ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2016Medizinisches Ethos: Brauchen wir ein neues Arztbild?

THEMEN DER ZEIT

Medizinisches Ethos: Brauchen wir ein neues Arztbild?

Dtsch Arztebl 2016; 113(17): A-816 / B-689 / C-683

Salis-Soglio, Georg von

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Das Rad muss nicht neu erfunden werden, sondern es bedarf lediglich nur einer Rückbesinnung auf das Einfache und Ehrliche.

Foto: picture alliance
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Sowohl während des Medizinstudiums als auch im Rahmen der Facharztweiterbildung steht heute die Vermittlung des rein fachlichen Wissens und Könnens eindeutig im Vordergrund. Dem Aspekt des ärztlichen Selbstverständnisses beziehungsweise des ärztlichen Ethos wird hingegen zumindest in den offiziellen Lehrplänen und Curricula eher wenig Beachtung geschenkt. Diesbezüglich wird nach wie vor meist auf den Eid des Hippokrates verwiesen, dessen Formulierungen aber vielleicht doch nicht mehr ganz zeitgemäß sind. Und auch der Inhalt der moderneren Version in Gestalt des Genfer Gelöbnisses von 1948 (neu gefasst 2006) dürfte nur wenigen Ärzten geläufig sein. In beiden Texten finden sich im Übrigen keine Aussagen zu wirtschaftlichen Aspekten in der Patienten-Arzt-Beziehung.

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Der mit den ökonomischen und bürokratischen Anforderungen verbundene hohe Zeitaufwand für nichtärztliche Tätigkeiten geht zwangsläufig zulasten der persönlichen Beziehung zwischen Patient und Arzt, was dann wiederum auf beiden Seiten zu einer weit verbreiteten Unzufriedenheit geführt hat.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage gerechtfertigt, ob es heute möglicherweise eines neuen Arztbildes bedarf, das den Entwicklungen der letzten Jahre und insbesondere den angesprochenen, nicht primär ärztlichen Aspekten Rechnung trägt. Ich möchte mich dieser Frage auf der Grundlage eines Zitats des Medizinhistorikers Herrmann Kerschensteiner (1873–1939) widmen, das auch heute noch große Aktualität besitzt:

„Der ärztliche Beruf ist wunderlicher Natur und immer wieder haben geistvolle Köpfe darüber nachgedacht, was eigentlich an diesem Gemisch von Wissenschaft, Kunst, Handwerk, Liebestätigkeit und Geschäft das Wesentliche ist.“

Die hier aufgeführten Facetten ärztlichen Handelns sollen im Folgenden mit Blick auf die heutige Situation in der Medizin kurz charakterisiert werden, um danach der Frage nachzugehen, ob wir ein neues Arztbild brauchen.

Handwerk

Selbstverständlich ist ärztliche Tätigkeit in erster Linie ein Handwerk, das wie in allen anderen Berufen erlernt werden kann und muss. Eine Besonderheit liegt allerdings darin, dass sich der Arztberuf mit der Gesundheit einem Gut widmet, welches unabhängig von der jeweiligen ethischen, politischen oder sonstigen Ausrichtung von den meisten Menschen als besonders kostbar eingeschätzt wird. Dies bedingt wiederum eine besondere Verantwortung für den Arzt und es beinhaltet auch die Verpflichtung, der Sorge um das gesundheitliche Wohlergehen der Patienten immer die höchste Priorität einzuräumen.

