ArchivDeutsches Ärzteblatt23/1999Sport und Schmerz: Eine (un-)heilvolle Beziehung

POLITIK: Medizinreport

Sport und Schmerz: Eine (un-)heilvolle Beziehung

Dtsch Arztebl 1999; 96(23): A-1553 / B-1317 / C-1181

Hoc, Siegfried

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LNSLNS Sport kann Schmerzen lindern, aber auch auslösen oder verstärken. 80 Prozent aller chronischen Schmerzen sind in irgendeiner Form mit dem Bewegungsapparat verbunden.


Schmerz und Sport stehen in einer doppelten Beziehung zueinander: Durch sportliche Aktivitäten kann Schmerz induziert oder verstärkt werden, Sport kann jedoch auch Schmerz reduzieren. Den meisten Schmerzpatienten ist durchaus bekannt, daß eine sinnvolle sportliche Betätigung und daß Bewegungsübungen die Beschwerden lindern können und die subjektiv empfundene Lebensqualität anheben. Dieses Wissen reicht aber in den meisten Fällen nicht aus, um zu entsprechender körperlicher Aktivität zu motivieren, wie Diplom-Psychologin Cora Besser-Siegmund (Hamburg) auf dem 10. Deutschen interdisziplinären Schmerzkongreß in Frankfurt berichtete.
Die Patienten seien häufig aufgrund von Jugenderlebnissen blockiert, beispielsweise weil von den Sportlehrern bis zur "Schmerzgrenze" trainiert oder man wegen sportlichen Versagens ausgelacht wurde. Neben der Motivation zur sportlichen Aktivität ist die Adaptionsfähigkeit des Körpers eine wichtige Voraussetzung für eine positive Einstellung zum Sport. Nur wenn die körperliche Belastung gut bewältigt werden kann, macht Sport auch Spaß, erinnerte Prof. Gernot Badtke (Potsdam). Die Grenzen der aktuellen Belastbarkeit sind dann erreicht, wenn der gesamte Organismus, oder Teile davon, das aktuelle Adaptionspotential erreicht oder überschritten hat. In dieser Situation werden Schutzmechanismen wirksam. Die ersten sind Schmerzsignale. Auf sie reagiert zunächst die Muskulatur. Besonders geachtet werden muß auf sportliche Belastbarkeit von Kindern und Jugendlichen, so Badtke. Zwar ist der Körper junger Menschen in hohem Maße anpassungsfähig, jedoch wird im wachsenden Organismus ein großer Anteil des Adaptionspotentials durch Wachstums- und Entwicklungsprozesse in Anspruch genommen. Bei sportlichem Training von Kindern und Jugendlichen sollte dieser Umstand berücksichtigt werden.
Fehl- und Überbelastungen der Gelenke und der Muskulatur sind die Ursache der meisten Verletzungen im Sport. Sie lassen sich vermeiden, wenn beim Training die Grenzen der individuellen Adaptionsfähigkeit eingehalten werden. Ist dennoch eine Sportverletzung im Sinne eines Fehlbelastungsschadens eingetreten, könne eine Behandlung mit lokal wirksamen Kortikosteroiden eine schnelle Besserung bewirken, erinnerte Dr. Martin Engelhardt (Frankfurt).
In der Praxis kommen fixe Kombination aus Kortikoidkristallen und einem Lokalanästhetikum (wie Supertendin®Depot) zum Einsatz. Spätestens ein bis zwei Tage nach Injektion setzt ein Abklingen der Entzündungs-Symptome ein. Zum Beispiel reduziert die posttraumatische Injektion des lokalen KortikoidPräparates in das Kniegelenk die Schwellung und das Streckdefizit und verbessert die neuromuskuläre Aktivierung der Oberschenkel-Streckmuskulatur und die Kniebeugefähigkeit.
