Chirurginnen verbessert? Was ist noch zu tun?

Schackert: Das ist eine schwierige Frage. In der Zeit, als ich mit meiner Facharztausbildung für Neurochirurgie begonnen habe, war das überhaupt kein Thema. Meine Einstellung war immer, wenn ich den gestellten Anforderungen gerecht werden will, muss ich genau das leisten, was Männer auch tun. Also, keine Sondervergünstigungen in Anspruch nehmen, sondern meinen Dienst mache, genauso wie ein männlicher Kollege. Es war für mich Privatsache, meine Familie zu versorgen und für die Kinder da zu sein. Ich hätte niemals erwartet, dass man auf mich in irgendeiner Form Rücksicht nehmen muss.

Heute ist das offensichtlich anders . . .

Schackert: . . . ja, durch die Entwicklung und Ansichten der Generation Y hat sich sehr viel geändert. Ich sehe heute kaum noch einen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Männer wollen heute genauso Elternzeit machen wie Frauen. Und wir haben das Arbeitszeitgesetz. Dadurch gehen Männer genauso früh wie die Frauen nach Hause. Man(n) legt Wert auf eine Work-Live-Balance. Das heißt, für mich hat sich das Arbeits- und Familienleben von Frau und Mann weitestgehend angeglichen. Denn beide beanspruchen ja, auf beiden Gebieten ihre Erfüllung zu finden. Auch im Bewusstsein der Arbeitgeber ist diese Einsicht langsam angekommen.

Haben Frauen bei der Suche nach einer chirurgischen Stelle denn inzwischen die gleichen Chancen?

Schackert: Ja, ich habe den Eindruck, die Widerstände sind weitestgehend weggefallen. Eine gute Mischung von Männern und Frauen in einer chirurgischen Abteilung trägt übrigens zu einem besseren Miteinander und zu einem besseren Umgangston bei. All diese Dinge haben sich in den letzten Jahren sehr gut und harmonisch entwickelt.

Ich bin zudem absolut davon überzeugt, dass eine Frau eine chirurgische Tätigkeit genauso ausüben kann wie ein Mann. Von der Fingerfertigkeit, dem handwerklichen Geschick gibt es für mich keine Fragen. Ob sie es möchte, die Ausdauer hat und diesem Stress gerecht werden möchte, das muss jede Frau – und natürlich auch jeder Mann – für sich selbst entscheiden.

Aber kommen Frauen auch in die – ihnen zustehenden – Leitungspositionen?

Schackert: Nun, das ist heute immer wieder die Frage. Allerdings ist es häufig auch die Entscheidung der Frau, das Familienleben als vorrangig zu betrachten oder bewusst auf eine Leitungsfunktion zu verzichten. Heute diskutieren wir über eine Quotenregelung – in manchen Bereichen haben wir sie ja schon – , die ich mit gemischten Gefühlen sehe. Aber – es ist schon viel passiert und so werden wir sicherlich in absehbarer Zeit auch auf der Leitungsebene eine recht ausgewogene Verteilung zwischen Männern und Frauen beobachten können.

Das Interview führte
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Zur Person

Prof. Dr. med. Gabriele Schackert ist seit 1993 Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie an der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden. Von 1984 bis 1993 arbeitete sie als Oberärztin in Heidelberg, unterbrochen von zwei Forschungsjahren am MD Anderson Hospital and Cancer Center in Houston, Texas, USA.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote