ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2016Krebsrisiko nach Organtransplantation: Sterblichkeit an de-novo-Tumoren verdoppelt sich

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Krebsrisiko nach Organtransplantation: Sterblichkeit an de-novo-Tumoren verdoppelt sich

Dtsch Arztebl 2016; 113(17): A-828 / B-702 / C-692

Siegmund-Schultze, Nicola

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Malignome können Indikation sein für Organtransplantationen, aber auch eine Komplikation, bei der die Intensität der Immunsuppression des Empfängers von Bedeutung ist. In den meisten bislang publizierten Studien- und Registerdaten sind die Inzidenzen der verschiedenen Malignome untersucht worden. Zur Krebssterblichkeit, vor allem zur Sterblichkeit an de-novo-Tumoren nach Organübertragung, gab es bislang wenig Daten.

Diese Lücke schließt eine populationsbasierte Kohortenstudie aus Kanada (1). Von 1991 bis 2010 hatten 11 061 Einwohner (medianes Alter: 49 Jahre) des Staates Ontario ein neues Organ erhalten. Die Nachbeobachtungszeit betrug bis 22 Jahre, median waren es 6,63 Jahre.

Kumulative Inzidenz der Todesfälle mit maligner und nicht-maligner Ursache nach Organtransplantation
Grafik
Kumulative Inzidenz der Todesfälle mit maligner und nicht-maligner Ursache nach Organtransplantation

3 068 der Organempfänger sind gestorben, davon 603 (20 %), an einem Malignom. Die standardisierte Mortalitätsrate (SMR) beträgt im Vergleich zur altersentsprechenden Allgemeinbevölkerung 2,84 (95-Prozent-Konfidenzintervall [KI]: 2,61–3,07). Wurden Todesfälle von Organempfängern mit vorbestehenden Tumoren ausgeschlossen, war die Krebssterblichkeit im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung verdoppelt (SMR: 1,93; 95-%-KI: 1,75–2,13). Bei Kindern und Jugendlichen, die ein neues Organ erhalten hatten, wurde eine SMR von 84,61 ermittelt (95-%-KI: 52,0–128,40), bei Organempfängern älter als 60 Jahre von 1,88 (95-%-KI: 1,62–2,18). Die mediane Zeit zwischen Transplantation und der Diagnose von de-novo-Malignomen lag bei 5,16 Jahren (95-%-KI: 2,22–9,43). Besonders deutlich war das Krebssterblichkeitsrisiko erhöht durch Tumore mit infektiös bedingter Etiologie (SMR: 6,57; (95-%-KI: 5,76–7,25).

Fazit: Die Krebssterblichkeit ist bei Transplantatempfängern gegenüber der Allgemeinbevölkerung um den Faktor 2,8 erhöht und für de-novo-Malignome doppelt so hoch. „Die Ergebnisse nach Organtransplantation haben sich stetig verbessert, die Sterblichkeit an anderen Ursachen als malignen Tumoren ist deutlich zurückgegangen“, kommentieren Dr. med. Marianne Schmid vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Kollegen (2). Krebs werde damit als Ursache einer Frühsterblichkeit bedeutender. Eine Prädisposition für Tumore durch die Abstoßungsprophylaxe sei eine Erklärung, aber auch Unterschiede im klinischen Verlauf der Erkrankungen zwischen Organempfängern und Allgemeinbevölkerung. Für Organempfänger seien Screenings auf Tumoren besonders wichtig und Methoden, deren Nutzen-Risiko-Verhältnis für die Allgemeinbevölkerung kritisch bewertet werde, könnten für vulnerable Gruppen wie diese eventuell sinnvoll sein. In Deutschland leben zur Zeit circa 100 000 Organempfänger.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Acuna SA, Fernandes KA, et al.: Cancer mortality amog recipients of solid-organ transplantation in Ontario, Canada. JAMA Oncol 2016; 2: 463–9.
  2. Schmid M, Chun FKH, Trinh QD: Targeted cancer Screening after solid-organ transplantation. JAMA Oncol 2016; 2: 470.

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