In diesem Zusammenhang sollte der Patient zunächst einmal darauf vertrauen können, dass der Arzt über die notwendigen Kenntnisse verfügt, um seine Beschwerden oder seine Erkrankung zuverlässig beurteilen und adäquat behandeln zu können und dass er ihn an andere Fachkollegen oder eine Klinik weiterleitet, wenn er an die Grenzen seiner eigenen Fachkompetenz stößt. Trotz der vielfach propagierten Informationsmöglichkeiten über das Internet und andere Medien sind Patienten auch heute kaum in der Lage, die fachliche Qualifikation eines Arztes oder einer Klinik bereits im Vorwege zu beurteilen. Daher scheint Skepsis gegenüber den verschiedenen Bewertungsportalen und Ärzterankings angebracht, aber auch gegenüber überzogenen Marketingaktivitäten von Ärzten oder Kliniken. Die Qualität eines Arztes spricht sich auch so herum, und im Übrigen ist es Aufgabe der ärztlichen Selbstverwaltung, durch geeignete Maßnahmen der Qualitätssicherung ein hohes fachliches Niveau in Praxis und Klinik sicherzustellen. Der kranke und hilfsbedürftige Patient sollte sich auch heute noch mit einem Urvertrauen an einen Arzt oder eine Klinik wenden und dabei davon ausgehen können, dass ihm entsprechend dem bestmöglichen fachlichen Standard und im Übrigen auch ohne ökonomische Hintergedanken geholfen wird.

Kunst

Im ärztlichen Bereich ist von Kunst meist im Zusammenhang mit besonders schwierigen Operationen die Rede, und in der Tat sind hier oftmals überdurchschnittliche handwerkliche Leistungen zu bewundern. Eine Beschränkung auf das operative Fachgebiet ist allerdings nicht gerechtfertigt, denn nicht minder kunstvoll können rein diagnostische Maßnahmen oder konservative Behandlungen sein, so beispielsweise interventionelle Eingriffe in der Radiologie/Angiologie/Kardiologie, die konservative Behandlung hämato-onkologischer Erkrankungen oder schwerer Infektionen sowie intensivmedizinische Maßnahmen bei Patienten mit einem lebensbedrohenden Polytrauma.

Ärztliche Kunst ist aber noch durch etwas Weiteres gekennzeichnet, nämlich durch die Liebe zur Anatomie und die Ehrfurcht vor der wunderbaren Funktionsweise des menschlichen Organismus. Dies möge bereits an dieser Stelle ein Hinweis darauf sein, dass bei der Beurteilung eines Arztes seine medizinisch-fachliche Leistung und seine ethische Grundeinstellung nicht voneinander getrennt werden können.

Wissenschaft

Auch ohne wissenschaftliche Aktivitäten gibt es hervorragende Ärzte, die sich ausschließlich in den Dienst der unmittelbaren Krankenversorgung stellen. Gleichwohl sind Forschung und Lehre, auch wenn sie nicht zwangsläufig zur Tätigkeit eines jeden Arztes gehören, selbstverständlich auch in der Medizin unverzichtbar. Dabei ist ein wesentlicher Unterschied zu früheren Jahren darin zu sehen, dass sich Forscher oder Universalgelehrte früher mehr oder weniger alleine einem wissenschaftlichen Problem widmeten, während heute interdisziplinäres Denken und Handeln in den Vordergrund gerückt ist.

Die Bedeutung der Lehre liegt keinesfalls nur in der alleinigen Wissensvermittlung, sondern sie sollte stets auch durch den persönlichen Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden geprägt sein. Moderne Lehrmethoden unter Nutzung elektronischer Medien besitzen zu Recht hohen und sicherlich noch zunehmenden Stellenwert. Sie werden allerdings niemals das Gespräch und die menschliche Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ersetzen können, da nur auf diesem Wege das ärztliche Ethos vermittelt und möglichst auch vorgelebt werden kann.

Geschäft

Ohne Zweifel ist die Medizin mittlerweile auch zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor und prägenden Teil unserer Volkswirtschaft geworden. Und das ärztliche Handeln muss heute nicht nur in medizinisch-fachlicher, sondern auch in ökonomischer Hinsicht verantwortungsbewusst sein. Das ärztliche Ethos ist nicht gefährdet, wenn bei der ärztlichen Tätigkeit auch ökonomischen Gegebenheiten in angemessener Weise Rechnung getragen wird.

