ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1999Tagesordnungspunkt „Rehabilitation“: Neues Konzept entwickeln

POLITIK: Deutscher Ärztetag

Tagesordnungspunkt „Rehabilitation“: Neues Konzept entwickeln

Hofmann, Eva

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LNSLNS Ambulant und stationär tätige Ärzte sowie die
Leistungsträger werden aufgefordert, verstärkt miteinander zu kooperieren.


Das Rehabilitationssystem in Deutschland ist sehr unübersichtlich, ja nahezu "chaotisch". Bei den Delegierten indes bestand weitgehende Einigkeit darüber, in welche Richtung dieses System in Zukunft verändert werden sollte. Mit großer Mehrheit beschlossen sie die vorgelegten Anträge, die schnellstmöglich gesetzgeberische Maßnahmen zur Weiterentwicklung der medizinischen Rehabilitation fordern. Handlungsbedarf besteht: Anstatt miteinander zu kooperieren, grenzen sich die Rehabilitationsträger immer mehr voneinander ab. Die Zuständigkeiten und zeitlichen Abläufe der Verwaltungsverfahren sind für Ärzte und Patienten nicht verständlich und eher eine Behinderung als eine Hilfe. Anstatt trägerübergreifender verbindlicher Qualitätsstandards existieren bei den Reha-Trägern jeweils eigene Vorstellungen für Qualitätsvorgaben, Vergütung und Bedarfsbestimmungen. Anstatt einer Verzahnung von Akutmedizin und Rehabilitation besteht eine Diskrepanz zwischen kurativen und rehabilitativen medizinisch-therapeutischen Maßnahmen. Eine effektive und damit auch kostengünstige Frührehabilitation kann dadurch oftmals nicht realisiert werden. Ebenso mangelt es zur Zeit noch an wohnortsnahen, ambulanten Rehaeinrichtungen.
Zu wenig beachtet wird auch, daß "medizinische Rehabilitation ärztlicher Auftrag ist", erinnerte Rudolf Henke, Mitglied des Vorstandes der Bundesärztekammer und Internist aus Aachen. Rehabilitation sei das Mannschaftsspiel eines interdisziplinär agierenden Teams. Diese Reha-Mannschaft brauche einen "Trainer" mit fachärztlicher Qualifikation und Rehabilitationserfahrung, der ständig in der Einrichtung präsent ist. Diese Bedingungen an eine zielführende medizinische Rehabilitation stellte bereits der 100. Deutsche Ärztetag in Eisenach. Vor zwei Jahren wurde gleichfalls ein ganzheitlicher Ansatz der Rehabilitation, eine Schwerpunktfunktionsdiagnostik sowie die Fortsetzung der bereits bestehenden Qualitätssicherung gefordert. "Die aktuelle Bilanz des Systems ergibt aber beträchtliche strukturelle Mängel", resümierte Henke. Die Ursachen dafür sieht er bei gesetzgeberischen Unzulänglichkeiten, der Abgrenzung der einzelnen Reha-Träger und der fehlenden Wertschätzung der Rehabilitation. Die Regierung will ihren Ankündigungen zufolge die Rehabilitation fördern: Der Rehabilitationsbegriff soll von Krankenbehandlung und Vorsorge abgegrenzt, die Zuzahlungen für stationäre Rehabilitationsleistungen auf das Niveau der Zuzahlungen für Krankenhausbehandlung gesenkt und die dreiwöchige Regeldauer für die stationäre Rehabilitation durch eine indikationsspezifische Regelungsdauer ersetzt und flexibilisiert werden. Vorgesehen ist aber auch, daß die Krankenkassen "nach den medizinischen Erfordernissen des Einzelfalls Art, Dauer, Umfang, Beginn und Durchführung der Leistungen sowie die Rehabilitationseinrichtung" bestimmen sollen. Ausrichtung an medizinischen Kriterien
Bereits Ende 1998 hatte Bayern einen Gesetzesantrag eingebracht, nach dem allein wieder die Ärzte die erforderlichen Rehabilitationsmaßnahmen beurteilen und ausschließlich medizinische Gründe für die Bewilligung von Rehabilitationsmaßnahmen ausschlaggebend sein sollten. Zudem plädierte man in dem Antrag dafür, die zeitliche Begrenzung der Reha auf drei Wochen sowie die Möglichkeit, eine Reha nur alle vier Jahre in Anspruch zu nehmen, zu revidieren. Auf der Grundlage dieser Initiative und eines weiteren Antrags des Vorstandes der Bundesärztekammer beschloß der Ärztetag folgende Forderungen gegenüber den an der Rehabilitation Beteiligten und der Politik:
c Ausrichtung von Rehabilitationsmaßnahmen an medizinischen Kriterien: Allein dem Arzt obliegt die Entscheidung, ob medizinische Rehabilitation erforderlich ist; die zeitliche Begrenzung der Rehamaßnahmen muß entfallen.
c Schlüssel- und Leitfunktion des Arztes bei der Einleitung und Durchführung von Rehabilitationsverfahren: Durch Weiter- und Fortbildung soll die Kompetenz der Ärzte in Praxis und Krankenhaus auf dem Gebiet der Rehabilitation gestärkt werden.
c Vorrang ambulanter vor stationärer Rehabilitation: Der Grundsatz "Soviel ambulant wie möglich, soviel stationär wie nötig" gilt auch für den Bereich der medizinischen Rehabilitation. Ambulante Rehabilitationsmaßnahmen haben grund-sätzlich Vorrang vor einer stationären Rehabilitation. Möglichst wohnortsnahe ambulante Versorgungsstrukturen sollen zukünftig auf- und ausgebaut werden. c Integration von kurativer und rehabilitativer Medizin: Die im ambulanten und stationären Akutbereich tätigen Ärzte sollen stärker in das Rehabilitationsgeschehen einbezogen werden, um eine frühzeitige, nahtlose und kontinuierliche Rehabilitation zu gewährleisten. Beide Versorgungsbereiche müssen besser aufeinander abgestimmt werden.
c Gemeinsame Qualitätsanforderungen und indikationsspezifische Therapiekonzepte in der Rehabilitation: Für alle Reha-Träger sollen verbindliche Qualitätsanforderungen sowie indikationsbezogene Rehabilitationsleitlinien geschaffen und in der Rehabilitationspraxis realisiert werden. c Stärkung und Verbesserung des gegliederten Systems in der Rehabilitation: Vorgesehen ist ein Vorleistungsrecht der Gesetzlichen Krankenversicherung vor den Rentenversicherungsträgern. Nur durch eine zielgerichtete und effiziente Zusammenarbeit der zuständigen Leistungsträger und ein gemeinsames Verständnis von Rehabilitation kann das gegliederte System eine zeitnahe und nahtlose Rehabilitation durchgängig sicherstellen und die zum Teil beträchtlichen Verzögerungen im Rehabilitationsverlauf verhindern. Der Ärztetag appellierte an die verantwortlichen Finanzierungsträger, durch verstärkte Kooperation bestehende Schnittstellen zu minimieren, und forderte den Gesetzgeber auf, das Rehabilitationsrecht weiterzuentwickeln und eine harmonische Kodifizierung im Sozialgesetzbuch IX zu vollziehen. Eva Hofmann

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