ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2016Finanzausgleich: Werden Kassen für Prävention bestraft?

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Finanzausgleich: Werden Kassen für Prävention bestraft?

Dtsch Arztebl 2016; 113(17): A-801 / B-679 / C-671

Beerheide, Rebecca

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Präventionsangebote sind für Patienten sinnvoll – soweit sind sich alle einig. Doch einige Krankenkassen sehen ihr Engagement für die Erhaltung der Gesundheit im Risiko­struk­tur­aus­gleich unter den Krankenkassen nicht ausreichend gewürdigt.

Sportkurse und andere Präventionskurse wirken sich für Krankenkassen beim Finanzausgleich untereinander negativ aus. Foto: dpa
Sportkurse und andere Präventionskurse wirken sich für Krankenkassen beim Finanzausgleich untereinander negativ aus. Foto: dpa

Mehrere Krankenkassenverbände laufen Sturm gegen die Verteilung der Gelder aus dem Gesundheitsfonds durch den morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich, kurz Morbi-RSA. Neben dem Dachverband der Betriebskrankenkassen (BKK) fühlt sich auch der Dachverband der Innungskrankenkassen (IKK) gegenüber den Kassen des AOK-Verbundes deutlich benachteiligt. Um ihre Ziele zu artikulieren, haben zwölf Krankenkassen zusätzlich die RSA-Allianz gegründet. Sie setzen sich gegen die Zuweisung auf Grund des Erwerbsminderungsstatus eines Versicherten ein. Ebenso kritisieren sie Zuschläge für im Ausland wohnende Versicherte sowie Krankengeldzuweisungen. Bei beiden Themen sind noch Verfahren vor den Landessozialgerichten anhängig. Vorteile aus den derzeitigen Zuweisung ziehen nach Darstellung der Kassen in der RSA-Allianz vor allem die AOKen.

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Jüngster Vorstoß in der Diskussion kommt nun von den IKKen mit ihren sechs Mitgliedskrankenkassen: Sie rechnen in einer Studie vor, wie sehr sie durch Ausgaben für Prävention strukturell benachteiligt werden. Für die Studie wurden die Daten von rund 6,3 Millionen Versicherte zwischen 2010 und 2014 ausgewertet. Die Versicherten wurden dabei in zwei Gruppen geteilt: Die, die an Präventionsprogrammen teilnehmen und die, die eher „Präventionsmuffel“ sind.

70 Euro pro Jahr eingespart

Ergebnis der Analyse: Für Versicherte, die gesundheitsbewusst sind und Präventionsangebote annehmen, mussten die IKKen pro Jahr im Schnitt 70 Euro weniger für Leistungen zahlen. Laut den Studienautoren sind dies vor allem geringere Kosten für Arzneimittel und weniger Kranken­haus­auf­enthalte.

Gegensätzlich entwickelten sich allerdings die Zuweisungen, die Kassen aus dem Gesundheitsfonds erhalten: Während sich 2011 Präventionsangebote für Kassen mit 13 Euro je Versicherten noch lohnten, kippte der Deckungsbeitrag 2014, so dass präventionsfreudige Menschen rund 36 Euro „teurer“ waren. Schließlich bekommen Kassen für „gesündere“ Versicherte weniger Fonds-Zuweisungen.

„Für die Krankenkassen ist die Investition in die Gesundheit ihrer Versicherten ein Verlustgeschäft“, erklärte Jürgen Hohnl, Geschäftsführer des IKK-Verbandes auf einer Pressekonferenz seines Verbandes. Daher stelle sich für Kassenmanager schon die Frage, wer denn noch langfristig in Prävention investiere, wenn die Kasse für gesündere Mitglieder finanziell benachteiligt werde. Laut Hans Peter Wollseifer, Vorstandsvorsitzender des IKK-Verbandes, werden im aktuellen Finanzausgleich zwischen den Kassen „Präventionsanreize systematisch untergraben“. Nach der Berechnung seines Verbandes mussten die Innungskrankenkassen im Jahr 2014 mehr als 40 Millionen Euro für die Präventionsarbeit aus eigenen Mitteln finanzieren.

Appell: Neue Regeln in 2016

Der AOK-Bundesverband wies die Analysen der IKKen zurück. Es sei „volkommen abwegig“, dass der Finanzausgleich zwischen den Kassen präventionsfeindlich sei, erklärte AOK-Chef Martin Litsch.

Auch der BKK-Dachverband hat sich in der Diskussion um eine neue Verteilungssystematik im Fonds an das Ministerium gewandt: In einem Brief an Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) appelliert der Verband, den Morbi-RSA noch in dieser Legislaturperiode zu korrigieren. Denn bereits jetzt führe der Morbi-RSA zu Fehlsteuerungen, „die für eine beträchtliche Zahl von Krankenkassen existenzbedrohend sind“, heißt es in dem Schreiben des Vorstands Daher dürften Korrekturen „nicht bis zur nächsten Legislaturperiode verschoben werden.“

Rebecca Beerheide

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