Eine große Gefahr geht allerdings vom Ökonomismus aus, worunter definitionsgemäß die Überzeugung zu verstehen ist, dass sich in der menschlichen Gesellschaft der Lauf der Dinge grundsätzlich primär an wirtschaftlichen Überlegungen zu orientieren hat. In vielen Bereichen unseres Lebens ist dies inzwischen Realität und wird offensichtlich von vielen oder sogar den meisten Menschen hingenommen. Dieser Ökonomismus ist mittlerweile auch in die Medizin eingedrungen, wobei die Anhänger keineswegs nur im nichtärztlichen Bereich anzutreffen sind. Es ist heute die eigentlich unfassbare Tatsache zu konstatieren, dass ärztliches Handeln vielfach in erster Linie von ökonomischen Erwägungen und – schlimmer noch – vom zu erwartenden finanziellen Gewinn bestimmt wird. Dies gilt im Übrigen gleichermaßen für Praxis und Klinik und spiegelt sich auch in einer veränderten Begrifflichkeit wider.

Eine der größten Herausforderungen besteht heute darin, der Dominanz dieses Ökonomismus entgegenzutreten. Ökonomische Aspekte dürfen in der Patienten-Arzt-Beziehung niemals an erster Stelle stehen. Hauptmotiv ärztlichen Handelns muss immer das Bemühen und die Sorge sein, dem kranken oder vielleicht auch nur ratsuchenden Menschen in angemessener Weise zu helfen. Bei dieser Grundeinstellung ergibt sich im Übrigen auch zwangsläufig eine ganz andere Hierarchie in der medizinischen Wortwahl.

Medizinische Nomenklatur in Zeiten des Ökonomismus
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Medizinische Nomenklatur in Zeiten des Ökonomismus

Die regen Diskussionen zu dieser Thematik in den vergangenen Jahren sind mittlerweile wieder etwas abgeflaut, und es hat sich diesbezüglich vielerorts eine gewisse Resignation breitgemacht. Die Antwort hierauf muss aber lauten, dass gerade Ärzte als maßgebliche Leistungsträger eine besondere Verantwortung für die Entwicklung der Medizin tragen und dies auch unter Beweis stellen müssen. Sie sollten daher zumindest in ihrem persönlichen Umfeld die Konsequenz und die Zivilcourage aufbringen, die nötig sind, um sich dem inzwischen allzu stark ökonomistisch geprägten „Zeitgeist“ zu widersetzen.

In diesem Zusammenhang plädiere ich dafür, den Begriff „ärztliches Ethos“ durch den Begriff „medizinisches Ethos“ zu ersetzen oder zu erweitern. Alle im Gesundheitswesen tätigen Personen sind für eine fachlich gute, menschliche und ökonomisch verantwortungsbewusste Medizin verantwortlich, also keinesfalls nur die Ärzte, sondern auch alle anderen medizinischen und nichtmedizinischen Mitarbeiter. Und ebenso unverzichtbar ist die organisatorische und ökonomische Kompetenz der Verwaltungen und vieler weiterer mit der Medizin befasster Einrichtungen. Sie alle tragen ihren Teil zum Wohlergehen der Patienten bei und sollten sich daher auch gemeinsam einem medizinischen Ethos verpflichtet fühlen. Dies würde nicht zuletzt auch das so wichtige Gefühl der Gemeinsamkeit und der gemeinsamen Verantwortung stärken und aufreibende Konflikte zugunsten eines partnerschaftlichen Miteinanders vermeiden helfen.

Liebestätigkeit

Natürlich sind von einem Arzt primär ein umfassendes Wissen und ein fachlich korrektes Handeln zu erwarten. Aber der Arzt hilft eben nicht nur durch die Anwendung moderner Wissenschaft und Technik, sondern vor allem auch durch die persönliche Beziehung zum Patienten, das einfühlsame Gespräch, das Beraten und das Beruhigen. Was aus einem versierten Fachmann erst einen guten Arzt macht, ist die Menschlichkeit, also die ehrliche Zuwendung zu seinem Patienten, das Einfühlungsvermögen, das Sich-Hineinversetzen in die konkrete Situation des Betroffenen.

