ArchivDeutsches Ärzteblatt23/1996Psychoanalysen, die ihre Zeit brauchen

SPEKTRUM: Bücher

Psychoanalysen, die ihre Zeit brauchen

Henseler, Heinz; Wegner, Peter

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Gewinn des Patienten
Heinz Henseler, Peter Wegner (Hrsg.): Psychoanalysen, die ihre Zeit brauchen. Zwölf klinische Darstellungen. 2. Auflage, Westdeutscher Verlag, Opladen, Wiesbaden, 1996, 238 Seiten, kartoniert, 48 DM
Die Psychotherapie-Richtlinien sehen vor, daß eine ambulante Behandlung in aller Regel bis zu einem Limit von 300 Stunden von der Kasse bezahlt wird; außerdem sollen nicht mehr als drei Sitzungen pro Woche stattfinden.
Für etwa fünf Prozent der psychotherapeutischen Klientel ist dieser Rahmen zu eng gesteckt: wie in den zwölf in anonymisierter Form von zwölf Psychoanalytikern vorgestellten Kasuistiken eindrucksvoll belegt wird, brauchten diese Patienten zum Teil erheblich länger, um dauerhafte Behandlungserfolge zu erzielen – im Schnitt 760 Stunden, die "Spitzenreiterin" mit einer Borderline-Störung gar 1 500 Stunden, und dies mit einer Frequenz von vier bis fünf Wochenstunden. Dabei mußten die zusätzlichen Sitzungen von den Patienten mit einem reduzierten Kostensatz selbst bezahlt werden. In den Falldarstellungen wird deutlich, daß der psychoanalytische Prozeß durch tiefgreifende und oft beunruhigende Konflikte gehen muß – als Stichworte seien genannt: hartnäckige Abwehrsysteme, negative Übertragungen und Gegenübertragungen, Drohungen mit Beziehungsabbruch oder gar mit Suizid. Die Störungen der Patienten wurzeln vor allem in der Primärbeziehung Mutter–Kind und gehen mit einem großen Angstpotential einher. Die Bearbeitung dieser Problematik erfordert viel Zeit und Geduld, lohnt sich letztendlich aber nicht nur im Hinblick auf den persönlichen Gewinn des Patienten durch die signifikante Minderung seines seelischen Leidens, sondern auch ganz korrekt in Mark und Pfennig für die Solidargemeinschaft der Versicherten, wie eine Modellrechnung beweist.
Das Buch versteht sich als Plädoyer für die Aufweichung der starren Psychotherapie-Richtlinien in den Sonderfällen, wo eine langdauernde und hochfrequente psychoanalytische Behandlung notwendig erscheint. Wolfgang Schweizer, Neuenmarkt

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