Intraartikuläre Injektion Durch die Reduktion von Schmerzen und Entzündungszeichen wird die Rehabilitation des Sportlers beschleunigt. Während bei Kniegelenksdistorsion eine intraartikuläre Injektion von Kortikosteroiden angezeigt ist, stellen Fehlbelastungsfolgen wie Insertionstendopathie der Schulter oder Epicondylopathie des Ellenbogens eine Indikation zur periartikulären Infiltration dar. Eine intraartikuläre Injektion in das Kniegelenk sollte nicht am sitzenden, sondern am liegenden und entspannten Patienten durchgeführt werden. Nur dann sind Knorpelschädigungen auszuschließen. Bei der Injektion muß die Patella parallel zur Liegefläche ausgerichtet sein. Das Kniegelenk sollte unterlegt gelagert werden, um eine Außenrotation zu verhindern. Dann wird mit dem Daumen die Patella ertastet, der Einstich wird unterhalb des Daumens von lateral gesetzt. Die Nadel wird bis zum Kapselwiderstand vorgeschoben und die Kapsel mit einem Ruck durchstoßen. Danach kann problemlos injiziert werden.
Als das häufigste schmerzhafte Engpaßsyndrom peripherer Nerven bezeichnete Dr. Wolfgang Hausotter (Sonthofen) das Karpaltunnel-Syndrom. Das klinische Bild macht zusammen mit dem üblichen Provokationstest die Diagnose einfach. Nur im Frühstadium kann die Diagnose problematisch sein. Dann helfen die Bestimmung der distalen motorischen Latenzzeit und der distalen sensiblen Leitgeschwindigkeit des N. medianus weiter. Häufig werden entsprechende Beschwerden (im Handgelenk und in den Fingern mit Dysästhesien) beim Fahrradfahren ausgelöst, was sich durch Einengung des Karpalkanals erklären läßt. In der Anamnese sollte daher danach gefragt werden. In den meisten Fällen wird durch eine Operation der N. Medianus aus seiner Umklammerung durch Spaltung des Ligamentum carpi transversum befreit werden müssen.
Ein Sportler möchte ohne Trainings- und Leistungsunterbrechung weitermachen, gleichgültig, ob er verletzt ist oder einen Überlastungsschaden hat. Sportpausen gibt es heute nicht mehr, so Dr. Ralph Spintge (Lüdenscheid). Daher muß die Therapie möglichst ambulant und nicht-invasiv sein. Eine weitere Erfahrung von Spintge: Kein Athlet will, daß seine Schmerzen vollkommen ausgeschaltet werden. Denn der Sportler braucht die Warnfunktion des Schmerzes. Er ist für ihn ein bewußtes Steuerungsmittel im Training.
Trainer und Physiotherapeut müssen in die Therapie mit eingebunden werden. In der medizinischen Behandlung sollten Medikamente soweit wie möglich vermieden werden. Einerseits wegen der Dopingproblematik, andererseits wegen der hohen Belastung des Organismus durch das weiterlaufende Training. Sinnvoll ist ein multimodaler Therapieansatz: Ergänzend zur Physiotherapie und zum Aufbautraining werden physikalische Methoden eingesetzt, wie die TENS-Methoden.
Was für den Hochleistungssportler gilt, darf nicht auf den normalen Patienten übertragen werden. Bei ihm ist Schmerzfreiheit anzustreben. Das gilt vor allem für den Bewegungsapparat. Über 30 Prozent der Bevölkerung in den Industriestaaten klagt über episodisch auftretende Schmerzen im Bewegungssystem. Jeder vierte bis fünfte Erwachsene weist eine Erkrankung des Bewegungsapparates auf, und über 40 Prozent der über 65jährigen leiden an "rheumatischen" Erkrankungen, wobei Frauen deutlich überwiegen. Rückenschmerzen durch Dysbalance der Extensoren