Elementare Begriffe ärztlichen Handelns
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Elementare Begriffe ärztlichen Handelns

Ärzte können großartige handwerkliche Leistungen vollbringen und erkrankte Organe und Organsysteme wieder funktionsfähig machen. Dennoch werden Patienten oftmals unzufrieden sein, wenn ihnen nicht die nötige menschliche Zuwendung entgegengebracht wurde. Und ebenso zeigt die Erfahrung, dass Patienten auch trotz ungünstiger Behandlungsverläufe dankbar sind, wenn sie die persönliche Anteilnahme und Fürsorge der Ärzte spüren.

Am Ende meines ersten klinischen Studentenpraktikums vor 45 Jahren hat mir der Chefarzt, ein herausragender Chirurg, wörtlich gesagt: „Vergiss nie: Das Wichtigste ist, Mensch zu bleiben!“ Ich habe diesen so einfach klingenden Satz nie vergessen, aber die besondere Bedeutung ist mir erst viele Jahre später bewusst geworden.

Besinnung auf das Einfache

Die zu Beginn dieser Ausführungen aufgeworfene Frage ist nach diesen Ausführungen eindeutig zu beantworten: Trotz der beschriebenen Entwicklungen in der Medizin brauchen wir heute kein neues Arztbild. Alle im Zitat von Kerschensteiner genannten Facetten gehören auch heute noch zum Bild des Arztes und sie machen gerade in ihrer Gesamtheit den besonderen Reiz dieses Berufes aus. Und je nach persönlicher Neigung und Eignung wird man seine Schwerpunkte in einem der vielen Bereiche ärztlicher Tätigkeit setzen und dort auch Befriedigung finden können.

Dringend erforderlich erscheint aber eine eindeutige Gewichtung: Fachliches Können und Menschlichkeit sollten untrennbar miteinander verbunden sein und stets an erster Stelle stehen. Trotz zunehmender Beanspruchung und Arbeitsverdichtung sollten Ärztinnen und Ärzte sich immer wieder die nötige Zeit und Ruhe zum Nachdenken und zur Besinnung nehmen, um das für sie Wesentliche zu erkennen und möglichst auch danach zu handeln. So werden sie wieder zu einem tiefen und befriedigenden Selbstverständnis ihres Berufs gelangen können. Dies wird letztlich auch wieder zu der nötigen Aufrichtigkeit, Vertraulichkeit und vielleicht auch Bescheidenheit im Verhältnis zwischen Patient und Arzt führen. Das Rad muss nicht neu erfunden werden, sondern es bedarf lediglich nur einer Rückbesinnung auf das Einfache und Ehrliche, was ursprünglich auch das Kennzeichen der Patienten-Arzt-Beziehung war oder zumindest sein sollte.

Prof. em. Dr. med. Georg von Salis-Soglio

ehemaliger Direktor der Orthopädischen
Universitätsklinik Leipzig

GEGEN DEN AUSUFERNDEN ÖKONOMISMUS

Ökonomische Gesichtspunkte und bürokratische Anforderungen sind heute in der Medizin in den Vordergrund gerückt und haben zu einer weit verbreiteten Unzufriedenheit bei Ärztinnen/Ärzten und Patientinnen/Patienten geführt. Dies spiegelte sich in den vergangenen Jahren in lebhaften Diskussionen über das ärztliche Selbstverständnis beziehungsweise das ärztliche Ethos wider, wobei mittlerweile aber eine gewisse Resignation zu registrieren ist („man kann ja sowieso nichts mehr daran ändern“). Es erscheint nötiger denn je, dem ausufernden Ökonomismus entgegenzutreten und sich auf die Grundwerte ärztlichen Handelns zu besinnen. Die Verpflichtung aller in der Medizin tätigen Personen und Institutionen auf ein gemeinsames „medizinisches Ethos“ könnte dazu beitragen, fachliches Können und Menschlichkeit wieder in den Mittelpunkt unserer Tätigkeit zu stellen.

Medizinische Nomenklatur in Zeiten des Ökonomismus
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Medizinische Nomenklatur in Zeiten des Ökonomismus
Elementare Begriffe ärztlichen Handelns
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Elementare Begriffe ärztlichen Handelns

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