In Deutschland leiden über drei Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Ein großer Teil von ihnen hat Rückenschmerzen, die in den meisten Fällen berufsbedingt sind. So ist das Personal in Krankenhäusern, Altenheimen und in der häuslichen Pflege durch langjährige Tätigkeiten in extremer Rumpfbeugehaltung für Erkrankungen der Lendenwirbelsäule prädisponiert. In diesen Fällen sind nicht Analgetika oder Muskelrelaxanzien primär indiziert, sondern regelmäßig durchgeführte Funktionsgymnastik für die wirbelsäulenstützenden Muskelgruppen, berichtete Dr. Jörn Winkler (Leverkusen). Defizite und Dysbalance der lumbalen und thorakalen Extensoren gelten als somatische Risikofaktoren für Rückenschmerzen.
Dr. Achim Denner und sein Team (Köln) entwickelten ein standardisiertes Trainingskonzept, das aus dynamischem Krafttraining, Dehnungs-, Entlastungs- und Entspannungsübungen sowie einer entsprechenden Information für die Patienten besteht. Durch diese Konditionierung steigen Maximalkraft und Leistungsfähigkeit der Rumpf-, Nacken- und Halsmuskulatur um durchschnittlich 30 bis 50 Prozent an. Rund 93 Prozent der Rückenschmerz-Patienten profitieren von breitspektraler Bewegungstherapie. Bei den meisten verbessert sich die Bewältigung der Alltagsaktivitäten, und gut die Hälfte der Teilnehmer berichtet über einen Anstieg der Lebensqualität.
Auch die Kosten werden durch das Trainingskonzept signifikant gesenkt: Der Medikamentenverbrauch sinkt um 55 Prozent, die physikalischen Maßnahmen um 65 Prozent und der Ausfall an Arbeitstagen wegen Rückenschmerzen um 66 Prozent, so daß ein durchschnittlicher Gewinn an 4,5 Arbeitstagen/Jahr resultiert. Denner wies ausdrücklich darauf hin, daß solche Trainingsmaßnahmen von den Kostenträgern finanziert werden.
Der Einfluß eines Sportprogrammes auf Patienten mit chronischen lumbalen Rückenschmerzen studierten Dr. Petra Sauer et al. (Göttingen) an 90 Patienten im mittleren Alter von 42 Jahren und mit einer Schmerzdauer von im Mittel mehr als zwölf Jahren. Die Patienten führten im Rahmen des Göttinger-Rücken-Intensiv-Programmes ein achtwöchiges ambulantes Kraft- und Ausdauertraining mit Stretching durch.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Schmerzintensität und subjektive Beeinträchtigung der Patienten wurden reduziert und die Funktionskapazität bei alltäglichen Aktivitäten deutlich angehoben. Die muskuläre Dehnfähigkeit und Kraftausdauerfähigkeit der Patienten nahm zu. Diese positiven Effekte waren noch ein Jahr nach Programmende uneingeschränkt vorhanden. Alle Patienten konnten die Analgetika-Einnahme deutlich redu
zieren. Siegfried Hoc


Um Knorpelschädigungen zu vermeiden, sollten Injektionen in das Kniegelenk am liegenden Patienten durchgeführt werden. Foto: Prof. R. Fricke, Sendenhorst


Als eine Behandlungsform gegen chronische Schmerzen stellte Dr. Christa Zumfeld-Hneburg (Bonn) in einem Workshop die chinesische Bewegungskunst Qigong Yangsheng (Qi = Lebenskraft, Gong = regelmäßig üben) vor. Diese Methode der traditionellen chinesischen Medizin bewirkt eine Änderung der Schmerzwahrnehmung und Schmerzverarbeitung. Physikalische Therapieformen wie Krankengymnastik und isometrisches Muskeltraining sowie Stimulationsverfahren wie TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation) sind ebenso im Qigong enthalten wie psychologische Verfahren (Entspannungstraining, autogenes Training und Hypnose). Vorstellungsbilder aus der Natur wie "fest verwurzelt stehen wie eine Kiefer" tragen dazu bei, die Aufmerksamkeit in bestimmte Körperbereiche zu lenken und damit die Schmerztherapie zu unterstützen. Qigong Yangsheng soll "die eigene Lebenskraft mobilisieren, um damit der Krankheit den Boden zu entziehen". hoc

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